John Terry spielt seit dem Jahr 1998 beim FC Chelsea © getty

John Terry beendet seine von Affären überschattete Laufbahn im englischen Nationalteam. Nachgeweint wird ihm kaum.

München/London - Noch einmal, vielleicht ein letztes Mal Wembley.

Als John Terry am Montagmorgen das Heiligtum des englischen Fußballs betrat, hatte er seine Fußball-Schuhe zu Hause gelassen, auch auf den "heiligen Rasen" durfte der Profi des FC Chelsea nicht.

Vielleicht wird er dort nie wieder zu sehen sein, ganz sicher nicht im Trikot mit den Three Lions.

Der ehemalige Kapitän hat am Sonntag überraschend seinen Rücktritt aus der englischen Nationalmannschaft erklärt. Nach Wembley kam er nicht aus sportlichen Gründen.

Terry: "Unhaltbare" Position

Der englische Verband FA hatte Terry zur Anhörung in einem der unappetitlichsten Fälle der jüngeren englischen Fußball-Geschichte einbestellt - und damit, wie Terry bekundete, seine Position in der Mannschaft "unhaltbar" gemacht.

Terry soll seinen Gegenspieler Anton Ferdinand im vergangenen Oktober in einem Spiel der Premier League rassistisch beleidigt haben.

Obwohl ihn ein ordentliches Gericht im Juli freigesprochen hatte, ermittelte die FA weiter. Deshalb, sagte er, sei er zum Rücktritt gezwungen gewesen. Nach 78 Länderspielen.

Nummer fünf in der ewigen Liste

Nur vier Spieler trugen häufiger die Binde für den Weltmeister von 1966 als der 31-Jährige.

Terry spielte bei jeweils zwei Welt- und Europameisterschaften für England, im vergangenen Sommer war er neben Steven Gerrard der beste "Löwe".

Und dennoch war seine Zeit im weißen Shirt schon bevor er Ferdinand als "fucking black cunt" beschimpft haben soll "eine groteske Karikatur dessen, was eine Nationalmannschaftskarriere sein sollte", wie der "Mirror" kommentierte.

Zweimal seines Amtes enthoben

Terry ist der einzige Kapitän der Three Lions in der 140-jährigen Länderspiel-Geschichte, der gleich zweimal seines Amtes enthoben wurde.

Zum ersten Mal verlor er das "Armband" nach einer Affäre mit der Ex-Freundin seines ehemaligen Mitspielers Wayne Bridge vor der WM 2010. Die Mannschaft war deshalb bei der Endrunde in Südafrika in zwei Lager gespalten.

Im März 2011 machte ihn Fabio Capello wieder zum Captain, ehe ihn die FA im vergangenen Februar erneut absetzte - und Capello deswegen seinen Rücktritt verkündete.

"Zu viele Peinlichkeiten"

Henry Winter, einer der profiliertesten englischen Journalisten, nannte Terrys Rücktritts-Begründung im "Daily Telegraph" "Nonsense".

Terry habe seinen Absturz selbst verschuldet, "zu viel Ärger, zu viele Peinlichkeiten" habe er zu verantworten. Winter schloss: "Die Nationalmannschaft wird ohne Terry überleben." In anderen Blättern war der Tenor ähnlich.

Terry habe "kein Recht, sich als Opfer zu stilisieren", schrieb der "Guardian", der "Daily Mirror" meinte, Terry habe "die FA wiederholt beschämt".

Verband ohne Verständnis

Die FA reagierte mit Unverständnis auf Terrys Entscheidung.

"Ich sehe nicht, wie wir seine Position in der Mannschaft unhaltbar gemacht haben", sagte Generalsekretär Alex Horne auf dem Weg zur Anhörung.

Der Vorfall vom vergangenen Oktober habe nichts mit der Nationalmannschaft zu tun. "Ich kann beide Dinge trennen", sagte Horne, "aber es sah nicht so aus, als könnte er das auch."

Sperre und Geldstrafe droht

Terry hat nie geleugnet, besagte Wendung gegenüber Ferdinand benutzt zu haben.

Er habe sich bei Ferdinand allerdings versichern wollen, ob der ihn beschuldigte, ihn zuvor auf diese Weise beleidigt zu haben, betonte er.

Sollte die FA zu einem anderen Schluss kommen, droht Terry eine lange Spielsperre und eine hohe Geldstrafe. Mit einem Urteil wurde nicht vor Dienstag gerechnet.

Hodgson in der Bredouille

Sein letztes Länderspiel bestritt Terry am 7. September, beim 5:0 gegen Moldawien in Chisinau. Kurz vor Spielende humpelte er verletzt vom Feld.

Sein Rücktritt bringt nun auch Nationaltrainer Roy Hodgson in die Bredouille, denn er verstärkt die Rufe nach einem Nationalmannschafts-Comeback eines Verteidiger-Kollegen, den er bei der EM zu Hause ließ.

Aus sportlichen Gründen, wie Hodgson sagt. Aus ganz anderen Gründen, vermuten fast alle anderen.

Der Name des Spielers: Rio Ferdinand, Bruder eines gewissen Anton Ferdinand.

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