Nach dem Einzug Casablancas ins WM-Finale steht Marokko Kopf. Das ganze Land will Raja gegen die Münchner zum Sieg peitschen.

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Aus Marrakesch berichtet Tom Vaagt

Marrakesch - Die Nacht war grün und weiß und laut.

Bis in die Zimmer der Bayern-Profis im schicken Teamhotel Four Seasons drangen das Hupen der Autos und die Schreie der Freude vor. Es war wohl nur ein Vorgeschmack auf das, was Kapitän Philipp Lahm Co. am Samstag im Finale der Klub-WM in Marrakesch erwartet.

Plötzlich hat dieses Turnier in Marokko seine ganz besondere Geschichte. Weitab von blanken Ergebnissen, Statistiken und Personalien. Sie handelt von einem Außenseiter, dessen Teilnahme eigentlich nur als Zugeständnis an das Gastgeberland vorgesehen war.

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Und von einer Nation, die diesen Verein mit all der Kraft von Stolz und Euphorie zum eigentlich Unmöglichen tragen will.

Raja Casablanca fordert den FC Bayern im Kampf um den Titel. Der Underdog ist nicht mehr nur schlicht Marokkos Meister. Er ist die Hoffnung eines ganzen Landes.

Pure Freude auf Marokkos Straßen

Das 3:1 (0:0) im Halbfinale gegen die hoch favorisierten Brasilianer von Atletico Mineiro (Bericht) war vielleicht der Höhepunkt des Mittwochabends. Am Ende möglicherweise aber doch nur der Prolog, für das, was kam. Und für das, was am Samstag kommen kann.

Enthemmt und überglücklich feierten die Menschen den größten Triumph der Klub-Geschichte. Freudenfeuer wurden entzündet. Große Gefühle bahnten sich ihren Weg durch die verstopften Straßen. Überall marokkanische Fahnen.

Die spätabendlichen Nachrichtensendungen unterbrachen ihre herkömmliche Berichterstattung und schalteten zu dem, was man wohl Breaking News nennt. Oder Freude pur.

Die älteren Damen mit grauen Kopftüchern erklärten den TV-Kameras die Wucht des sportlichen Erfolges ebenso ausgelassen wie die Teenager mit Fan-Untensilien in Casablancas Vereinsfarben grün und weiß.

"Der Traum geht weiter"

"Es ist, als stünde ganz Marokko hinter uns. Mit einer solchen Unterstützung gelingen unglaubliche Dinge", sagte Mittelfeldspieler Chemseddine Chtibi: "Die Jubelszenen nach unseren Siegen pushen uns noch weiter."

Der gegen Atletico Mineiro herausragende Torjäger Mouhssine Iajour ergänzte: "Der Traum geht weiter - und wenn es nach uns geht, bis zum Abpfiff des Finales gegen Bayern. Wir geben eben niemals auf."

Bei der Klub-WM gab es das schon mehrfach zu bestaunen. Anders als die Bayern, die erst am Dienstag beim 3:0 im Halbfinale gegen Asiens Champions-League-Sieger Guangzhou Evergrande aus China in das Turnier eingestiegen waren, hat Raja schon drei Partien in den Knochen.

2:1 in den Playoffs gegen den Auckland City FC. 2:1 nach Verlängerung im Viertelfinale gegen CF Monterrey aus Mexiko. Und jetzt das 3:1 gegen Mineiro (Bericht).

Glück bei Elfmeterpfiff

Die Brasilianer hatten gegen Casablanca zwar gut begonnen und waren durch einen Zauber-Freistoß des ehemaligen Weltfußballers Ronaldinho auch zum zwischenzeitlichen 1:1 gekommen. Doch am Ende hatten sie Rajas Power nicht mehr viel entgegenzusetzen.

Wobei: Hätte Schiedsrichter Carlos Velasco Carballo aus Spanien ein Einsteigen Revers gegen Iajour nicht als Foul gewertet und sechs Minuten vor dem Ende auf Strafstoß entschieden ? wer weiß?

Doch für derartige Theorien war am Mittwochabend nur wenig Platz (DATENCENTER: Der Spielplan der Klub-WM).

"Werden noch einmal alles geben"

Raja hatte im Gegensatz zu den sechs anderen WM-Teilnehmern in der vergangenen Saison keinen internationalen Titel eingefahren.

Doch der elfmalige marokkanische Meister gilt in seiner Heimat als "Verein des Volkes" ? was dieser Titel wert ist, war am Mittwoch zu sehen. Und auch die Bayern sollen dies zu spüren bekommen.

"Sie sind eine fantastische Mannschaft und haben in Pep Guardiola einen großen Trainer. Aber wir werden auch im Finale selbstbewusst antreten, an uns glauben und noch einmal alles geben", kündigte Raja-Trainer Faouzi Benzarti an.

Der Tunesier hatte den Klub erst kurz vor WM-Beginn übernommen. Sein Vorgänger war wegen Erfolglosigkeit entlassen worden.

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