Seit 13 Jahren wartet Sisyphos und Schmuddelkind Atletico auf einen Sieg gegen das marmorweiße Real - ein Job für ganze Kerle.

Dieser vermaledeite schwere Marmorblock. Jeden Tag wenn Du glaubst, jetzt flutscht das Ding über'n Berg, rutscht es Dir aus der Hand und rollt den Abhang hinunter.

Sisyphos ist der wohl bekannteste tragische Held der griechischen Mythologie. Körperlich schwere und absolut nutzlose Arbeit als ewige Strafe. Albert Camus definierte die Fabel des Sisyphos als Leitfigur des Absurdismus.

Geh mir weg mit dem verkopften Franzosen. Null Ahnung, dieser Camus!

Eine Herausforderung ist es! Die ideale Möglichkeit, das Unmögliche möglich zu machen und als Unmöglichkeit zu widerlegen.

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Ein Job für ganze Kerle. Einer wie Diego Simeone!

Seit 13 Jahren wartet Atletico Madrid auf einen Derbysieg gegen das marmorweiße Real. Sie haben sich zurückgekämpft aus der Zweitklassigkeit und der drohenden Insolvenz. Sie haben zweimal in den letzten drei Jahren die Europa League gewonnen. Doch das emotional Wichtigste, ein Sieg über den Stadtrivalen, Fehlanzeige seit 1999.

Seit über einem Jahrzehnt konnten die Fans von Real den Konkurrenten vor der eigenen Haustür überheblich abtun. Wir sind die Königlichen. Der restliche Fußballadel Europas wie Barca, München, Manchester und Mailand sind unsere Gegner. Und nicht dieses Schmuddelkind aus der Nachbarschaft.

Doch am kommenden Wochenende drohen Tritte vor's blaublütige Schienbein. Denn mit Diego Simeone, schon als Spieler 1996 Mitglied der letzten Meistermannschaft Atleticos, hat der kleinere der Madrider Vereine seine aufbegehrende Identität wiedergefunden.

Simeone selbst nennt sich seit seiner Jugend "Cholo". In Südamerika die Bezeichnung für unterprivilegierte Kinder mit indigener Herkunft, die sich durchbeißen müssen. Eigentlich ein abwertendes Schimpfwort. Simeone trägt den Namen mit trotzigem Stolz.

"Cholo" - das paßt nicht nur vom Klang hervorragend zu "Colchoneros", den schuftenden Matrazenmachern von Atletico Madrid.

Wie der Klub selbst stand auch Simeone nie für Eleganz, für Schönheitsideale wie Galacticos, Tiki-Taka oder Fußball Total, sondern für schnörkellose Arbeit.

Das muß nicht immer ehrlich sein. Bei seiner berühmteste Situation als Spieler, dem Platzverweis gegen David Beckham bei der WM 1998, gab Simeone nachher unumwunden zu, geschauspielert zu haben. Als "Cholo" muss man jeden sich bietenden Vorteil nutzen. Überlebenskampf im Armenviertel. Keine Zeit für schlechtes Gewissen.

Simeone hat sich immer den unbequemen Herausforderungen gestellt. Meister in Spanien und Italien: aber nicht mit den Topklubs, sondern mit den Außenseitern Atletico und Lazio.

Bis Mitte Dreißig hat der Argentinier seine Knochen hingehalten und die der Gegenspieler poliert. Und auch in nur sechs Jahren als Trainer schon einiges bewirkt. In schier aussichtsloser Situation noch den Klassenerhalt bei Racing Buenos Aires geschafft, daraufhin Estudiantes zur ersten Meisterschaft seit 23 Jahren geführt, ein weiterer Titel mit River Plate.

Und nun der beste Saisonstart von Atletico in der Vereinsgeschichte. Acht Punkte vor Real Madrid.

Die elf Siege in 13 Spielen waren größtenteils eng und umkämpft. Hart und argentinisch eben, wie es bei Atletico seit den 50er Jahren Tradition hat. Auch Ausnahmestürmer Radamel Falcao passt perfekt ins Bild. Kein hakenschlagender Leichtfuß wie Cristiano Ronaldo oder Messi, sondern ein geradliniger Goalgetter alter Prägung.

Mit dieser Mischung scheint bei Atletico auch das Unmögliche möglich. Nicht nur ein Derbysieg am Wochenende. Vielleicht sogar die Meisterschaft gegen das übermächtige Barca.

Denn warum hatte der arme Sisyphos den blöden Stein überhaupt immer wieder hochrollen müssen?

Weil er den Todesgott Thanatos gefoppt und gefesselt hatte, woraufhin die Menschen für kurze Zeit nicht mehr starben. Ein spitzbübisches Schurkenstück für einen echten "Cholo". Also eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit...

Euer Uwe Morawe

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