Uwe Morawe zeigt sich in seiner Kolumne von Inters Coach Andrea Stramaccioni beeindruckt. Vor allem ein Kniff überzeugt.

Schule ist doof. Lehrer sind kacke.

Das, was früher ein Muss in Sachen Protesthaltung war, hört man heute nur noch in Hauptschulen.

Studentenrevolution in den 60ern, Ostermärsche in den 80ern. Völlig verstaubtes Zeug für die Jugend von heute. Außerparlamentarische Opposition ist ein alter Hut, Pyramiden nichts dagegen.

Der junge Mann von heute denkt an sich und hat den Karriereplan mit zwölf in der Tasche. Warum sollte man gegen Eltern, Schule, Lehrer oder sonstige Institutionen aufbegehren, wenn sie als Steigbügel zum persönlichen Erfolg taugen.

Nehmen wir mal Andrea Stramaccioni.

Falls Sie es nicht wissen: das ist keine neue Eissorte, sondern der Trainer von Inter Mailand.

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Wie schafft man so etwas? Als totaler Nobody. Mit 36 Jahren. Ohne vorher einen anderen Profiverein trainiert zu haben.

Selbstredend nur als Vollstreber. Aber das ist ja schon längst kein Schimpfwort mehr, sondern eine gesellschaftlich anerkannte Vorgehensweise auf dem Weg nach oben.

Nachdem eine schwere Knieverletzung die Karriere früh stoppte, setzte sich Stramaccioni auf den Hosenboden. Jugendtrainer der Dreizeihnjährigen beim AS Rom, Weiterbildung, Trainerlehrgänge. Und Netzwerk natürlich ganz wichtig.

Bezeichnenderweise wurde auf der Schulbank der entscheidende Kontakt geknüpft. Beim Erwerb der UEFA-A-Lizenz ließ Stramaccioni seinen Nachbarn Roberto Samaden vom Spickzettel abschreiben. Eine Goldene Investition. Samaden war Leiter der Nachwuchsabteilung von Inter Mailand.

2011 übernahm Stramaccioni die A-Jugend und wartete.

Im März war es soweit. Claudio Ranieri wurde entlassen, für den Rest der Saison übernahm der Jugendcoach die Profis.

Sofort war zu erkennen: Dieser Stramaccioni gehört zur neuen Trainergeneration. Da schimmert edler Zwirn durch, selbst wenn er in Ballonseide auf dem Platz steht. Früher war das ja immer andersrum.

Stellte sich beim schicken Italiener nur die Frage: Wieviel ist Schein, wieviel ist Sein?

Stramaccionis Antwort kam prompt und nachdrücklich. Der Trainerniemand ging All-In.

Was Benitez, Ranieri und als Nationalcoach Bert van Marwijk sich nicht trauten, zog der Novize durch: Er mistete Wesley Snijder aus.

Dafür setzte er auf den in Ungnade gefallenen Diego Milito. Das ist dieser Tarnkappenbomber unter den Goalgettern. Ist nicht groß, ist nicht schnell, ist auch technisch nur Durchschnitt und eigentlich zu alt. Aber funktioniert einwandfrei.

Durch einen Hattrick des Argentiniers verhinderte Inter im Saisonfinale den Meisterschaftsgewinn des großen Rivalen Milan und der unbekannte neue Trainer durfte bleiben.

Und Stramaccioni schaffte den Turnaround, wie es auf Neuitalienisch heißt.

Das nach dem Champions-League-Sieg 2010 geradezu ranzige Inter Mailand ist mittlerweile der einzige ernstzunehmende Titelkonkurrent von Meister Juventus Turin.

Im direkten Duell stoppte man Juves sagenhafte Serie von 49 ungeschlagenen Partien. Und dass trotz krasser Fehlentscheidungen gegen sich. Eine überraschende Taktik mit drei Stürmern und ein Doppelpack von Milito entschieden das Spitzenspiel.

Und danach stellte sich Andrea Stramaccioni hin und legte verbal nach. Juventus habe im Vorfeld den nötigen Respekt vermissen lassen. Genugtung sei ein zu kleines Wort für seine Gefühlslage.

Wirkte ein wenig wie bei Mourinho auswendig gelernt - und deswegen etwas braver.

Und dieses Strebsam-Schulische passt ja auch hervorragend zum Verein.

Schließlich gehörten zu den Vereinsgründern des FC Internazionale auch drei Schweizer Studenten, deren Namen noch schöner klingen als "Stramaccioni": die Brüder Carlo, Arturo und Enrico Hintermann.

Euer Uwe Morawe

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