Die fortgesetzte Fehde zwischen John Terry und Anton Ferdinand wirft kritische Fragen auf. Uwe Morawe fordert Differenzierung.

Das Spiel Queens Park Rangers gegen Chelsea geriet zur Nebensache. Alle Kameras waren darauf gerichtet, wer wem die Hand gibt. Oder eben nicht.

Die Sache lief komplett aus dem Ruder.

Alles begann vor einem Jahr, als John Terry seinen Gegenspieler Anton Ferdinand beleidigte. Der englische Verband bestellte sogar professionelle Lippenleser, um TV-Aufnahmen zu entwerten. Die bewiesen, dass die Worte "fucking black cunt" aus Terrys Munde gefallen sind.

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Da auch eine Zivilklage von Anton Ferdinand angestrengt wurde, entschied sich Terry gegen die fällige öffentliche Entschuldigung und entschied sich für eine juristische Verteidigungsstrategie. Er habe Ferdinand lediglich gefragt, wie der darauf käme, dass er - Terry - ihn "f..bl..c.." genannt habe?

Klingt unwahrscheinlich, aber das Gericht hatte keinerlei Belege für das Gegenteil. Freispruch für Terry, auch weil Mannschaftskamerad Ashley Cole als Zeuge für ihn aussagte.

Mit dem offiziellen Richterspruch im Juli war die Sache allerdings nicht erledigt, sie eskalierte.

Rio Ferdinand schaltete sich als älterer Bruder via Twitter ein und bezeichnete Ashley Cole als "Choc Ice", Schokoladeneis. Außen schwarz, innen weiß. Der Verband bestrafte daraufhin Rio Ferdinand wegen rassistischer Äußerung, obwohl Cole beteuerte, dass er sich nicht beleidigt fühle.

Wir reden über Rio Ferdinand, der die Hälfte seiner Länderspiele in der Viererkette exakt zwischen Cole und Terry spielte.

Am Samstag wurde dann die Büchse der Pandora endgültig geöffnet. Anton Ferdinand verweigerte Terry und Cole den Handschlag. Cole drehte sich daraufhin ab und spuckte demonstrativ auf den Rasen.

Und dann kam auch noch Park Ji-Sun! Aus Solidarität mit seinem ehemaligen Kollegen Rio Ferdinand verschmähte auch der neue Mannschaftskapitän den Handshake mit Terry.

Nun appelieren die ersten Trainer wie Mark Hughes von QPR, auf die Händeschüttelei gänzlich zu verzichten...

Diese Affäre zeigt, wie verfehlt der Gesamtansatz von FIFA, UEFA und nationalen Verbänden ist, die unzweifelhaft vorhandene Rassismus-Problematik zu verbessern.

Die "Respect"-Kampagne des Weltverbandes, die heruntergeleierten Ansprachen von Mannschaftskapitänen, gedruckte Botschaften auf Roten Karten und Trikots besitzen vor allem Feigenblattcharakter. Diese Maßnahmen beruhigen eher das Gewissen der Funktionäre, als dass sie das Bewußtsein von Schwachköpfen verändern, die meinen, Hautfarbe sei eine Vorauswahl für Charakter.

Die Fußballverbände orientieren sich am Maßstab der Political Correctness in den USA. In öffentlichen Äußerungen ist die Erwähnung der Hautfarbe absolutes Tabu. Was an dunklen Trucker-Stammtischen oder in der rechten Hooligan-Szene an üblem Gedankengut umgeht, wird dagegen nicht konsequent verfolgt.

Zurück zum Fall Terry.

Die Kernfrage ist doch folgende: ist jede persönliche Beleidigung, in der die Hautfarbe erwähnt wird, tatsächlich gleichzusetzen mit Rassismus?

Dieser Ansatz verändert meiner Meinung nach nur das öffentliche Auftreten, nicht aber das Bewußtsein.

Selbstverständlich gehört John Terry für seine verbale Entgleisung bestraft - aber ist er dadurch automatisch ein Rassist?

Eine wirklich offene Gesellschaft muß dem Individuum auch das Recht einräumen, jemanden anderer Hautfarbe persönlich unsympathisch zu finden, ohne gleich als Rassist zu gelten.

Etwas völlig anderes ist eine Geisteshaltung, die ihren Gegenüber wegen einer anderen Hautfarbe im Vorhinein herabwürdigt. Hier gilt es mit aller Macht einzuschreiten.

John Terry ist in dieser Hinsicht in zwölf Jahren Profifußball zuvor nie negativ aufgefallen. Deswegen ist auch Fabio Capello als Nationaltrainer zurückgetreten - und weil er die Haltung seines Verbandes als heuchlerisch empfand.

Sepp Blatter dagegen hat John Terry in die Ecke des Rassismus gesteckt.

Derselbe Sepp Blatter, der im Jahr 2001 den FIFA-Fairplay-Award an Paolo Di Canio überreichte, weil dieser einen Ball ins Seitenaus und nicht an einem verletzten Torwart vorbei ins leere Netz schob.

Jener Paolo Di Canio hat zuvor und auch danach wichtige Tore immer wieder mit dem Römischen Gruß gefeiert und damit seine faschistische Weltanschauung öffentlich zur Schau gestellt. Der bekennende Bewunderer von Benito Mussolini ist inzwischen Trainer bei Swindon Town in England.

Damit haben weder die englische Öffentlichkeit noch die lippen- und twitterlesenden Kontrolleure der FA/FIFA/UEFA ein großes Problem. Dabei hat Paolo Di Canio bis heute ein Tatoo mit der lateinischen Aufschrift "DUX" auf dem Oberarm. Ins Italienische übersetzt "Duce". Wenn Sie es unbedingt auf Deutsch wollen: "Führer".

Das solch ein Mann im Fußball ein Amt bekleidet und ihm der Fair-Play-Preis der FIFA nicht wieder aberkannt wurde, empfinde ich als viel skandalöser als die von gegenseitiger Abneigung geprägte, aber weitestgehend persönliche Auseinandersetzung zwischen John Terry und Anton Ferdinand.

Euer Uwe Morawe

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