Olivier Giroud (l.) feiert mit seinen Kollegen die erste Meisterschaft © getty

Montpellier holt in einem Skandalspiel bei Auxerre seinen ersten Meistertitel, trotz Mini-Etat und millionenschwerer Konkurrenz.

Montpellier - Bevor das französische Fußball-Märchen perfekt war und die Spieler des HSC Montpellier wie kleine Kinder auf dem Rasen herumtollten, wurde es richtig hässlich.

Das entscheidende Spiel um die Meisterschaft in der Ligue 1 bei AJ Auxerre stand gleich drei Mal vor dem Abbruch, weil Auxerre-Anhänger Feuerwerkskörper, Bengalische Feuer, Tennisbälle, Klopapier und Tomaten auf den Rasen warfen.

Die Polizei stürmte den Ultra-Block der Gastgeber, um die Lage unter Kontrolle zu bringen.

Als Schiedsrichter Said Ennjimi die Partie zweieinhalb Stunden nach Beginn abpfiff, kannte der Jubel bei Montpellier dann aber keine Grenzen mehr.

"Glaube nicht, dass wir schlafen werden"

Hunderte Fans stürmten wie zuletzt beim Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC aufs Feld und sorgten erneut für Chaos.

"Die Umstände waren wirklich nicht einfach, aber wir haben kühlen Kopf bewahrt und sind konzentriert geblieben", sagte Torschützenkönig Olivier Giroud (21 Treffer) (DATENCENTER: Torjäger).

Montpellier hatte den Konkurrenten Paris St. Germain durch das 2:1 auf Distanz gehalten und den ersten Meistertitel der 93-jährigen Klubgeschichte gefeiert. "Ein außergewöhnlicher Abend, wir haben etwas Großes geleistet. Ich glaube nicht, dass wir diese Woche schlafen werden", sagte Giroud.

Nicollin: Zwischen Herzinfarkt und Irokesenschnitt

Louis Nicollin, massiger Montpellier-Präsident vom Typ Reiner Calmund, stand nach eigener Aussage während der dramatischen Partie am Rande eines Herzinfarktes.

Der exzentrische Müllunternehmer will sich nun seine graue Mähne abrasieren und einen Irokesen-Schnitt verpassen lassen.

"Das ist das Sahnehäubchen auf einer sensationellen Saison. Ich bin sehr stolz, das ist fabelhaft. Das ist der glücklichste Tag meines Lebens", sagte er mit Tränen in den Augen.

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Aus dem Keller in den Olymp

Tatsächlich gilt der Triumph Montpelliers in Frankreich als kleine Sensation. Die Mannschaft von Trainer Rene Girard war als Außenseiter in die Saison gestartet und vergangenes Jahr als 14. nur knapp dem Abstieg entronnen.

Der Klub bestritt die Saison mit einem Mini-Etat von 36 Millionen Euro - Paris dagegen bezahlte vergangenen Sommer allein 42 Millionen Euro für Javier Pastore. Insgesamt investierten die Hauptstädter dank sprudelnder Öl-Millionen aus Katar mehr als 100 Millionen Euro in Transfers, um den Titel (zuletzt 1994) endlich wieder nach Paris zu holen (DATENCENTER: Ligue 1).

"Würde mich mit Wurst in den Hintern erstechen"

Das Meisterrennen war ein Duell David gegen Goliath. "Wenn ich Marseille, Paris, Lyon, Lille oder Rennes wäre, würde ich mich mit einer Wurst in den Hintern erstechen! So peinlich wäre das für die", hatte Präsident Nicollin unlängst gesagt.

Trainer Girard formte aus dem Underdog aus der Provinz das Überraschungsteam. Basierend auf einer stabilen Defensive - kein Team kassierte weniger Treffer - boten die Südfranzosen inspirierenden Offensiv-Fußball mit vielen Spielern aus der eigenen Jugend.

"Ich bin auf meine Jungs sehr stolz, es war eine hervorragende Saison. Wir haben uns den Titel verdient", sagte Girard, "weil wir keinen Gegner gefürchtet haben."

Trotz Titel droht Ausverkauf

Mitten in den größten Feierlichkeiten richtete der 58-Jährige den Blick in die Zukunft: "Es wäre großartig, wenn wir die Truppe zusammenhalten könnten, um in der Champions League wirklich konkurrenzfähig zu sein."

Allerdings wird es Sportdirektor Bruno Carotti mehr als schwer haben, die kreativen Youngster wie Younes Belhanda oder Remy Cabella sowie Torjäger Giroud, an dem der FC Bayern nicht mehr interessiert sein soll, im beschaulichen Montpellier zu halten.

"Wir kämpfen nicht mit den gleichen Waffen wie andere", sagte Carotti, "aber wir werden alles versuchen. Allerdings wollen Klubs wie PSG, Lyon oder Olympique Marseille nächstes Jahr zurückschlagen."

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