Halles Präsident beklagt den Standortnachteil. DFB und Privatwirtschaft sollen für fairen Wettbewerb mit Retortenklubs sorgen.

Mittlerweile ist es 24 Jahre her: Beim Fall der Mauer hat der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl den vom real existierenden Sozialismus befreiten Massen "blühende Landschaften" versprochen.

Für einige Menschen, wie seine Protegee Angela Merkel, hat sich die Vorhersage erfüllt - dafür musste aber meist der Weg in den "goldenen Westen" eingeschlagen werden.

Das traf auch auf viele erstklassige Fußballer zu, die von den großen Traditionsvereinen Jena, Magdeburg oder Dresden für ein Taschengeld - oftmals auch unter der Hand - verscherbelt wurden, um sich den Traum von der Bundesliga zu erfüllen.

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Von diesem auch selbst verschuldeten Aderlass haben sich viele Vereine bis heute nicht erholt. Aktuell spielen nur noch vier in der Zweiten Liga - keiner in der höchsten Spielklasse.

Der DFB begegnet dem Problem der immer noch deutlich schwächeren Wirtschaftskraft im Stil der Politik: Abgesehen von Lippenbekenntnissen kommt nicht viel. Nach Lösungen wird nur halbherzig gesucht.

Ganz wie Frau Merkel, die statt Probleme in ihrer Heimatregion anzugehen, lieber ihren Machtanspruch in Europa propagiert, wird auf Eigenverantwortung verwiesen.

Wer auf krasse Standortnachteile aufmerksam macht, wird gleich als "Jammer-Ossi" abgestempelt. Das könnte nun auch dem Präsidenten des Halleschen FC passieren.

Der Wirtschaftswissenschaftler und HFC-Boss Michael Schädlich fordert nämlich eine Art Solidaritätszuschlag von DFB und Privatwirtschaft, um die rund 20 Prozent geringere Wirtschaftskraft in den neuen Bundesländern auszugleichen.

Denn Halle und Co. generieren nur einen Bruchteil der Sponsorengelder von Retortenklubs wie RB Leipzig - trotz oftmals viel höherem Zuschauerinteresse und gewachsener Fanstruktur.

Dabei ist speziell der HFC im "Chemie-Dreieck" von Tochterfirmen diverser Großkonzerne umgeben - als Beispiel sei nur Bayer Leverkusens Mutterunternehmen genannt.

Geschichte, fehlender persönlicher Bezug und das nur in Einzelfällen zutreffende Vorurteil von gewaltbereiter, rechtsradikaler Fankultur führen auch nach zwei Dekaden immer noch zu Berührungsängsten.

Natürlich sind viele Schwierigkeiten bei bekannten Ost-Klubs hausgemacht. Es ist kein Zufall, dass Klubs wie Union Berlin, Energie Cottbus oder Erzgebirge Aue Erfolgsgeschichten schreiben.

Denn sie wurden im Arbeiter- und Bauernstaat extrem benachteiligt und starteten nach der Wiedervereinigung einen soliden Aufbau, während Carl Zeiss Jena oder der 1. FC Magdeburg durch Luftschlösser und Misswirtschaft ausbluteten.

Die Eingliederung ins Ligensystem des Westens verpuffte.

Statt regulierend für eine Übergangszeit einzugreifen oder für marktgerechte Preise zu sorgen, sah der DFB zu, wie auch in Halle spätere Nationalspieler (Dariusz Wosz) oder Champions-League-Sieger (Rene Tretschok) für geringe Summen weggekauft wurden.

Schädlichs Vorschlag ist also doch nicht so weit hergeholt, wenn man bedenkt, dass unter den 50 wirtschaftskräftigsten Städten Deutschlands keine einzige aus den östlichen Bundesländern steht.

Besonders die einstmals herausragende Nachwuchsförderung leidet unter den finanziellen Problemen. Bei Juniorenteams oder Leistungszentren wird meist zuerst der Rotstift angesetzt.

Der heilige Wettbewerb in der Marktwirschaft wird ein konkretes Vorhaben zwar verhindern, aber ein Tabu sollte die Diskussion über Unterstützung des Fußball-Ostens nicht sein.

Denn sonst werden auch in Zukunft DFB-Präsidenten von den Traditionsklubs aus dem Osten fabulieren, auf Dauer aber keinen in der Bundesliga wiederfinden.

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