Karl-Heinz Rummenigge ist seit 2002 Vorstandsvorsitzender des FC Bayern © imago

Bayerns Boss kämpft um die "Glaubwürdigkeit des Fußballs". Warnsysteme könnten auf den Prüfstand kommen.

Von Tom Vaagt

München - Auch 24 Stunden nach Veröffentlichung erster Details hält der weltweit größte Wettskandal der Fußball-Geschichte Ermittler und potenziell Betroffene weiter in Atem.

Bayern Münchens Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge macht sich für eine "lückenlose" Aufklärung und eine "harte Bestrafung" überführter Betrüger stark.

"Es geht um die Glaubwürdigkeit des Fußballs", sagte der 57-Jährige der Nachrichtenagentur dpa.

Die Spuren der Untersuchungen führen nach Asien: In verrauchte Hinterzimmer und zu professionell organisierten Betrügerbanden.

Die deutschen Top-Ligen sind nach derzeitigem Kenntnisstand der Deutschen Fußball Liga (DFL) und des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zwar nicht betroffen - doch die Gefahr, selbst zum Spielball der milliardenschweren Zocker-Szene zu werden, treibt Verantwortliche und Politik um.

"Frühwarnsysteme prüfen"

"Wir müssen dringend überprüfen, ob die von den Verbänden bisher installierten nationalen und internationalen Frühwarnsysteme tatsächlich effektiv sind", forderte CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach in der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Zu präsent sind die Erinnerungen an 2005, als die Bestechungsaffäre um Schiedsrichter Robert Hoyzer Deutschland erschütterte. In Folge des Skandals nahm die DFL den Kampf gegen Spielmanipulationen in Zusammenarbeit mit dem Dienstleister Sportradar auf.

380 manipulierte Spiele

Das internationale Unternehmen analysiert weltweit den legalen Wettmarkt. Doch ob dies allein langfristig genügt, erscheint ungewiss.

Auch der Weltverband FIFA und die Europäische Fußball Union UEFA vertrauen auf ähnliche Systeme - dennoch soll es zwischen 2008 und 2011 insgesamt 380 manipulierte Spiele in Europa gegeben haben.

435 Personen involviert

Darunter befinden sich nach Angaben der europäischen Polizeibehörde auch Partien der Champions League, der Europa League und der WM-Qualifikation.

In rund 300 weiteren verdächtigen Spielen, die zumeist außerhalb Europas stattgefunden haben, laufen derzeit Ermittlungen. Insgesamt sollen 425 Spieler, Schiedsrichter, Funktionäre und Kriminelle involviert gewesen sein.

Spaniens Profiligen betroffen

Dabei sind wohl auch die spanischen Profiligen betroffen. Das bestätigte der Vizepräsident des Ligaverbands (LFP), Javier Tebas. "Es ist zwar nur ein geringer Prozentsatz, aber es gibt diese Korruption auch in Spanien", sagte Tebas der Sportzeitung "Marca".

Die "Bild" veröffentlichte am Dienstag eine Liste mit potenziell verschobenen Begegnungen. Unter anderem soll es im Sommer 2009 in der Qualifikation zur Champions League beim Spiel zwischen Stabaek IF und FK Tirana nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.

Bosbach: "Generalverdacht vermeiden"

Die Partie war allerdings bereits vor gut drei Jahren im Zuge der Ermittlungen der Bochumer Staatsanwaltschaft öffentlich genannt worden. Ebenso wie die vier nun ebenfalls erwähnten Spiele der Qualifikation zur Europa League.

Bosbach forderte von den Behörden daher nach Abschluss der Ermittlungen, die betroffenen Klubs und verdächtigen Spiele offenzulegen.

Ansonsten würden "Spekulationen Tor und Tür geöffnet" sowie eine "große Zahl von Vereinen, Spielern und Schiedsrichtern unter Generalverdacht gestellt".

Bobic glaubt an saubere Bundesliga

Fredi Bobic hält eine Verwicklung der Bundesliga für unwahrscheinlich.

"Dafür sind wir wirtschaftlich viel zu gut aufgestellt. Aber natürlich kann man nicht von vornherein für jeden die Hand ins Feuer legen", sagte der Sportdirektor des VfB Stuttgart den "Stuttgarter Nachrichten".

Auch die Korruptions-Expertin Sylvia Schenk, Vorstandsmitglied von Transparency International Deutschland, sieht den deutschen Profifußball nur bedingt gefährdet.

"Eher untere Ligen ein Problem"

"Wo Spieler sehr gut bezahlt werden, ist es sehr viel schwieriger sie zu bestechen, als dort, wo Spieler - gerade in osteuropäischen Ländern - sehr schlecht oder manchmal gar nicht bezahlt werden, weil der Verein das Geld nicht hat", sagte Schenk bei "HR-Info".

Für die 60-Jährige sind Manipulationen in Deutschland somit "eher in den unteren Ligen ein Problem".

Grüne nehmen Blatter ins Visier

Die Grünen im Bundestag rückten derweil Joseph S. Blatter in die Schusslinien und machten den FIFA-Chef für den größten Skandal mitverantwortlich.

Nach Ansicht der sportpolitischen Sprecherin Viola von Cramon "scheint es nicht ungewöhnlich, dass unter der Führung von Sepp Blatter das kriminelle Netz seit dem Wettskandal um Robert Hoyzer eher zu- als abgenommen hat."

Für von Cramon kommt es darauf an, "den Sport immun gegenüber Angriffen von außen zu machen. Doch dafür muss erst die Führungsriege der FIFA um Sepp Blatter von Korruption bereinigt werden." Blatter sei selbst Teil des Problems.

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