Europol hat ein Netzwerk aufgedeckt, das Spiele auf der ganzen Welt manipuliert haben soll - auch in der Champions League.

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Von Mike Lukanz

München - Die hässliche Fratze der organisierten Kriminalität im Welt-Fußball ist wieder zum Vorschein gekommen und hat dabei beängstigende Ausmaße angenommen.

Am Montagmittag verkündete die europäische Polizeibehörde Europol im niederländischen Den Haag, den "größten Wettskandal aller Zeiten" im Fußball aufgedeckt zu haben.

Deutschlands Top-Ligen sollen aber nicht verwickelt sein. "Nach unserem Kenntnisstand sind die Bundesliga und die Zweite Bundesliga nicht betroffen", sagte der Präsident der Deutschen Fußball Liga, Reinhard Rauball, der "Bild" (News).

70 deutsche Partien unter Verdacht

Nach Informationen der "dpa" stehen in Deutschland allerdings 70 Partien unter Verdacht. Die Nachrichtenagentur beruft sich dabei auf den Bochumer Hauptkommissar Friedhelm Althans. Nur in der Türkei (79) seinen noch mehr Spiele betroffen, es folgt die Schweiz mit 41 wohl manipulierten Begegnungen.

Die Schreckensbotschaft aus Den Haag kam unvermittelt und trifft die Sportwelt umso heftiger (Bericht). Kurz nach Bekanntgabe brach der Server der europäischen Polizeibehörde zusammen.

Über 400 Personen verstrickt

Europol hat ein weltweit operierendes, perfide ausgehecktes Netz entschlüsselt: 420 Schiedsrichter, Funktionäre, ehemalige und aktive Spieler in 15 Ländern sind verwickelt - gesteuert von einem "Verbrechersyndikat" aus dem asiatischen und russischen Raum.

In Ungarn sollen gezielt Schiedsrichter für die Manipulationen angeworben sein. Die Unparteiischen hätten dann auf der ganzen Welt versucht, die Spiele in die gewünschte Richtung hin zu beeinflussen.

WM-Quali, EM-Quali und Champions League

Dabei wurden rund 8 Millionen Euro gewonnen. Knapp zwei Millionen Euro an Bestechungsgeldern sollen geflossen sein. Betroffen sind Begegnungen der WM- und EM-Qualifikation sowie zwei Champions-League-Spiele, davon ein Spiel in England.

Wie die dänische Tageszeitung "Ekstra Bladet" am Montagabend berichtete, soll es sich dabei um das Champions-League-Spiel zwischen dem FC Liverpool und Debrecen (1:0) aus dem Jahr 2009 handeln (NEWS: Liverpool betroffen?).

Debrecens Torwart Vukasin Poleksic soll laut des Berichts bestochen worden sein, "um sicherzustellen, dass das Spiel mit drei Toren Unterschied" ende.

"Wir konnten zum ersten Mal beweisen, dass die organisierte Kriminalität in der Fußballwelt operiert", sagte Europol-Direkter Rob Wainwright zu den Ergebnissen seiner Behörde.

Nur "die Spitze des Eisberges"

Die am Montag recht spärlich veröffentlichten Details der Ermittlungen seien laut Wainwright nur "die Spitze des Eisberges." Die Manipulationen hätten ein "nie dagewesenes System" erreicht.

"Veto" heißt das Sondereinsatzkommando der Europol, das im Zeitraum zwischen Juli 2011 und Januar 2013 die Zahl von 13.000 E-Mails, Dokumenten, aufgezeichneten Telefonaten und Computerdaten ausgewertet hatte.

Blatter will "mit Polizei zusammenarbeiten"

Schnell reagierte auch Joseph Blatter, Präsident des Weltfußballverbands FIFA. Via Twitter verkündete er: Man wolle "mit der Polizei zusammenarbeiten, um im Kampf gegen Matchmanipulation zu helfen. Ich wiederhole, das ist ein großes Thema für den Fußball und die Regierungen, das es zu lösen gilt"

Es klingt wie eine Bankrotterklärung des mächtigsten Sportverbandes der Welt. War es doch die FIFA, die vor Jahren die "Null-Toleranz"-Politik im Kampf gegen Wettbetrügereien im Fußball verkündet hatte.

Doch der Fehler liegt wohl im System. "Spiegel Online" zitiert einen UEFA-Insider, der die Wirksamkeit der viel gelobten Frühwarnsysteme infrage stellt: "Wenn jemand viele einzelne, kleine Wetteinsätze bei vielen unterschiedlichen Wettannahmestellen tätige", blieben die Systeme "faktisch blind."

"Frühwarnsysteme sind zahnlose Tiger"

Und da die Betrüger ihre Einsätze vornehmlich in Asien und Russland platzierten, erkennen die sich vornehmlich auf den europäischen Markt ausgerichteten Frühwarnsysteme keine Unregelmäßigkeiten.

"Die Frühwarnsysteme sind vollkommen zahnlose Tiger", sagte ein ehemaliger Interpol-Mitarbeiter bei "Spiegel Online".

"Die Aktivitäten mit Bestechungsgeldern von bis zu 100.000 Euro pro Spiel gingen von Singapur aus", sagte Europol-Boss Wainwright. Eine Erkenntnis, die den Journalisten Declan Hill nicht überrascht.

Hill, der bereits vor knapp sechs Jahren mit seinem Buch "Sichere Siege" auf die weltweiten Verstrickungen der Wett-Kriminalität hingewiesen hatte, schrieb in seinem Blog: "Es ist an der Zeit, sich zu überlegen, ob Singapur vom internationalen Fußball ausgeschlossen werden muss, bis sie internationale Haftbefehle ernst nehmen.?

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