Seit der Wiedervereinigung spielen die meisten Top-Klubs aus der ehemaligen DDR in den unteren Ligen und damit auch unter dem Radar der überregionalen Medien. Das will SPORT1 nun ändern. Wir spüren die vergessen geglaubten Traditionsklubs zwischen Elbe und Oder wieder auf und nehmen die dortigen Geschehnisse in unserem wöchentlichen Ost-Blog unter die Lupe.

Auf diese Publicity könnten sie bei Hansa Rostock sehr gut verzichten: Der letzte Meister der alten Oberliga sorgt gegenwärtig wieder einmal abseits des Rasens für Schlagzeilen.

Mit Rang acht in der Dritten Liga holt der nach der Wende wohl erfolgreichste Klub der ehemaligen DDR überregional niemanden hinter dem Ofen vor.

Dafür schaden seit Jahren die sich als Hansa-Fans darstellenden Hooligans dem Ansehen des ohnehin darbenden Ost-Fußballs.

Beim Auswärtsspiel in Erfurt wurden fünf Krawallmacher aus dem Gästeblock in Gewahrsam genommen, nachdem Chaos rund um das Steigerwaldstadion veranstaltet hatten.

Um Polizeikontrollen zu entgehen, hatten sie einen Seiteneingang regelrecht gestürmt sowie Polizisten mit Flaschen und Steinen attackiert.

Später verwüsteten sie noch einen Verpflegungsstand. Insgesamt wurden 46 Personen verletzt, 14 Strafanzeigen wurden gestellt.

Der Verein selbst betont, dass er alles tue, um die Rowdys auszuschließen. Doch das Problem verfolgt die Rostocker - und nicht nur sie.

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Auch Dynamo Dresden leidet regelmäßig unter den eigenen Hooligans. Beunruhigend ist die Tendenz, zu ernsten Zwischenfällen bei Auswärtsfahrten.

Die beiden ersten Bundesligisten von "Drüben" sind die unangefochten Spitzenreiter, was Geldstrafen und Sanktionen angeht.

Während die Vereine im eigenen Stadion die in ihrer Macht stehenden Mittel ausschöpfen, um Platzsperren oder Punktabzügen zu entgehen, fehlt es bei Gastspielen - oftmals bei ehemaligen Oberliga-Konkurrenten - häufig an der Kommunikation mit dem Kontrahenten und der Polizei vor Ort.

Vor allem die Gewerkschaft der Ordnungshüter lässt keine Gelegenheit aus, die Kostenfrage aufzuwerfen und eine Beteiligung der sogenannten Problemvereine in Ost und West zu fordern.

Denn in den immer noch sehr strukturschwachen Bundesländern, denen einst blühende Landschaften versprochen worden waren, sind die öffentlichen Kassen häufig ähnlich leer, wie bei den ansässigen Traditionsklubs.

Womit wir wieder bei Hansa werden. Denn die Kogge hat seit Jahren mit einer chronischen finanziellen Schieflage zu kämpfen. Auf der Mitgliederversammlung wurde der aktuelle Schuldenberg zuletzt auf 6,6 Millionen Euro beziffert.

Das Team, das einst mit Stefan Beinlich, Steffen Baumgart oder Oliver Neuville für seinen schönen Fußball gelobt wurde und später mit einem schicken Stadion als Vorzeige-Ostklub galt, steht diesbezüglich aber auch beispielhaft für das Hauptproblem der Dritten Liga.

Nicht erst die Insolvenz von Alemannia Aachen hat gezeigt, dass langfristiges Überleben in dieser Spielklasse fast unmöglich ist.

Der Unterschied zu den TV-Einnahmen und dem Zuschauerinteresse in der Zweiten Liga ist viel zu groß, entsprechend großes Risiko gehen die namhaften Vereine ein, um schnellstmöglich an die DFL-Fleischtöpfe zu kommen.

Einige bezahlten dafür mit einem gewaltigen Absturz. Der Druck ist gerade bei den Rostocks, Jenas, Halles oder Magdeburgs immens.

Schließlich träumen deren Anhänger von Bundesliga- oder Europacupheldentaten längst vergangener Zeiten.

Mit der Realität Heidenheim, Dortmund II oder Burghausen können sie sich besonders schwer abfinden. Zu welchen Auswüchsen das führen kann, beweist derzeit Hansa.

Bei der elfstündigen Mitgliederversammlung verteilten die Ultras fast schon im Mafia-Stil Handzettel mit Abstimmungsrichtlinien, um ihre Kandidaten in den Aufsichtsrat zu pressen.

So hatten seriöse Kandidaten wie Ex-Trainer Andreas Zachhuber oder der Richter Kai-Uwe Theede das Nachsehen.

Ex-Präsident Peter-Michael Diestel fasste die Lage in der "Bild" wie folgt zusammen: "Eine Tragödie, die zwingend ins Chaos führt. Aber nur das konsequente Resultat dilettantischer Vereinspolitik der letzten zehn Jahre."

So steuert die Hansa-Kogge einer ungewissen Zukunft entgegen.

Hinweis der Redaktion: In einer älteren Version dieses Artikels war fälschlicherweise von 2300 Festnahmen beim Spiel in Erfurt die Rede. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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