Seit der Wiedervereinigung spielen die meisten Top-Klubs aus der ehemaligen DDR in den unteren Ligen und damit auch unter dem Radar der überregionalen Medien. Das will SPORT1 nun ändern. Wir spüren die vergessen geglaubten Traditionsklubs zwischen Elbe und Oder wieder auf und nehmen die dortigen Geschehnisse in unserem wöchentlichen Ost-Blog unter die Lupe.

Am vergangenen Wochenende stand er wieder einmal im Mittelpunkt des Interesses.

Beim Zweitligaspiel zwischen Energie Cottbus und Dynamo Dresden umschwärmten Fans und Medienvertreter Eduard Geyer.

Alle wollten ein Statement oder Autogramm von dem Mann, der beide Vereine so stark prägte. Die Profivereine standen dagegen beim letzten Auswahltrainer der DDR nie Schlange.

Nach der Wiedervereinigung kam er zunächst nur als Talentspäher bei Schalke 04 und danach als Chefcoach im ungarischen Siofok unter.

Obwohl der 68-Jährige dort und später bei Sachsen Leipzig erfolgreich arbeitete, gab es nie ein Angebot aus dem Westen für den Schleifer aus dem real existierenden Sozialismus.

In dieser Hinsicht steht Geyer beispielhaft für viele Trainer aus dem Osten, die trotz anerkannter Fachkompetenz nie eine Chance in der Bundesliga bekamen.

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Auch der später ob seiner Klasse und Eloquenz gefeierte Hans Meyer musste den Umweg über die Niederlande machen.

Das Stigma des linientreuen Regimegefolgsmannes schreckte viele Klubs aus den oftmals konservativen alten Bundesländern ab.

Da musste man schon - wie der viel zu früh verstorbene Jörg Berger - zum Republik-Flüchtling werden, um sich im Haifischbecken des BRD-Fußballs durchzusetzen.

Geyer belastete zusätzlich eine Jugendsünde, die ihn in den 70er Jahren zum Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) der Staatsicherheit machte.

In Amsterdam gönnte sich der damals vom Stürmer zum Verteidiger umgeschulte 26-Jährige am Rande eines Europacupspiels der Dynamos bei Ajax einen unerlaubten nächtlichen Ausflug in der freizügigen Metropole.

Die Stasi zwang ihn fortan, seine Mitspieler auszuspionieren. Auch als Trainer blieb er unter dem Decknamen "Jahn" bis 1986 aktiv und verfasste über 100 Berichte.

"Wer nie im DDR-Leistungssport war, kann meine Situation sicher nie verstehen. Ich hätte damals viele Dinge hinterfragen müssen", erzählte Geyer später in einem Interview.

Selbst nach seinem Sensationscoup mit Cottbus, das er von einem unscheinbaren Regionalligisten zum erstklassigen Bayern-Besieger aufbaute, zeigten nur die Scheichs von Al-Nasr aus Dubai Interesse, wo der viermalige Junioren-Nationalspieler neun Monate lang tätig war.

Dabei sind Motivationstalent, disziplinierte Spielweise und die Fähigkeit, aus geringen finanziellen Möglichkeiten viel zu machen, heute im Profigeschäft genauso gefragt wie eh und je.

Dass die fußballerische Ausbildung jenseits des Eisernen Vorhangs nicht schlechter war, zeigen die Spielerströme aus Jena, Dresden oder Berlin an die nationalen und später auch internationalen Fleischtöpfe.

Fehlender Mut, Berührungsängste und verkrustete Strukturen versperrten vielen Fachmännern jenen Weg, den die ehemaligen DDR-Bürger in kurzen Hosen beschreiten durften.

Bei Geyer und Co. spielte vielleicht auch die fehlende Erfahrung - und entsprechende Schroffheit - im Umgang mit den Medien eine Rolle.

Sie waren oftmals zu wenig Selbstdarsteller und Schauspieler. Diesbezüglich haben aber auch große Trainer der Gegenwart ihre Schwierigkeiten.

So oder so: Ede Geyer bleibt ein seltsamer und zugleich typischer Fall der deutsch-deutschen Fußballgeschichte.

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