Seit der Wiedervereinigung spielen die meisten Top-Klubs aus der ehemaligen DDR in den unteren Ligen und damit auch unter dem Radar der überregionalen Medien. Das will SPORT1 nun ändern. Wir spüren die vergessen geglaubten Traditionsklubs zwischen Elbe und Oder wieder auf und nehmen die dortigen Geschehnisse in unserem wöchentlichen Ost-Blog unter die Lupe.

Am vergangenen Wochenende hat das langerwartete Derby der besonderen Art stattgefunden.

Mit der SG Leipzig-Leutzsch und der BSG Chemie Leipzig trafen die beiden Nachfolgevereine des FC Sachsen in der sechstklassigen Sachsenliga aufeinander.

Beide Lager berufen sich seit dem endgültigen Aus des "Mutterklubs" im Juni 2011 auf die Tradition der Grün-Weißen, die einst die ostdeutsche Metropole prägten.

Die originale BSG Chemie, die nach der Wende in FC Sachsen umbenannt worden war, gilt auch heute noch als einer der beliebtesten Vereine der ehemaligen DDR.

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Staatlich gefördert wurde aber nahezu ausschließlich Lokalrivale Lok. 1954 mussten sogar die besten Spieler an den Nachbarn abgegeben werden. Es folgte der Neustart in der Bezirksklasse.

Der Zuschauerzuspruch wurde dadurch, speziell unter Regimegegnern, nur noch angeheizt. Unvergessen bleibt die Meisterschaft von 1964.

Das Team der Namenlosen unter Trainer Alfred Kunze - seinen Namen trägt auch heute noch die alte Spielstätte - düpierte sämtliche Favoriten der DDR-Oberliga.

Zudem wurde ein damals unfassbarer Zuschauerschnitt von über 20.000 erreicht - bei Lok reichte es nur zur Hälfte.

Neben der Meisterschaft im Entscheidungsspiel des Jahres 1951 blieb es der einzige große Erfolg der Chemiker.

Auf Dauer konnte der "Rest von Leipzig", wie die Mannschaft auch genannt wurde, in der Folge nicht mehr mithalten.

Immer wieder wurden die besten Akteure wie Hans-Jörg Leitzke wegdelegiert. Der Verein geriet zur Fahrstuhlmannschaft.

Aus der Benachteiligung durch das staatliche Sportsystem entwickelte sich auch die bis heute bestehende Fan-Freundschaft mit dem 1. FC Union Berlin.

Die "Eisernen" litten unter der Bevorzugung des BFC Dynamo, der unter der Gunst von Stasi-Chef Erich Mielke stand.

Während Lok nach der Wiedervereinigung als VfB 1993 in die Bundesliga aufstieg, krebste der neue FC Sachsen nun in der viertklassigen Oberliga herum.

Einige verpasste Anläufe in Richtung Zweite Liga - teure Spieler (zum Beispiel Rolf-Christel Guie-Mien) sowie Trainer wie Eduard Geyer oder Wolfgang Frank kamen und gingen - wurden mit zwei Insolvenzen und dem endgültigen Aus bezahlt.

Immer wieder stand auch der umstrittene Rechtevermarkter und Betreiber des Zentralstadions, Michael Kölmel, im Fokus der Kritik.

Sein Plan, 2006 Brausegigant Red Bull ins Boot zu holen, wurde nur durch hartnäckige Fanproteste abgeschmettert.

Der verhasste Konzern stieg schließlich beim SSV Markranstädt ein. Eine Kooperation im Nachwuchsbereich beraubte den FCS viele seiner letzten Anhänger.

Nach der Abwicklung im Sommer des vergangenen Jahres entbrannte der Streit um den Neuanfang.

Rechtlicher Nachfolger sind die Leutzscher, die auch den Alfred-Kunze-Sportpark pachten konnten.

Die BSG Chemie will derweil Namen und Logo aus der Glanzzeit pflegen.

Allerdings gibt es auch immer wieder Gewalt der verschiedenen Ultragruppen untereinander und gegen Lok-Fans sowie RB-Sympathisanten.

Den seltsamen Bruderkampf gewann im Übrigen Leutzsch mit 2:0. Ob einer der beiden neuen Vereine die alte Erfolgsformel des Underdogs wiederfinden wird, ist jedoch ungewiss.

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