Seit der Wiedervereinigung spielen die meisten Top-Klubs aus der ehemaligen DDR in den unteren Ligen und damit auch unter dem Radar der überregionalen Medien. Das will SPORT1 nun ändern. Wir spüren die vergessen geglaubten Traditionsklubs zwischen Elbe und Oder wieder auf und nehmen die dortigen Geschehnisse in unserem wöchentlichen Ost-Blog unter die Lupe.

Nun muss also einmal mehr der treue Juri in höchster Not übernehmen.

Nachdem sich bei Hansa Rostock die Führungskrise derart verschärft hatte, dass die Existenz des Vereins bedroht war, hat man sich doch noch auf einen neuen Manager einigen können.

Am Ende konnte die Wahl nur auf Juri Schlünz fallen, der damit auch in den Vorstand aufrückt. Es gibt wohl keinen Posten, den der 51-Jährige beim Traditionsklub an der Ostsee noch nicht ausgeübt hat.

Als Kapitän führte er Hansa 1991 überraschend in die erste gesamtdeutsche Bundesliga-Saison, später sprang er drei Mal als Interimstrainer ein und leitet seit einigen Jahren die Nachwuchsakademie der Rostocker - mit Erfolg. 2010 wurden die A-Junioren Deutscher Meister.

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Als Manager aber ist er tatsächlich nur eine Notlösung. Da er seine gesamte Karriere in Rostock verbracht hat, dürfte er kaum über weitergehende Kontakte im Profifußball verfügen.

Doch die Suche nach einem Nachfolger für den im Juni zurückgetretenen Stefan Beinlich gestaltete sich für den Vorstand viel schwerer als erwartet.

Als der Aufsichtsrat vor zwei Wochen den von Vorstandsboss Bernd Hofmann präsentierten Kandidaten Stephan Beutel abgelehnt hatte, gerieten die Herren in der Rostocker Chefetage in akute Zeitnot.

Hätten sie bis Mittwoch dieser Woche keinen neuen Manager gefunden, hätten sie laut Satzung zurücktreten müssen - und der Verein wäre komplett ohne Führung dagestanden. In dieser prekären Situation zog Hofmann seinen letzten Trumpf aus dem Ärmel.

Denn Schlünz konnte der Aufsichtsrat nicht ablehnen. Er ist seit 1968 Klubmitglied und die Integrationsfigur in dem Verein, der sich aufgrund seiner langjährigen Präsenz in der Bundesliga das Prädikat "Leuchtturm des Ostens" verdiente.

Unvergessen bleibt in Rostock das dramatische Saisonfinale 1999, als Slawomir Majak in Bochum sieben Minuten vor Schluss mit seinem 3:2-Siegtreffer Hansa in der deutschen Eliteklasse hielt.

Doch die Zeiten, in denen der FCH mit attraktivem Offensivspiel und leidenschaftlichem Einsatz die Herzen vieler Fußballfans eroberte, sind lange vorbei.

Mittlerweile ist der Leuchtturm bedenklich ins Wanken geraten. Nach dem dritten Bundesliga-Abstieg 2008 stürzte Hansa innerhalb von zwei Jahren in die Drittklassigkeit ab, in der sich der Verein auch aktuell wiederfindet.

An einen neuerlichen Aufstieg in die Zweite Liga - wie noch 2011 - glauben derzeit nur die kühnsten Optimisten. Nach acht Spieltagen liegen die Rostocker auf Platz 14 und haben schon sieben Punkte Rückstand auf den Relegationsrang.

Dazu hatte sich Trainer Wolfgang Wolf Anfang September praktisch selbst entlassen, indem er die Vorgänge in der Führungsetage des Vereins öffentlich als "Wahnsinn" bezeichnete.

Nun darf sich sein Nachfolger Marc Fascher daran versuchen, die ins Schlingern geratene Hansa-Kogge wieder auf Kurs zu bringen. Dass er einen Verein nach oben führen kann, hat er mit dem Aufstieg von Preußen Münster in die Dritte Liga bewiesen.

Und sollte die Mission dennoch scheitern, gäbe es ja immer noch den treuen Juri.

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