Ewald Lienens bisher letzte Trainerstation war Arminia Bielefeld © getty

Kölns Ex-Trainer Ewald Lienen spricht bei SPORT1 über den Fall Pezzoni und den richtigen Umgang mit Fan-Gewalt.

Von Hardy Heuer

München - Ewald Lienen hat sich schon immer etwas mehr gesellschaftliche Gedanken gemacht als es im Fußball üblich ist.

Er engagierte sich gegen Krieg und Umweltverschmutzung und für sozial Benachteiligte - und lehnte es ab, Autogramme zu geben: Ihm behagt das Menschenbild nicht, dass Fußballstars mehr wert wären als andere Personen.

Mit Entsetzen verfolgt der LIGA-total!-Experte nun die Geschehnisse um seinen ehemaligen Klub 1. FC Köln, den er 1999/2000 als Trainer in die Bundesliga führte.

Kevin Pezzoni hat nach massiven und persönlichen Drohungen von Fans seinen Vertrag beim FC aufgelöst. (Fall Pezzoni: Neue Stufe der Eskalation)

Im SPORT1-Interview spricht Lienen über den Fall Pezzoni, den richtigen Umgang mit friedlichen und nicht-friedlichen Ultras und stellt den Sinn von Geisterspielen in Frage.

SPORT1: Herr Lienen, wie haben sie den Fall Kevin Pezzoni erlebt?

Ewald Lienen: Das ist für mich ein krimineller Akt, der zur Anzeige gehört und bestraft werden muss. Wenn sogenannte Fans rechtswidrige Dinge tun, müssen sie dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Diese Leute missbrauchen den Fußball, um ihren Frust rauszulassen. Man kann auch nicht zum Beispiel einem Verkäufer Gewalt androhen, nur weil einem die Sachen, die er verkauft, nicht gefallen.

SPORT1: Ist es nicht auch sehr bedenklich, dass durch solche Aktionen eine Vertragsauflösung erreicht wird?

Lienen: Ja, natürlich. Kevin Pezzoni wurde ja schon einmal bedroht, die aktuellen Ereignisse brachten wahrscheinlich das Fass zum Überlaufen. Ich hätte mir vom Verein die absolute Rückendeckung für den Spieler gewünscht - von Anfang an. Die Dimension wurde zunächst vielleicht etwas unterschätzt im nervenaufreibenden Abstiegskampf. Eine unheimlich schwierige Situation, die für den Spieler zu einer enormen Belastung wurde. Dass Kevin Pezzoni dann auch einer Vertragsauflösung offen gegenüber stand, ist eine nachvollziehbare Reaktion.

SPORT1: Sie waren Trainer des 1. FC Köln und kennen das Umfeld. Befeuert bei Traditionsvereinen vielleicht der Anspruch, Bundesliga spielen zu müssen, solche Aktionen?

Lienen: In diesen Traditionsvereinen sind natürlich mehr Emotionen im Spiel. Bei Sandhausen oder Regensburg würde so etwas wohl nicht passieren. Aber in Köln, Hamburg und Berlin ist die Wahrscheinlichkeit höher - das Fanpotenzial und das öffentliche Interesse sind in diesen Städten einfach größer.

SPORT1: Sie haben Geisterspiele und eingeschränkte Ticketverkäufe als "hilflos und lächerlich" bezeichnet. Können Sie das genauer erläutern?

Lienen: Für mich machen solche Maßnahmen überhaupt keinen Sinn. Dadurch wird sich nichts verändern. Man kann nicht Vereine für etwas bestrafen, wofür sie nichts können. Ich kann auch nicht nachvollziehen, dass die Vereine die Sportgerichtsbarkeit akzeptieren, denn diese Sportgerichtsbarkeit muss auch rechtens sein.

SPORT1: Was meinen Sie damit genau?

Lienen: Es ist rechtswidrig, in die Souveränität eines Vereins einzugreifen. In Düsseldorf mussten zum Beispiel Dauerkarteninhaber, die die Karten bereits bezahlt hatten, zu Hause bleiben. Das ist für mich ein ungeheuerlicher und absurder Vorgang. Wenn es nicht so traurig wäre, dann könnte man darüber lachen.

SPORT1: Sehen Sie eine Möglichkeit, randalierende Fans zu bestrafen, ohne dem Verein zu schaden?

Lienen: Man muss ständig im Dialog mit den Fans sein. Das passiert ja auch schon - viele Vereine arbeiten hier vorbildlich. Der DFB hat, wenn ich von der Sportgerichtsbarkeit absehe, auch schon sehr gute Dinge initiiert. Es gab einen Fan-Kongress in Leipzig im letzten Jahr, es gibt eine ständige Fan-AG. Die Ultras haben schon sehr viele Privilegien bekommen, wie sie sich verhalten dürfen, aber dann müssen sie sich auch an die Vereinbarungen halten. Ansonsten muss man ihnen die Privilegien wieder entziehen.

SPORT1: Glauben Sie, dass die friedlichen Fans die randalierenden mit einer Ausgrenzung stoppen können?

Lienen: Natürlich dürfen die Fans, wenn sie ihre Privilegien behalten wollen, diese Leute nicht decken. Alle sind mitverantwortlich! Wenn die Ultras ihre Privilegien behalten wollen, dann haben sie auch die Pflicht, intern für Ordnung zu sorgen. Das Fußballstadion ist kein rechtsfreier Raum, wo man beliebig und rücksichtslos über die Stränge schlagen darf.

Weiterlesen