Die Pfiffe gegen Robben sind so unfair wie kontraproduktiv: Die Egoismus-Debatte hat sich auf bizarre Weise verselbstständigt.

Es gab eine Zeit, in der man noch glauben konnte, die so genannte Robben-Debatte sei mehr ein Medienthema als ein reales Problem.

Vielleicht war das auch einmal so: Inzwischen jedenfalls ist sie ein Lehrstück, wie sich so eine Angelegenheit verselbstständigen kann.

Die Pfiffe beim Freundschaftskick gegen die Niederlande zeigen, wie sich bei einigen Bayern-Fans die Skepsis gegen den vermeintlichen Ego-Shooter in richtiggehende Abneigung verwandelt hat.

Abneigung, die nicht mit der wagemutigen Deutung zu erklären ist, die die Bayern jetzt vorschützen: Dass die Pfiffe deshalb kamen, weil er ihnen im Oranje-Trikot unter die Augen getreten ist.

Vielmehr scheint es, als ob einige Zuschauer Robben inzwischen als eine Art Feind im eigenen Team empfinden, als einen der wegen seiner Elfer-Fehlschüsse und vermeintlichen Egotrips vom Erfolgsgaranten zum Erfolgshemmnis geworden ist.

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Dahinter steckt zum einen eine ziemlich eiskalte Erfolgsfan-Haltung - im krassen Gegensatz zu der der Südkurve, die Robben nach dem Königsklassen-Drama aufmunterte statt auf ihn einzutreten.

Zum anderen ist da eine ziemlich verengte Sicht auf die Dinge zu besichtigen, die so einiges außer Acht lässt.

Zum Beispiel, dass Robben den Elfmeter gegen Chelsea nicht an sich gerissen hat, sondern vom Trainer als Schütze vorgesehen war.

Oder dass er die Verantwortung im Gegensatz zu anderen später übernommen hat.

Die Erwartungen an Robben haben sich mittlerweile zu einer ziemlich verdrehten Mischung entwickelt: Von der einen Seite wird er angegangen, weil er den Elfer schießt, von der anderen, weil er später nicht mehr will.

Einerseits soll er kein Egoist mehr sein, andererseits bitte wieder Tormaschine.

Kein Wunder, dass der Niederländer bei dem Versuch, all dem gerecht zu werden, mehr und mehr verkrampft und die Sache nur schlimmer wird.

Aber auch die Bayern müssen sich gerade fragen lassen, ob sie im Moment das richtige tun.

Denn während sich Robbens Landsmänner aus den Niederlanden über die Pfiffe empören, mühen sich die Bayern-Vertreter vor allem darum, die Angelegenheit klein zu reden.

Sie reden zum Teil so, als wären die Pfiffe eine Alltäglichkeit, die anderen stellen Blitzdiagnosen, dass da schon nichts hängen bleiben werde.

Der Versuch, die unangenehme Debatte zu diesem unpassenden Zeitpunkt so einzufangen, ist verständlich. Er kann aber auch nach hinten losgehen.

Er kann von Robben nämlich auch als etwas anderes aufgefasst werden: als mangelnden Willen, sich mit klaren Worten für ihn ins Zeug zu legen.

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