MATTHIAS GINTER (ab 90.): Kommt für seinen verletzten Dortmunder Teamkollegen noch zu einem Kurzeinsatz. Ohne Bewertung
Weltmeister Sebastian Vettel geht in seine sechste Formel-1-Saison © getty

Vor der letzten Testwoche gilt der RB8 des Weltmeisters als das schnellste Auto. Die wahren Kräfteverhältnisse bleiben unklar.

Aus Barcelona berichtet Marc Ellerich

Barcelona - Der Doppel-Weltmeister in seinem nagelneuen Red-Bull-Renner, Version acht, liegt vorne.

So lautet die allgemeine Einschätzung der Experten vor der dritten Testwoche der Formel 1 in Barcelona, der letzten vor dem Saisonbeginn zwei Wochen später in Melbourne.

Den Beweis könnte Vettel - er ist auf dem Circuit de Catalunya freitags und sonntags im Einsatz - unter der spanischen Sonne antreten ( 525286 DIASHOW: Die Tests in Barcelona ) .

Ob er es will, ist eine ganz andere Frage, die dann unter die Rubrik Tricksen, Tarnen und Täuschen fällt.

Getuschel in vollem Gang

Die große Geheimniskrämerei, das Getuschel - wer kann was, und was kann er nicht? - ist in vollem Gange. Und: So ganz möchte niemand gerne sein Blatt aufdecken.

Doch die bisherigen Eindrücke sprechen für Vettel, selbst wenn - oder auch gerade weil - der Champion der Jahre 2011 und 2010 während der vorangegangenen Übungsfahrten in Barcelona und Jerez nur einmal mit der Bestzeit glänzte.

"Red Bull ist schneller als wir", stellte Mercedes-Teamchef Ross Brawn nach dem letzten Treffen auf dem Kurs vor den Toren der katalanischen Metropole fest - ein Satz, der vor allem dadurch an Gewicht gewinnt, dass der W03 der schwäbischen Autobauer von vielen als großer Wurf angesehen wird.

"Red Bull nicht superüberlegen"

Martin Whitmarsh, Rennstall-Leiter beim britischen Konkurrenten McLaren, meinte, angesprochen aufs Kräfteverhältnis: "Red Bull hat ein solides, schnelles Auto. Aber sie sind nicht superüberlegen. Wir sind besser in schnellen Kurven, sie in langsamen."

Fernando Alonso hingegen, Vorfahrer bei der bis dato doch deutlich schlingernden Scuderia Ferrari, lässt gar keine Zweifel daran aufkommen, wen er für den großen Favoriten der bevorstehenden Saison hält.

Red Bull gelte es zu schlagen, so Alonso. "Das ist keine Überraschung. Sie profitieren von Kontinuität. Seit drei Jahren entwickeln sie ein gutes Konzept immer weiter. McLaren und wir sind gezwungen, innovativ zu sein. Wir müssen einen Rückstand aufholen."

Nur: Wie groß dieser ist ausfällt, darüber kann oder will auch der hochgelobte deutsche Weltmeister nichts aussagen. "Die Streuung ist in diesem Jahr höher als sonst", sagte Vettel nach der ersten Testsession auf dem katalanischen Kurs: "Teilweise bis zu eineinhalb Sekunden. Wir hängen selbst in der Luft."

[image id="ceaa808a-645a-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Das kann natürlich ein Trick des cleveren Heppenheimers sein, um sich lästige Frager vom Hals zu halten.

Gute Zeiten aus der zweiten Reihe

Auffallend war, dass in den bisherigen Probeläufen auffallend viele gute und sehr gute Zeiten an Teams der zweiten Reihe gingen: Sauber, Williams, Lotus, auch Formel-1-Rückkehrer Nico Hülkenberg glänzte im Force India einmal mit der besten, das andere Mal mit der zweitbesten.

Vettel liest daraus lediglich, dass das "Feld besonders zwischen den Spitzenteams und dem Mittelfeld" näher zusammenrücken werde ( DATENCENTER: Rennkalender 2012).

Auch die erste Tagesbestzeit beim finalen Barcelona-Test ging an einen dieser vermeintlichen Außenseiter: Romain Grosjean, wie Hülkenberg ein Rückkehrer in die Formel-1-Elite stellte seinen Lotus nach 73 Runden mit der schnellsten Zeit ab (1:23,252 Minuten).

Seinem ersten Verfolger, McLaren-Pilot Jenson Button, fehlten zweieinhalb Zehntelsekunden, Dritter wurde der mexikanische Sauber-Pilot Sergio Perez, gefolgt von Vettels Red-Bull-Kollegen Mark Webber (SERVICE: Die Resultate aus Barcelona).

Derlei Zahlengeplänkel sollte man allerdings auch nicht überbewerten - meinte jedenfalls Jenson Button. "Es bringt wenig auf die Rundenzeiten zu schauen", hatte der britische Weltmeister des Jahres 2009 schon nach der ersten Barcelona-Woche gelassen geurteilt.

Woran erkennt man die gute Form?

Die Form des jeweiligen Rivalen lesen die WM-Anwärter an anderen Details ab: der Zuverlässigkeit in Dauerläufen, dem Kurvenverhalten, dem Umgang mit den Pneus des italienischen Lieferanten Pirelli, an solchen Dingen.

Red Bull zum Beispiel glänzte in Barcelona vor einer Woche bereits mit der Simulation eines kompletten Rennwochenendes. Auch Mercedes und McLaren haben bereits zahlreiche Ausdauerläufe hinter sich.

Nico Rosberg spulte auch am Donnerstag wieder 128 Runden ab (BERICHT: Marathonmann Rosberg optimistisch). Ferrari hingegen hatte zuletzt offenbar immer noch Mühe, das Verhalten seines Autos überhaupt zu verstehen.

Und dann ist da ja auch noch die Abteilung Technik, vor dem Saisonauftakt stets Anlass zu aufgeregtem Geraune. Viele Betrachter wunderten sich in diesem Jahr, dass sie von der Innovationsschmiede Red Bull in den bisherigen Tests noch keine technischen Zaubereien gesehen hatten.

Whitmarsch staunt

"Bis jetzt habe ich bei den Tests nichts entdeckt, was auf Revolutionäres hindeuten könnte", staunte McLaren-Oberhaupt Whitmarsh stellvertretend für den Rest des Feldes.

Wenn Red Bull - oder ein anderes Team - den großen Technik-Trick 2012 noch plant, dann müsste es ihn in Barcelona zeigen, danach bleibt keine Zeit mehr zur Erprobung. Immerhin: Whimarsh kündigte fürs spanische Testfinale ein Update an, "das uns einen Schritt voranbringen wird".

Um dann hinterherzuschieben: "Aber Red Bull wird vermutlich das Gleiche tun."

"Karten sind aufgedeckt"

Sein Pilot, Lewis Hamilton, rechnet ohnehin nicht mehr mit Überraschungen oder großartigen Neujustierungen der Kräfteverhältnisse: "Ich glaube, die Karten sind zum großen Teil aufgedeckt. Was noch kommt, sind Optimierungen an allen Teilen des Autos."

Auch Vettels Teamchef klingt nicht danach, als erwarte er tiefschürfend neue Erkenntnisse über die Form der Rivalen: "Wir werden erst in Melbourne wissen, wer wie stark ist", stellte Christian Horner fest.

Und sein deutscher Klassenprimus Vettel glaubt gar, dass diese Klarheit erst im zweiten Saisonrennen in Malaysia Einzug halten wird.

Weiterlesen