Lewis Hamilton hat die Hoffnung auf seinen zweiten Saisonsieg aufgegeben © getty

Mercedes-Motorsportchef Wolff will den Negativtrend mit einem Strategiewechsel stoppen - und widerspricht damit Lauda.

Von Tobias Wiltschek

München - Die WM-Titel hat Mercedes schon längst abgehakt - bei den Fahrern und bei den Konstrukteuren.

Da sind Sebastian Vettel und Red Bull der silbernen Konkurrenz in den vergangenen fünf Rennen zu weit enteilt.

Lewis Hamilton jedenfalls hat nach dem Japan-GP (Nachbericht) für sich selbst die Hoffnung auf einen weiteren Grand-Prix-Sieg schon aufgegeben. Er bezeichnete "einige solide Platzierungen in den Punkterängen" als das Maximum in den verbleibenden vier Rennen.

In der Teamfabrik im englischen Brackley rauchen dennoch die Köpfe. Es gilt, den wichtigen zweiten Platz in der Konstrukteurs-Wertung zu ergattern (DATENCENTER: WM-Stand Teams).

Unterschiedliche Auffassungen

Darin sind sich alle Verantwortlichen des Rennstalls einig. Unterschiedliche Auffassungen herrschen aber in der Frage, wie dieses Ziel erreicht werden soll.

"Die Entwicklung am Auto ist gelaufen. Wir müssen jetzt alles darauf konzentrieren, dass wir das Tempo, das in dem Auto steckt, auch im Rennen abrufen", wird Aufsichtsratschef Niki Lauda von "auto, motor und sport" zitiert.

Etwas anderer Auffassung ist Motorsportchef Toto Wolff. Laudas österreichischer Landsmann denkt darüber nach, die schon eingestellte Entwicklungsarbeit am aktuellen Auto wieder aufzunehmen.

"Vielleicht müssen wir die Ressourcen neu verteilen", meinte Wolff mit Blick auf die harte Konkurrenz im Kampf um den zweiten Platz. Ferrari hat nach dem vergangenen Grand Prix von Japan zehn Punkte Vorsprung auf die Silberpfeile, und Lotus hat den Rückstand in den vergangenen Rennen auf 23 Zähler verkürzen können.

Die Truppe aus Enstone ist es auch, die Wolff nun mehr fürchtet als die Scuderia: "Ferrari hat von der reinen Pace ein größeres Problem als wir."

Motor auf dem Prüfstand?

Lotus aber sei schon in Südkorea Anfang Oktober vier Zehntel pro Runde schneller gewesen als zuvor. "Wir müssen analysieren, was sie machen", so Wolff.

Er vermutet, dass die veränderten Einstellungen des Renault-Motors zur Abgassteuerung bei Lotus zu den verbesserten Zeiten geführt haben. "Die Frage ist nur, ob wir die Ressourcen haben, dass noch in den letzten vier Rennen zu implementieren."

Laut Wolff müsse man in dem Fall den Motor noch einmal auf den Prüfstand stellen, wobei er betonte: "Ich sage nicht, dass das der goldene Schlüssel ist. Aber es ist auf jeden Fall ein Thema."

Ein Thema, das dieser Tage in England sicherlich heiß diskutiert wird. Denn in der Motorenfabrik ist der Fokus derzeit schon ausschließlich auf die Produktion des neuen V6-Aggregats gerichtet, mit dem sich die Silberpfeile im kommenden Jahr Titelchancen ausrechnen.

Auf der anderen Seite wäre es fahrlässig, in dieser Saison Platz zwei praktisch kampflos abzuschenken. Für den Rang direkt hinter Red Bull gäbe es Schätzungen zu Folge zehn Millionen Euro Bonusgelder mehr als für den dritten Platz und 15 Millionen mehr als für Rang vier.

Anstieg des Etats

Das zusätzliche Geld könnte man nicht nur in die Entwicklung des kommenden Autos stecken, es würde offenbar auch den beachtlichen Budgetanstieg für das Mercedes-Team vor der vergangenen Saison rechtfertigen.

Nach Informationen von "auto, motor und sport" stieg der Etat der Silberpfeile von 2011 auf 2012 um 25 Prozent.

Demnach wies das englische Handelsregister für die Saison 2011 149 Millionen Euro aus, im darauf folgenden Jahr waren es 179 Millionen. Gleichzeitig stieg die Zahl der Angestellten von 474 auf 550 Mitarbeiter.

Teamchef Ross Brawn merkte zwar richtig an: "Wir haben schon doppelt so viele Punkte geholt wie im letzten Jahr." Doch im Kampf um Platz zwei reicht das nicht aus.

"Wir dürfen nicht weiter Punkte herschenken", mahnte Lauda und meinte damit die in letzter Zeit häufiger aufgetretenen vermeidbaren Fehler des Teams.

Erst beim vergangenen Rennen in Suzuka verlor Mercedes-Pilot Nico Rosberg einige Plätze wegen einer Durchfahrtsstrafe. Sein Team hatte die Markierungen an der Boxenmauer falsch gesetzt, weshalb der Deutsche beim Verlassen der Box beinahe mit McLaren-Pilot Sergio Perez kollidiert wäre.

Solche Fehler könnten den Silberpfeilen in den letzten Rennen 15 Millionen Euro kosten.

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