Kimi Räikkönen wurde 2007 mit Ferrari im letzten Rennen Formel-1-Weltmeister © getty

Bleibt er, geht er? Kimi Räikkönens starke Leistungen wecken Begehrlichkeiten. Sein Teamchef will den Exzentriker halten.

Von Marc Ellerich

München - Dass Kimi Räikkönen nicht zu den pflegeleichtesten Fahrern im Formel-1-Zirkus gehört, ist mittlerweile gesichertes Allgemeinwissen.

Wenngleich Räikkönen nach seiner Rückkehr in den PS-Elitezirkel einiges dafür getan hat, um seinen ramponierten Ruf aufzupolieren: Bei den ach so ungeliebten Medien-Terminen, in seinen Augen nicht viel mehr als "Bullshit", antwortete der bis dato als Schweiger aus Espoo bekannte Finne nun auf einmal tatsächlich in ganzen Sätzen. Die dann auch noch aus mehr als nur drei nichtssagenden Worten bestanden.

Teamfähigkeit als Schwäche

Auch seine Zusammenarbeit mit Teamkollegen, Mechanikern und Ingenieuren galt bis dato stets als Schwachpunkt des schnellen Piloten.

"Er lebt auf seinem eigenen Planeten", dieser Satz seines früheren Teamchefs Stefano Domenicali fasste viele Vorurteile gegen Räikkönen am Ende seiner Erst-Karriere prägnant zusammen.

Ein Diktum, das Räikkönens ebenso berühmte Replik nach sich zog: "Ich lebe sehr gut auf meinem Planeten. Es ist sehr schön hier."

"Gebt mir volle Leistung"

Schnee von gestern? Dass im Lotus-Piloten Räikkönen immer noch eine ganze Menge vom einstigen Iceman steckt, führte dieser eindrucksvoll beim Belgien-Grand-Prix in Spa vor. ( 607536 DIASHOW: Die Bilder des Rennens )

Als sein Team ihn im Finales des Rennens aufforderte, schneller zu fahren, obwohl das Bremsenergie-Rückgewinnungssystem KERS nicht einwandfrei arbeitete, brüllte der Finne in den Funk: "Dann gebt mir die volle Leistung!" (BERICHT: Grosjean räumt ab - Vettel sagt danke)

Auch dass Räikkönen, der in Spa Dritter wurde, auf dem Siegerpodium zuletzt regelmäßig Kritik an der mangelhaften Performance des E-20 übt, dürfte nicht bei jedem gut ankommen.

Honig um den Mund

Doch sein Lotus-Team schluckt die Launen seines Fahrers bisher geduldig. Mehr noch: Lotus packt Räikkönen in Watte.

"Kimi ist ein Charakter mit seiner eigenen Persönlichkeit", urteilte Teamchef Eric Boullier: "Das muss man respektieren."

Natürlich sind dem Rennstall-Chef die Probleme nicht entgangen, die frühere Teams mit dem Weltmeister von 2007 hatten. Aber: "Wir haben das Glück, dass wir Kimi verstehen", behauptete Boullier: "Wir wissen, warum er auf diese oder jene Weise auf manche Dinge reagiert hat."

Boullier weiß natürlich, weshalb er Räikkönen Honig um den Mund schmieren muss. Der rasend schnelle Pilot hat trotz seines zweijährigen Ausflugs in die Rallye-WM nichts von seinem Tempo verloren.

Boullier: Er braucht Spaß

In der WM ist er Vierter und hat weiterhin berechtigte Hoffnungen auf den zweiten Titel. Anders als Bruchpilot Romain Grosjean nutzt Räikkönen seine Chancen konstant und fährt regelmäßig aufs Podium, obwohl seinen Rennwagen eine gewisse Schwäche im Qualifying plagt. (Heftige Prügel für Crash-Kid Grosjean)

Der Branche rechnet jederzeit mit dem ersten Sieg Räikkönens nach dessen Comeback. (DATENCENTER: WM-Stand Fahrer)

Die Topform des Exzentrikers ist natürlich auch den anderen Rennställen nicht entgangen. Einige Spitzenteams sollen bereits angeklopft haben.

"Er hat einen Zweijahresvertrag mit uns. Ende!", versuchte Boullier zuletzt die Gerüchteküche abzukühlen.

Inwieweit es gelingt, den PS-Star zum Bleiben zu bewegen, hängt vor allem davon ab, was Lotus seiner Nummer eins auch künftig zu bieten vermag.

Denn auch diese Lektion hat Boullier natürlich längst gelernt. Der Franzose weiß: "Du muss zusehen, dass er Spaß hat. Denn wenn er Spaß hat, dann liefert er auch Leistung ab."

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