Vettel (vorne) wäre mit der Punkteverdoppelung 2012 nicht Weltmeister geworden, sondern Alonso (hinten) © getty

Die doppelten Punkte im Saisonfinale sorgen für einen Sturm der Entrüstung. An der Spitze der Kritiker: Weltmeister Vettel.

Von Andreas Reiners

München - Sebastian Vettel bringt so schnell nichts aus der Ruhe.

Der 26-Jährige bleibt zumeist gelassen, konzentriert und fokussiert. Vettel ist ehrgeizig, bisweilen besessen, ein Teamplayer.

Unter dem Strich ein "Cocktail mit den besten Eigenschaften eines Rennfahrers" (Niki Lauda). Ein Mix aus Eigenschaften, die ihn zum viermaligen Weltmeister und derzeitigen Dominator der Formel 1 machten.

Doch das könnte künftig nicht mehr genug sein. Denn ab 2014 spielt durch die Verdopplung der Punkte im letzten Saisonrennen der Faktor Glück eine noch größere Rolle. Die Entscheidung des Automobil-Weltverbandes FIA brachte dann sogar den ansonsten so besonnenen Vettel auf die Palme.

Vettel versteht die neue Regel nicht

"Das ist unsinnig und bestraft diejenigen, die eine ganze Saison lang hart gearbeitet haben. Man stelle sich mal vor, am letzten Bundesliga-Spieltag gäbe es plötzlich doppelte Punktzahl. Ich schätze die alten Traditionen in der Formel 1 und verstehe diese neue Regel nicht", sagte Vettel der "Sport Bild".

In der Tat: Nur weil die Bayern sowohl national als auch international von Rekord zu Rekord eilen und zumindest bis zum 2:3 gegen Manchester City am Dienstagabend als unschlagbar galten, käme niemand auf die Idee, die Regeln zu ändern, um in der Bundesliga künstlich für mehr Spannung zu sorgen.

Fünf Entscheidungen im Saisonfinale

Und von mangelnder Spannung kann in der Formel 1, von Ausnahmen abgesehen, auch nicht die Rede sein. Immerhin wurden fünf der letzten acht Titel-Entscheidungen erst im Saisonfinale ausgefahren.

Die neue Regel würde rückwirkend aber dafür sorgen, dass ein großer Teil der Formel-1-Geschichte neu geschrieben werden müsste. 2012 hätte beispielsweise Fernando Alonso seinen ersten Titel mit Ferrari feiern können, Vettel wäre leer ausgegangen.

Die Rechnung: 13 Punkte Vorsprung hatte Vettel (273) vor dem letzten Rennen vor Alonso (260). In Brasilien wurde Vettel Sechster (8 Punkte), Alonso Zweiter (18). Mit der neuen Regelung hätte Vettel in der Endabrechnung (289:296 statt 281:278) das Nachsehen gehabt. Die damalige sechsmonatige Aufholjagd? Vergeblich, wegen eines einzigen Rennens.

Schumacher hätte nur sechs Titel

Weitere Beispiele gibt es zuhauf. Felipe Massa hätte 2008 nicht aus Trauer, sondern aus Freude über seinen ersten WM-Titel geweint.

Michael Schumacher wäre zwar noch Rekord-Weltmeister, hätte 2003 aber dem Finnen Kimi Räikkönen den Vortritt lassen müssen und demnach nur sechs WM-Pokale geholt.

Insgesamt zehn Mal hätte die Formel 1 einen anderen Weltmeister bekommen.

Vier Rennen mit doppelten Punkten geplant

Doch doppelte Punkte hin oder her: Es wäre sogar fast noch schlimmer gekommen. Denn wie Vettels Red-Bull-Boss Dr. Helmut Marko verriet, ist die beschlossene Variante nur die abgespeckte Version.

"Zunächst war geplant, für die letzten vier Rennen doppelte Punktzahl zu vergeben", sagte der Österreicher und merkte an: "Dann wäre die WM vorher fast sinnlos gewesen." Red Bull stimmte wenig überraschend gegen die neue Regelung, wurde aber überstimmt.

Der Hintergrund ist klar: Sinkendes Interesse aufgrund von Vettels Übermacht kann sich die Motorsport-Königsklasse kaum leisten, vor allem auch angesichts der zahlreichen finanziell angeschlagenen Teams, die weiter ums Überleben kämpfen müssen.

Budgetobergrenze kommt

Diese Teams bekommen nun Hilfe, denn ab der Saison 2015 wird die lange geforderte Budgetobergrenze greifen. Die genaue Höhe und die Modalitäten werden von einer Arbeitsgruppe allerdings noch festgelegt. Es ist also klar, dass im Grunde nichts klar ist. Und erneuter Zoff vorprogrammiert ist.

Denn während die großen Rennställe wie Red Bull und Ferrari mindestens 250 Millionen Euro in die Jagd nach dem WM-Titel schießen, pfeifen bereits etablierte Teams wie Sauber oder Lotus finanziell aus dem letzten Loch. Nicht zu vergessen, dass die Teams der im kommenden Jahr anstehende Sprung in die neue Turbo-Ära zusätzliche Millionen kosten wird.

"Dumm und dämlich"

Die weiteren Entscheidungen der FIA wie feste Startnummern oder eine Fünf-Sekunden-Strafe gingen im Trubel um die Punkte-Revolution fast unter. "Fehlentscheidung", "dumm", "dämlich", "die Formel 1 verkommt zu einem Witz" oder "Zirkus voller Werbegags": Die Reaktionen in Fan-Foren, bei Medien, Experten und Beteiligten fiel vernichtend aus.

Doch die Formel 1 ist und bleibt nun mal ein Milliardengeschäft. So ist es wohl auch kein Zufall, dass ausgerechnet das Scheich-Rennen im Wüstenstaat Abu Dhabi 2014 als Schauplatz des Saisonfinales dient und zugleich künstlich aufgewertet wird.

Doch die Kritik ist inzwischen so vernichtend, dass es bei der FIA Redebedarf gibt und wohl auch geben wird. Durchaus denkbar, dass sie ihre kurzfristige Hinterzimmer-Entscheidung im Handstreich auch wieder rückgängig macht.

Diesmal dann im Sinne des Sports und gegen den Kommerz.

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