Peter Kohl kritisiert in seiner Kolumne die Formel-1-Regel-Revolution. Mehr Attraktivität gehe auf Kosten der Glaubwürdigkeit.

Liebe Formel-1-Freunde,

Sebastian Vettel wird Vater. Gratulation. Auf den öffentlichen Straßen tauscht er also künftig die Rennkarosse gegen einen Familien-Kombi.

Mit Kind auf dem Rücksitz fährt man bekanntlich vorsichtiger. Ist ja auch nicht weiter schlimm, Gas geben kann er weiter auf den Formel-1-Strecken dieser Welt.

Oder doch nicht? Im Motorsport gilt das geflügelte Wort, pro Kind zwei, drei Zehntel langsamer.

Vettel? Vater! Die Konkurrenz reibt sich die Hände - vergeblich. Ich glaube eher, dass der Weltmeister jetzt noch mehr motiviert ist auf dem Asphalt.

Die Vettels schicken sich an, zu einer Renn-Dynastie zu werden. Sein Vater war hobbymäßig als Rennfahrer unterwegs. Und Vettel bricht Rekord um Rekord.

Man denke nur, die Rennfahrer-Gene übertragen sich auf das Kind. Der deutsche Motorsport-Fan frohlockt schon jetzt. Ich persönlich hoffe ja, dass es ein Mädchen wird.

Man stelle sich nur vor: Der schnellste Formel-1-Pilot ist eine Frau.

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Es wäre eine Revolution. Wunderbar, das passt ins Gesamtbild. Bei ihrem Bemühen um mehr Gleichheit und Brüderlichkeit rütteln die Verantwortlichen der Rennserie zur Zeit ohnehin kräftig an bestehenden Reglements. Das zeigt die Idee mit der verdoppelten Punktzahl im letzten Rennen.

Aber wie kam es eigentlich dazu? Es gibt die sogenannte Regelfindungskommission.

Die hat einen klar formulierten Auftrag: Sie soll im Auge behalten, wie sich die Rennserie entwickelt. Und sie hat einen Job: Die Geschichte soll möglichst spannend bleiben, spektakulär für den Zuschauer mit atemraubenden Duellen.

Diese Kriterien als Grundlage genommen, hatten wir in der vergangenen Saison vor allem eines in Fülle: Langeweile. Red Bull dominierte die Konkurrenz, die begehrte auf.

Aber wozu die Eile. Die Formel 1 versucht in einer Saison, in der sich von Haus aus vieles ändern wird, ein komplett neues technisches Reglement durchzusetzen. Die logische Konsequenz: Reihenweise technisch bedingte Ausfälle.

Ja, es ist Ziel, die Saison bis zum Finale offen zu halten. Aber ich bezweifle, dass diese Punkteverdoppelung eine geschickte Aktion ist. Die Reaktionen der Motorsport-Fans in allen möglichen Internetforen zeigt, dass die Menschen damit nichts anfangen können.

Auch ich halte es für sehr bedenklich. Im schlimmsten Fall zählt die konstante Leistung, die ein Fahrer über eine Saison gezeigt hat, im abschließenden Rennen nichts mehr. Das ist nicht im Sinne des Sports.

Der Zweitplatzierte bekommt dann 36 Punkte, das sind elf Punkte mehr als man in der Regel für einen Sieg bekommt. Warum soll ein Rennen mehr wert sein als 18 andere. Die Verantwortlichen kreieren für Abu Dhabi ein Alleinstellungsmerkmal.

Die Formel 1 läuft Gefahr, die Motorsport-Fans zu verprellen. Sie könnten die Rennserie als gekünstelte Show verspotten. Es wird sehr viele Diskussionen geben, da bin ich mir sicher. Nur die Teams dürfen sich nicht beschweren - sie sind maßgeblich an der Revolution beteiligt.

Die Regelfindungskommission setzt sich aus Vertretern sechs verschiedener Teams zusammen. Die Teams sind massiv beteiligt. Ein Gesandter von Bernie Ecclestone ist mit dabei, der hat die TV-Rechte an der Formel 1 - und ist besonders an mehr Attraktivität interessiert.

Auch ein Vertreter des Motorsport-Weltverbandes gehört zur Kommission. Es ist jetzt nicht so, dass Ecclestone da hingegangen ist und gesagt hat: "Komm wir machen das jetzt, ich will da noch ein bisschen mehr Kick drin haben". Es ist nicht die einsame Entscheidung eines Mannes.

Eine Gruppe von Entscheidungsträgern hat lange über das Für und Wider diskutiert und ist der Meinung, dass das der Sache gut tut. Hoffentlich behalten sie am Ende Recht.

Ansonsten kann ich den Herren nur anraten, sich in einem Jahr wieder an den Tisch zu setzen und über Verbesserungen zu beratschlagen. In der Formel 1 ist nichts in Stein gemeißelt. Es geht um Glaubwürdigkeit.

Bis demnächstPedal To The MetalIhr Peter Kohl

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