Sebastian Vettel (r.) wurde 2010, 2011 und 2012 Formel-1-Weltmeister © getty

Sebastian Vettel ist jüngster Dreifach-Weltmeister der Geschichte und schließt zu zwei Legenden auf. Er bleibt aber Schlingel.

München - Reflektieren, sagte Sebastian Vettel vor wenigen Tagen, "tut man erst, wenn man alt ist. Ich bin noch jung, ich lebe in den Tag hinein."

Wenn er eines Tages doch auf seine Karriere zurückblickt, wird er stolz sein können. Dreimal Weltmeister in Folge (Bericht), damit in einer Liga mit Juan Manuel Fangio und MichaelSchumacher - mit 25 Jahren ist Sebastian Vettel dem Status des "Mini-Schumi" längst entwachsen. ( 643852 DIASHOW: Bilder des Rennens )

Manche sagen, Vettel sei in diesem Jahr auch extrem erwachsen geworden. Andere wie Jacques Villeneuve sehen das anders. Der Hesse benehme sich "manchmal wie ein Kind", sagte der kanadische Ex-Weltmeister noch in dieser Woche.

Vettel mit zwei Gesichtern

In der Tat könnte man manchmal meinen, es gäbe zwei Sebastian Vettels.

Der eine ist ein Lausbub, und wird es wohl immer bleiben. Ein Lausbub, dem vom Ehrgeiz getrieben manchmal die Emotionen durchgehen.

Der andere Vettel ist schon lange erwachsen. Ein reifer, junger Mann, der Drucksituation hervorragend meistert und von dem sie in seinem Team schon lange sagen, dass er es ist, der vielen durch emotionale Täler hilft.

Der immer pusht, nie den Glauben verliert, mit seinem Perfektionismus alle antreibt.

Unglückliche Aktionen und Aussagen

Natürlich gab es in diesem Jahr auch weniger glückliche Aktionen und Aussagen Vettels.

Wie in Malaysia, als er den Inder Narain Karthikeyan nach einem Unfall als "Gurke" bezeichnete. Wie in Bahrain, wo er die Diskussionen über das Rennen im Krisenstaat bagatellisierte mit den flapsigen Worten: "Ich habe noch niemanden gesehen, der eine Bombe geworfen hat, das ist ein großer Hype."

[kaltura id="0_sb8ecu40" class="full_size" title="Titel Hattrick Die Konkurrenz gratuliert Vettel"]

Oder wie in Abu Dhabi, wo er mit Kraftausdrücken auf dem Podium ("fuck up") dafür sorgte, dass alle Teams und Fahrer in einem FIA-Brief zu "angemessener Wortwahl" aufgerufen wurden. Und auch dies abfällige: "Wer sensibel ist, soll Kinderprogramm schauen."

Keine Provokationen

Doch da ist auch der reife Vettel. Der sich nicht auf die mit zunehmender Saisondauer immer geschmackloser werdenden Psychospielchen seines WM-Rivalen Fernando Alonso einließ. Oder der sich, unvergessen, im Vorjahr in Indien, wie niemand im Formel-1-Zirkus auf Land und Leute einließ und sich die Zuneigung der Einheimischen verdiente.

Vettel ist eben ein reifer Lausbub. Und, das hat er auch seinen Kritikern in Abu Dhabi mit der größten Aufholjagd der jüngeren Formel-1-Geschichte bewiesen, auch ein hervorragender Rennfahrer, der eben nicht nur von Technik-Guru Adrian Newey profitiert.

Der nicht nur dann gut sein kann, wenn er das Rennen aufgrund der mit dem überlegenen Auto gewonnenen Pole von vorne dominieren kann.

Immer "der jüngste"

Doch vielleicht fährt bei vielen Bewertungen auch immer das Klischee mit. Vettel hat immer noch weiche Gesichtszüge. Und jemand, der immer "der jüngste" ist, muss in den Augen vieler eben auch jung sein.

Immer noch ist Vettel der jüngste Fahrer, der punktete. Er ist der jüngste Pole-Inhaber, der jüngste Rennsieger, der jüngste Weltmeister, der jüngste Zweifach-Weltmeister und nun eben auch der jüngste Dreifach-Weltmeister. (DATENCENTER: WM-Stand Fahrer)

Über die Sprüche bezüglich seines Alters oder seiner Reife kann Vettel aber auch selbst schmunzeln. "Schnell gealtert" sei er, merkte er vor einigen Monaten an, und ergänzte, ganz der Lausbub:

"Muss beim Bier kaufen meinen Ausweis zeigen"

"An der Kinokasse oder beim Bier kaufen glaubt mir das aber keiner, da muss ich immer noch meinen Ausweis zeigen."

Umso passender für das eben nicht passende Bild, ist die Tatsache, dass Vettel Oldies liebt. Er ist einer der größten Beatles-Fans überhaupt, durchstöbert an freien Tagen vor oder nach den Rennen die Plattenläden dieser Welt nach alten Vinyl-Schallplatten der Pilzköpfe.

Als kleiner Junge wollte er auch Sänger werden, "so wie Michael Jackson. Es war schmerzhaft, als ich realisiert habe, dass mir die Stimme dafür fehlt." Auch zum Fußballer reichte es für den Fan von Eintracht Frankfurt nicht.

Zum Fußballer reicht's nicht

"Das sitzt noch tief", beschrieb Vettel die Erinnerung an seine Kicker-Zeit in der Jugend des TSV Hambach: "Ich habe nicht viele Tore geschossen und hatte nicht viele Einsätze."

Auch Tennis, Tischtennis oder Beachvolleyball hat Vettel gespielt: "Aber ich war nie der Beste, deshalb habe ich damit aufgehört."

Im Rennfahren war er immer der Beste. Nun ist er es in der Königsklasse des Motorsports bereits seit drei Jahren. Und wenn er, irgendwann am Alter, darüber reflektiert, wird ihm egal sein, was die anderen damals über ihn sagten.

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