Sebastian Vettel (r.) ging 2007 beim USA-GP erstmals in der Formel 1 an den Start © getty

Der Champion findet selbst nach seiner unfassbaren Aufholjagd noch ein Haar in der Suppe. Alonso wird erneut zum Samurai.

Von Felix Götz

München - Sagenhafte 21 Plätze hat Sebastian Vettel beim Großen Preis von Abu Dhabi gutgemacht. (BERICHT: Vettels Husarenstück)

Es war die größte Aufholjagd seit 23 Jahren. Christian Danner hatte 1989 in den USA in einem größeren Starterfeld von Platz 26 Rang vier belegt.

Trotzdem fand Vettel nach seiner sensationellen Fahrt aus der Boxengasse auf Platz drei ein Haar in der Suppe.

"Es war sogar ein Sieg möglich", sagte der Heppenheimer, der sich nur Lotus-Pilot Kimi Räikkönen und Fernando Alonso im Ferrari geschlagen geben musste und seine WM-Führung verteidigte:

"Aber ich habe im Zweikampf gegen Jenson Button einfach zu viel Zeit verloren."

"Wie auf der Autobahn"

Vettel pflügte förmlich durch das Feld. ( 634532 DIASHOW: Bilder des Rennens )

"Der kaltblütige Buchhalter ist ein Barbar geworden. Er ist auf Alonsos Ebene aufgestiegen, vielleicht sogar darüber hinaus", adelte die italienische Zeitung "Corriere dello Sport" den Deutschen.

Selbst als er nach dem Zusammenstoß mit Toro-Rosso-Fahrer Daniel Ricciardo während der ersten Safety-Car-Phase mit einem kaputten Frontflügel an die Box musste und seine Aufholjagd von vorne begann, war der Weltmeister schnell wieder bei der Musik.

"Ich bin an so vielen Autos vorbeigefahren, das war fast wie auf der Autobahn", meinte Vettel in der "Bild".

Fight gegen Button

Die Hürden HRT, Marussia, Caterham, Toro Rosso, Williams, Force India, Sauber und Mercedes nahm der jüngste Doppel-Weltmeister in der Geschichte der Königsklasse leicht und locker, dann aber wehrte sich Button mit allen Mitteln.

"Das war ein netter Kampf gegen Jenson. Ich habe mir das leichter vorgestellt", sagte Vettel.

Und der 26-malige Grand-Prix-Sieger weiter: "Ich hatte dennoch meine Freude an dem Duell. Er war sehr fair."

Das Tempo war da

Allerdings kam Vettel erst in der 53. von 55 Runden am McLaren-Fahrer vorbei.

"Dann waren nicht mehr genügend Runden übrig, um zu Fernando und Kimi aufzuschließen. Das nötige Tempo hätten wir aber gehabt", war sich der Hesse sicher.

Sein Abu-Dhabi-Fazit fiel natürlich trotz seines unbändigen Ehrgeizes positiv aus: "Es war ein tolles Rennen mit einem guten Ergebnis."

Entscheidend war für Vettel, dass er in der Fahrerwertung nur drei Zähler einbüßte und zwei Rennen vor dem Saisonende zehn Punkte vor Alonso liegt. Zur Situation im Titelkampf meinte er nur: "Wir glauben an uns." (DATENCENTER: WM-Fahrerwertung)

Alonso machtlos

Für Ferrari musste sich Alonsos starker zweiter Platz angesichts Vettels Ergebnis wie eine Niederlage angefühlt haben.

Auch wenn der Spanier das nicht zugab. "Es war insgesamt ein perfekter Sonntag für uns", sagte der Scuederia-Star, machte dabei aber ein Gesicht, als hätte er den WM-Kampf bereits verloren.

Insgesamt wirkten Alonso und sein Team angesichts der Red-Bull-Dominanz in den vergangenen fünf Rennen fast machtlos. Sein Auto, der Start, die Strategie: Alles sei perfekt gewesen, gab der Weltmeister von 2005 und 2006 zu Protokoll.

Aber Vettel habe eben "einen tollen Job gemacht und war dazu in der Lage, das volle Potenzial auszuschöpfen".

Später Angriff auf Räikkönen

Vettels Aufholjagd sei schließlich auch der Grund dafür gewesen, dass der italienische Rennstall erst spät den erfolglosen Angriff auf Räikkönen startete.

"Wir wussten ja, dass Vettel mit frischeren und weicheren Reifen nicht weit hinter uns fuhr", erklärte Alonso: "Deshalb wollten wir erst sicher sein, dass unsere Reifen bis zum Schluss halten. Erst danach haben wir uns getraut, zu attackieren."

Jetzt müsse er "zwei Mal vor Vettel ins Ziel kommen", um noch Weltmeister zu werden.

Alonso glaubt nicht an zwei Siege

Möglicherweise sind sogar zwei Siege in Austin und in Brasilien nötig.

Das zu schaffen hält Alonso für unmöglich: "Daran glaube ich nicht."

Sein Pessimismus in dieser Hinsicht ist begründet. Alonsos letzter Triumph in Hockenheim liegt mittlerweile dreieinhalb Monate zurück.

Alonso wieder als Samurai

Eine vorzeitige Aufgabe kommt für den 31-Jährigen dennoch nicht in Frage.

"Ein Samurai arbeitet ohne Unterlass, ohne Ermüdung und ohne sich auch nur im Geringsten entmutigen zu lassen, bevor er sein Ziel erreicht hat", twitterte Alonso am Tag nach dem Rennen in den Vereinigten Arabischen Emiraten erneut:

"Wenn das Schwert bricht, kämpfe mit der Hand. Wenn sie dir deine Hände abhacken, schlag den Feind mit deiner Schulter, wenn es sein muss mit den Zähnen."

Ob Samurai-Qualitäten für einen hervorragend aufgelegten Vettel in einem überragenden RB8 helfen, bleibt abzuwarten.

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