Sebastian Vettel ist in der WM durch seinen Ausfall auf Platz vier zurückgefallen © getty

Weltmeister Vettel muss in Monza seinen zweiten Ausfall verkraften. Er gibt sich zuversichtlich. Alonso setzt sich weiter ab.

Von Marc Ellerich

München - In Runde 47 erlebte Sebastian Vettel sein Deja-vu.

Aufgeregt rief sein Renningenieur in den Funk: "Stell das Auto ab, stell das Auto ab! Wir müssen die Maschine retten."

Kurz darauf lenkte Vettel den RB8 von der Strecke. Aus, vorbei, machtlos musste der Weltmeister zusehen, wie seine Konkurrenten die wertvollen WM-Punkte unter sich aufteilten.

Hamilton vor Perez und Alonso

Die Maximalausbeute von 25 Zählern sicherte sich McLarens Pole-Setter Lewis Hamilton, der das italienische Rennen vor dem entfesselt fahrenden Sauber-Piloten Sergio Perez gewann. (Bericht: Schwarzer Tag für Vettel - Hamilton siegt vor Perez)

15 Punkte durfte Ferraris WM-Führender Fernando Alonso nach einer beeindruckenden Aufholjagd samt Ferrari-Stallregie vom zehnten bis auf den dritten Platz auf seinem Haben-Konto verbuchen. (DATENCENTER: Das Renn-Ergebnis)

"Es geht weiter", kommentierte Titelverteidiger Vettel das Resultat nach seinem zweiten Ausfall 2012: "Wir glauben weiter dran. Es hat sich nichts geändert."

Räikkönen überholt Vettel

Nur mit einem sehr optimistischen Blick aufs WM-Tableau kann man das vielleicht so sehen. Für Vettel ist die große Chance verloren gegangen, zum führenden Alonso aufzuschließen.

Und sein Abstand zu Alonso ist von 24 auf 39 Punkte angewachsen. Zwischen das Duo haben sich Monza-Triumphator Hamilton und Lotus' schneller Finne Kimi Räikkönen geschoben. (DATENCENTER: WM-Stand Fahrer)

Alonsos Verfolger trennt jeweils ein WM-Punkt.

Renault unter Druck

Was dem deutschen Titelverteidiger ebenfalls Kopfzerbrechen bereiten dürfte, ist die fragile Technik seines RB8. Zumal nicht nur Vettel seinen Renner vorzeitig abstellen musste, sondern auch sein Teamkollege Mark Webber den Grand Prix in Monza nicht beenden konnte. ( 610180 DIASHOW: Bilder des Rennens )

Beide Piloten ereilte im Königlichen Park offenbar ein ähnliches Problem, wie Teamchef Christian Horner später einräumte.

Bei Vettel versagte die Lichtmaschine des Renault-Aggregats den Dienst. Das war schon beim Europa-Grand-Prix so gewesen, als Vettel in Führung liegend ausschied. Auch Lotus, ebenfalls von Renault beliefert, wurde schon von vergleichbaren Problemen heimgesucht.

Nun also Monza. Die Elektronik-Probleme, die bereits samstags vor dem Qualifying aufgetaucht waren, haben den Weltmeister mittlerweile 33 Punkte gekostet - also beinahe ebenso viele, wie ihm auf Alonso fehlen.

Sein sichtlich schockierter Teamchef Christian Horner ("Eine Riesenschande") hob daher explizit Red Bulls Motorenlieferanten Renault hervor. Auch dieser müsse mit der Fehlerkorrektur beginnen. "Wir können es uns nicht mehr leisten, ein Rennen nicht zu beenden."

Alonso: Perfekter Sonntag

Konstanz ist 2012 der Königsweg zum WM-Titel, das wissen sie bei Red Bull natürlich. Und hier ist Alonso der Maßstab für alle Verfolger.

Lediglich der Unfall in Spa hielt den Doppelweltmeister davon ab, einen alten Schumacher-Rekord einzustellen. Vor seinem belgischen Nuller beendete der Pilot aus Oviedo 23 Grands Prix in den Punkterängen. Das war zuvor nur dem deutschen Rekord-Weltmeister gelungen, der in Italien Sechster vor Mercedes-Kollege Nico Rosberg wurde.

In Monza fand Alonso in beeindruckender Manier zurück in die Spur - und das obwohl er wegen eines Defekts im Qualifying nur vom zehnten Platz aus in Ferraris Heimrennen gegangen war.

"Für uns war es ein perfekter Sonntag", stellte Alonso beim letzten europäischen Grand Prix des Jahres zufrieden fest und beschrieb seine Eichhörnchen-Taktik.

An den Sieg habe Ferrari wegen des gebrochenen Stabilisators im Qualifying nicht denken dürfen: "Und wenn du nicht gewinnen kannst, ist das Podium das Ziel."

Von Vettel abgedrängt

Mission erfüllt - und das obwohl angeblich sämtliche Renn-Simulationen vorhergesagt hatten, dass eine Platzierung unter den besten drei Fahrern nicht möglich sei.

Doch zugleich wusste Ferraris Nummern eins: "Wir hatten das schnellste Auto und die Geschwindigkeit, um wieder nach vorne zu fahren."

Kurzzeitig unterbrochen wurde Alonsos Aufholjagd nur durch einen spektakulären Zweikampf mit Vettel.

In Runde 26 versuchte der schnellere Spanier zu überholen und wurde vom Deutschen von der Piste gedrängt. Eine Aktion, die sich bereits im Vorjahr so ähnlich abgespielt hatte.

Diesmal kassierte Vettel von der Rennleitung eine Durchfahrtsstrafe, obwohl er Alonso zuvor bereits ohne Widerstand hatte überholen lassen.

Alonso, nach seinem Manöver 2011 ungestraft davongekommen, blieb bei seiner Analyse vage. Vettel ärgerte sich, aber nahm die Strafe klaglos hin.

"Ich habe es im Vorjahr nicht kommentiert, und ich werde es auch in Zukunft nicht kommentieren", meinte er. Einen Ferrari-Bonus habe es nicht gegeben.

Vettel: Nicht schnell genug

Der Titelverteidiger hat ja auch gewiss andere Sorgen.

"Wir wissen, dass wir an uns arbeiten müssen und wir wissen, dass wir immer noch nicht schnell genug sind", stellte er fest.

Dennoch beharrte Vettel darauf, dass der WM-Kampf keineswegs verloren sei: "Unsere Chance ist nach wie vor sehr, sehr gut."

Nur hat er es vor dem Beginn der asiatischen Tournee in zwei Wochen beim Nacht-Grand-Prix in Singapur ganz plötzlich wieder mit zwei neuen Rivalen zu tun: Dem nach wie vor sieglosen Kimi Räikkönen, der sich durch beharrliches Punktesammeln nach vorne geschoben hat.

Und dem im Saisonverlauf zeitweilig fast schon abgeschriebenen Monza-Gewinner Hamilton.

Hamilton ohne Mühe

Der Brite hatte in Monza freie Fahrt zum Sieg, nachdem Teamkollege Jenson Button aufgrund einer defekten Einspritzpumpe wie Vettel das Rennen vorzeitig aufgeben musste.

"Ich hatte wirklich keinen Ärger", freute sich Hamilton nach seinem 20. Grand-Prix-Sieg, den ihm auch der im Schlussdrittel deutlich schnellere Perez nicht mehr abluchsen konnte.

Ob das so bleiben wird - auch mit Blick auf seinen öffentlichen Vertragspoker mit McLaren und Mercedes - wird man sehen.

Seinen Teamchef Martin Whitmarsh hat Hamilton, bzw. dessen Management, damit verärgert. Er wolle keinen Piloten, der sich mit dem englischen Renommier-Team nicht identifizieren könne, hatte Whitmarsh vor dem Italien-GP gesagt.

Whitmarsh: Einfach klasse

Nach dem dritten McLaren-Sieg in Folge gratulierte er seinem Piloten aber artig: "Er fuhr einfach klasse."

Übrigens: Auch Hamilton war in dieser Saison schon zwei Mal ausgeschieden.

In Monza stellte sein Teamchef zufrieden fest: "Wir sind gut in Schwung."

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