Fernando Alonso hatte bei dem Crash in Spa noch Glück im Unglück © getty

Nach dem Unfall in Spa ist die Diskussion um die Sicherheit der Piloten neu entbrannt. Die Experten arbeiten an einer Lösung.

Von Tobias Wiltschek

München - Die Bilder aus Spa sind immer noch allgegenwärtig.

Nur um wenige Zentimeter fliegt der Lotus von Romain Grosjean am Kopf von Fernando Alonso vorbei, nachdem der Franzose kurz nach dem Start einen spektakulären Massenunfall ausgelöst hat ( 607536 DIASHOW: Die Bilder des Rennens ).

Dass bei dem Crash keiner der beteiligten Piloten verletzt wurde, lag einerseits an den mittlerweile sehr hohen Sicherheitsstandards in der Formel 1, andererseits aber hatte besonders Alonso auch eine Menge Glück (BERICHT: Heftige Prügel für Crash-Kid Grosjean).

Unzureichender Schutz

Denn am Kopf, wo der WM-Führende aus Spanien vom 640 Kilogramm schweren Fahrzeug fast getroffen worden wäre, sind die Piloten nach wie vor fast ungeschützt.

Das hatte bereits Alonsos Teamkollege Felipe Massa vor drei Jahren schmerzhaft zu spüren bekommen. Beim Grand Prix in Ungarn reichte damals schon eine Metallfeder aus, um den Brasilianer schwer am Kopf zu verletzen.

Damals wie heute schwebten die Ferrari-Piloten in Lebensgefahr.

Drängen auf schnelle Lösung

McLaren-Technikchef Paddy Lowe drängt daher auf eine schnellstmögliche Lösung, um tödlichen Kopfverletzungen vorzubeugen.

"Wie oft haben wir uns so etwas angeschaut und gesagt, was für ein Glück ein Fahrer hatte", sagte der Brite der "BBC" und warnte gleichzeitig: "Eines Tages wird es nicht glücklich ausgehen, und wir werden alle sagen, dass wir etwas hätten tun können."

Tatsächlich arbeiten die Experten der Branche schon seit Jahren an Varianten für einen verbesserten Kopfschutz der Piloten, wobei es im Moment auf eine Wahl zwischen zwei Lösungen hinausläuft:

Eine geschlossene, transparente Schutzhaube, wie sie bei Düsenjets eingebaut wird, oder eine Art Überrollkäfig, der den Kopf durch eine feste Verstrebung schützt. Beide Varianten sind bereits getestet worden (DATENCENTER: WM-Stand Fahrer).

Test mit Kampfjet

Im letzten Jahr ließ die FIA in einem Experiment die transparente Cockpit-Kanzel eines F-16-Kampfjets mit einem 20 Kilogramm schweren Reifen beschießen, der mit Tempo 225 gegen die Haube prallte. Sie überstand den Versuch unbeschadet.

"Mit dem, was wir getestet haben, können aber auch Probleme auftreten", erklärte Stefano Domenicali, Chef des Ferrari-Rennstalls von Alonso.

Ihn und die Verantwortlichen anderer Teams treibt die Sorge um, ob die Piloten beispielsweise bei einem Feuer im Cockpit rechtzeitig aus dem Wagen klettern könnten oder wie die Scheibe von Verschmutzungen gereinigt wird.

Zweifel an Cockpit

"Du kannst eine Haube drüber machen, aber du weißt nicht, ob die Fahrer danach sicherer sind", sagte McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh.

Außerdem behagt nicht jedem die Vorstellung, in einem Kampfflugzeug-Cockpit zu sitzen. "Ich habe gewisse Schwierigkeiten damit, mir ein Formel-1-Auto vorzustellen, das wie ein F16-Kampfjet aussieht", sagte Vitantonio Liuzzi schon vor einem Jahr bei "Autosport".

Der Italiener war damals HRT-Stammpilot und ist in diesem Jahr Testfahrer im spanischen Team.

Schließlich würde durch eine komplett geschlossene Haube die wohl markanteste Charakteristik im Formelsport verloren gehen: das offene Cockpit.

Überrollkäfig mit besseren Ergebnissen

Mit dem Einsatz der zweiten Schutzvariante wären die Fahrerzellen zumindest teilweise offen.

Doch auch hinsichtlich der Sicherheit lieferte der Überrollkäfig die besseren Test-Ergebnisse, wie FIA-Renndirektor Charlie Whiting der "BBC" bestätigte.

Heranfliegende Reifen wurden im Vergleich zu einem Cockpit-Test im Mai diesen Jahres sicherer abgeblockt.

Auch Lowe sieht in dem Käfig aus Titan die bessere Lösung, obwohl sich die Fahrer daran erst einmal gewöhnen müssten. Denn zwei Streben an den Seiten würden das Sichtfeld beeinträchtigen.

"Man gewöhnt sich dran"

"Natürlich will ein Fahrer am liebsten gar nichts vor sich haben", räumt der 50-Jährige ein. "Aber es ist wie bei einem normalen Fahrer - man gewöhnt sich dran. Wir haben in unserem Simulator herausgefunden, dass sich das Gehirn darauf einstellt."

Lowe mahnte nach dem Unfall in Spa zur Eile und erklärte, dass eine Lösung schon mit dem überarbeiteten Reglement für 2014 eingeführt werden könnte.

Hoffen auf das Glück

Bis dahin vertrauen sie in der Formel 1 weiter auf die hohe Sicherheit und das Glück.

Glück, das der britische Formel-2-Pilot Henry Surtees im Juli 2009 in Brands Hatch nicht hatte. Der damals 18-Jährige wurde am Kopf von einem Reifen getroffen, der sich am Wagen eines Konkurrenten gelöst hatte. Surtees erlag noch am Tag des Unfalls den Verletzungen.

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