Sebastian Vettel fuhr 2007 mit Toro Rosso seinen ersten Grand-Prix-Sieg ein © getty

Die deutschen Piloten profitieren von Grosjeans Start-Crash in Spa. Weltmeister Vettel macht viel Boden auf WM-Leader Alonso gut.

Von Marc Ellerich

München - Und wieder war Romain Grosjean im Weg.

Der französische Lotus-Fahrer hat in dieser Saison bereits desöfteren die Hoffnungen und Pläne seiner Kollegen durch ungestüme Manöver zunichte gemacht.

Um genau zu sein: In jedem zweiten der bis dato zwölf Grands Prix 2012 löste Grosjean einen Unfall innerhalb der ersten Rennrunde aus.

Auch den belgischen Formel-1-Klassiker auf dem Circuit de Spa-Francorchamps hat der jugendliche Pilot durch eigene Fahrlässigkeit zumindest vorentschieden. (DATENCENTER: Das Rennergebnis)

Heftiger Crash beim Start

Noch vor der ersten Kurve hatte Grosjean seinen Nebenmann Lewis Hamilton im McLaren abgedrängt. Der Unfall löste eine heftige Kettenreaktion aus. ( 607536 DIASHOW: Die Bilder )

In den schweren Crash wurde neben Grosjean, Hamilton und dem Sauber-Duo Kamui Kobayashi und Sergio Perez auch WM-Leader Fernando Alonso verwickelt.

Der spanische Ferrari-Star hatte trotz seines ersten Ausfalls in diesem Jahr viel Glück: Grosjeans Lotus E-20 verfehlte seinen Kopf nur um wenige Zentimeter.

Startverbot in Monza

Der dreimalige, frühere Weltmeister Niki Lauda klärte nach dem spektakulären zwölften Saisonrennen die Schuldfrage ziemlich einseitig zu Ungunsten Grosjeans und forderte eine harte Bestrafung des Franzosen.

"Grosjeans Aktion ist aufgrund der Gefährlichkeit und all dem, was hätte passieren können, das Ärgste, was ich je gesehen habe", sagte der Österreicher gegenüber "RTL": "Der gehört in meinen Augen richtig gesperrt."

Das sahen die Kommissare ähnlich. Der Bruchpilot darf nach ihrem Urteil beim Italien-Grand-Prix am kommenden Wochenende in Monza nicht starten.

Zudem muss er ein Bußgeld von 50.000 Euro bezahlen.

Button überlegen

Doch nicht jeder im Feld wird insgeheim mit dem Unglücksraben so hart ins Gericht gehen.

McLaren-Star Jenson Button wird man zwar kaum zu fragen brauchen. Der Engländer, samstags überlegener Pole-Setter auf dem sieben Kilometer langen Ardennen-Kurs, bekam von dem Getümmel in seinem Rücken gar nichts mit. (Rennbericht: Button siegt nach Startcrash - Big Point für Vettel)

Unbeirrt und zu keinem Zeitpunkt gefährdet, umrundete Button 44 Mal den berühmten Kurs und begeisterte sich anschließend an seinem zweiten Saisonsieg im 50. Rennen für sein McLaren-Team.

Er habe während der kompletten eineinhalb Stunden kein einziges Auto zu Gesicht bekommen, funkte der Hobby-Triathlet anschließend an sein Team.

Stolzer Hülkenberg

"Wir haben natürlich von dem Startunfall profitiert, weil einige rausgeflogen sind", räumte hingegen Force-India-Fahrer Nico Hülkenberg bei "Sky" ein.

Als Elfter gestartet, überquerte er die Ziellinie als stolzer Vierter: "Wie schon öfter in diesem Jahr: Wenn andere Fehler machen oder Probleme haben, waren wir zur Stelle. Auch heute wieder."

Auch Rekord-Weltmeister Michael Schumacher, der im selbsterklärten Wohnzimmer Spa seinen 300. Grand Prix bestritt, und sein Mercedes-Teamkollege Nico Rosberg wurden vom 13. bzw. 23 Platz weit nach vorne gespült.

Schumis Traum vom Podium

Schumacher raste zeitweilig sogar als Zweiter über den Parcours und träumte von einer Podiumsplatzierung bei seinem Jubiläumsrennen, wie er später zugab.

Letztlich machte ihm aber sein wenig konkurrenzfähiger Mercedes einen Strich durch die Rechnung. Sein Team musste spontan einen zweiten Stopp ansetzen, um den Jubilar vor dem Totalschaden zu bewahren.

Am Ende belegte Schumacher einen ordentlichen siebten Platz. Rosberg wurde Elfter.

Nur noch 24 WM-Punkte zurück

Heimlicher Gewinner des turbulenten Saison-Neustarts nach der fünfwöchigen Sommerpause war ein anderer: Weltmeister Sebastian Vettel.

Dank Grosjeans Unvermögen, Alonsos Ausfall und einer beherzten Fahrt vom zehnten auf den zweiten Platz machte Vettel auf einen Schlag viel Boden im WM-Rennen gut.

Sein Rückstand auf den weiterhin führenden Alonso ist reichlich flott von 42 auf 24 Zähler geschrumpft. Auch am eigenen Teamkollegen Mark Webber, der Sechster wurde, ist Vettel vorbeigezogen. (DATENCENTER: WM-Stand Fahrer)

Wer hätt's gedacht? Vettel, zumindest nach eigenem Bekunden. "Daran zu denken, aufzugeben oder aufzustecken, wäre ein schlechtes Zeichen von mir gewesen", stellte der bestplatzierte deutsche Pilot fest und spielte dabei nicht nur auf seinen Rückstand zu Alonso sondern auch die desaströse Qualifikationsfahrt vom Samstag an.

Miserabler Start

Durch die Ereignisse in Spa wird er sich in seiner Sicht der Dinge bestätigt fühlen.

Schließlich war ihm Platz zwei in den Ardennen vor Grosjeans finnischem Kollegen Kimi Räikkönen auch nicht in den Schoß gefallen.

Sein Start sei "unheimlich schlecht" gewesen, gab Vettel zu: "Als einer der wenigen habe ich es geschafft, Plätze zu verlieren, obwohl vier, fünf Autos ausfallen nach der ersten Kurve."

Danach allerdings habe er gewusst, "dass ich meinen Weg zurückkämpfen muss". Was bemerkenswert reibungslos funktionierte, vor allem weil das Red-Bull-Team sich mit einer Ein-Stopp-Taktik den richtigen Plan zurecht gelegt hatte.

"Strategiemäßig haben wir einen riesen Job gemacht", lobte Vettel: "Das hat uns wieder zurück ins Rennen gebracht.

"Müssen auf uns schauen"

Dem erfreulichen Punktestand wollte er hingegen keine allzu große Bedeutung beimessen.

"Im Moment ist das nicht so entscheidend. Man hat gesehen, wie schnell sich die Dinge ändern können", lieferte der Heppenheimer den Grund mit Blick auf seinen WM-Widersacher Alonso gleich mit.

Vettels Forderung: "Wir müssen auf uns schauen und mehr von Rennen zu Rennen denken."

Zumal Gegenspieler Alonso offenbar Ähnliches vorhat.

Noch in Spa kündigte er via Twitter seinen vollen Einsatz für Ferraris italienisches Heimspiel in Monza an: "Mir geht es gut, und ich denke schon zu 100 Prozent an Monza."

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