Der erste Venezolaner auf der obersten Stufe: Pastor Maldonado (M.) feiert in Barcelona © getty

Williams-Pilot Pastor Maldonado verblüfft mit seinem Sieg beim Spanien-Grand-Prix nicht nur Weltmeister Sebastian Vettel.

Von Marc Ellerich

München - Fünf Rennen, fünf Sieger: Die Formel 1 bleibt 2012 ein ebenso spannendes wie unberechenbares Spektakel. ( 558427 DIASHOW: Die Bilder des Rennens )

Am Sonntag trug sich nach Jenson Button, Fernando Alonso, Nico Rosberg und Sebastian Vettel völlig überraschend Williams-Fahrer Pastor Maldonado in die Siegerliste der noch jungen Saison ein. (Bericht: Maldonados Sensation - Vettel begrenzt Schaden)

Der Venezolaner, dem nach einer Strafversetzung des ursprünglichen Pole-Setters Lewis Hamilton als Zweitplatzierter der Qualifikation der erste Startplatz zugefallen war, gewann den Grand Prix auf dem Circuit de Catalunya vor dem ebenfalls erstaunlich starken Ferrari-Piloten Fernando Alonso. Platz drei ging an den finnischen Iceman Kimi Räikkönen im Lotus. (DATENCENTER: Rennergebnis)

"Wenn mir jemand am Donnerstag gesagt hätte, du gewinnst am Sonntag das Rennen, hätte ich gesagt: Du spinnst", kommentierte Teameigner Frank Williams unverblümt das kuriose Resultat.

Vettel staunt

Und der Gründer des legendären englischen Privatteams war bei Weitem nicht der einzige, der sich wunderte. Auch Weltmeister Sebastian Vettel staunte nach den 66 Runden des spanischen Rennens über das Ergebnis.

"Williams war vor zwei, drei Wochen nirgends und fährt uns heute um Ohren. Das ist schwer zu verstehen", sagte der Doppel-Weltmeister zum Sieg des einstigen Hinterbänklers Maldonado.

Der Analyse des Hessen nach der Zieldurchfahrt war zu entnehmen, wie komplex die PS-Liga für jene geworden ist, die sie betreiben. "Jetzt gibt es viel für uns zu lernen und zu verstehen", räumte Vettel ein: "Aber ich glaube, derzeit gibt es für alle jede Menge zu verstehen."

"Mehr war nicht drin"

Als Achter gestartet, musste Vettel während des Rennens eine Durchfahrtsstrafe wegen angeblich ignorierter gelber Flaggen verkraften und konnte schließlich als Sechster Schadensbegrenzung betreiben.

"Ich bin nicht rundum froh. Ohne die Strafe wäre ich vielleicht Fünfter geworden", sagte er: "Mehr war nicht drin."

Immerhin: Die WM-Führung konnte der Red-Bull-Star mit 61 Punkten gleichauf mit Alonso behaupten. Ansonsten aber musste er das Feld an diesem ungewöhnlichen Tag anderen überlassen. (DATENCENTER: WM-Stand Fahrer)

Erster Williams-Sieg seit 2004

Allen voran natürlich dem erstaunlichen Maldonado, der seinem Team den ersten Sieg seit 2004 bescherte. Damals gewann im Kolumbianer Juan Pablo Montoya ebenfalls ein Südamerikaner.

Sein erster Grand-Prix-Triumph geriet im letzten Drittel des spannenden Rennens für einige Runden in Gefahr, aber näher als eine Sekunde rückte sein Jäger Alonso nicht an ihn heran.

"Es war sehr eng", kommentierte Maldonado seinen Sieg: "Wir mussten auf den Reifenabbau achten um diese für das Finale intakt zu halten. Da ist Fernando sehr nah gekommen."

Zweifel im eigenen Team

Am Ende konnte der Williams-Pilot sich erfolgreich verteidigen, ihm blieb nach 307 Kilometern die pure Freude.

"Ein wundervoller Tag, unglaublich für mich und für das Team", freute sich der Venezolaner. 2010 hatte er, ausgestattet mit den Öl-Millionen seines Landes, den Deutschen Nico Hülkenberg aus dem Williams-Cockpit verdrängt und wurde danach mit dem eher unfreundlichen Begriff Bezahlfahrer abgestempelt.

Vorbei, er wird ab sofort wohl mit anderen Augen betrachtet werden: als Siegfahrer nämlich. "Mein erstes Podium, mein erster Sieg, jeder kann sich vorstellen, wie ich mich jetzt fühle", schwärmte er.

Zumal es offenbar sogar im eigenen Team Zweifel an der Siegfähigkeit des Südamerikaners gab. "Wenn Pastor unter Druck fahren muss, macht er noch zu viele Fehler", zitierte "auto, motor und sport" ein Teammitglied vor dem Rennen.

Alonso wundert sich

Maldonados erstaunte Verfolger Alonso und Räikkönen fühlten sich nach dem Grand Prix jeder auf seine Weise behindert, Alonso durch Timo Glocks Marussia-Kollegen Charles Pic, der Finne wohl durch sein eigenes Team.

Pic, der ihm nicht rechtzeitig Platz machte, habe ihn womöglich den Sieg gekostet, behauptete der Pilot aus Oviedo, zeigte sich aber trotz der verdorbenen Party vor eigenem Publikum letztlich sehr zufrieden.

Denn schlüssig erklären konnte der Ferrari-Fahrer seine starke Leistung anschließend nicht.

Er sei überrascht über die Punkteausbeute, die er mit dem bis dato unterlegenen F2012 erzielen konnte, räumte er ein. Trotz der fieberhaften Aufholjagd, die Ferrari in den vergangenen Wochen unternommen hatte, sieht Alonso den roten Renner offenbar immer noch nicht auf Augenhöhe mit der Konkurrenz.

"Wir waren besser als es das Auto eigentlich zulässt", berichtete er: "andere waren schlechter. Es ist sonderbar. Aber wir müssen stolz sein, dass wir in der WM gleichauf mit Vettel führen."

Räikkönen: Falsche Entscheidung

Räikkönen hingegen hält den Lotus derzeit zwar für schnell genug, um zu gewinnen, übte anschließend aber verklausulierte Kritik am Team.

Er trauerte einer verpassten Chance nach. "Wir waren anfangs nicht schnell genug, deswegen konnten wir nicht um den Sieg kämpfen", sagte der Pilot aus Espoo.

In der Schlussphase des Grand Prix habe er dann zwar zwanzig Sekunden auf die Führenden auf-, diese aber nicht eingeholt. Im Ziel trennten ihn von Alonso lediglich 0,6 Sekunden.

Lotus habe den Sieg möglicherweise zu leichtfertig aus den Händen gegeben, vermutete der Iceman. "Wir müssen sehen, ob wir beim ersten Stopp die falsche Entscheidung getroffen haben", sagte Räikkönen. Lotus hatte ihm entgegen dem allgemeinen Trend der Konkurrenz beim ersten Halt weiche Reifen aufgezogen.

Vettel flüchtet in Ironie

Das ewige Reifen-Thema. Es wird die Formel 1 gewiss weiter begleiten, als nächstes schon in 14 Tagen beim Grand Prix in Monaco.

Barcelona-Sieger Maldonado blickt dem Glamour-Rennen an der französischen Riviera dennoch voller Optimismus entgegen. "Das wird für uns eine großartige Gelegenheit, erneut stark zu sein."

Weltmeister Vettel sieht es nach dem Drunter und Drüber auf dem Circuit de Catalunya etwas anders.

Der Red-Bull-Star flüchtete sich in Ironie, als er um eine Prognose für den monegassischen Grand Prix gebeten wurde: "Das ist schwierig. Vielleicht steht dort ja Marussia mit Timo Glock auf der Pole-Position."

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