Nichts wird es mit der 150. McLaren-Pole: Der Quali-Schnellste Lewis Hamilton verliert Platz 1 © getty

Die Spanien-Quali ist Höhepunkt der unberechenbaren Formel 1. Viele Stars scheitern beim Poker. Hamilton verliert seine Pole.

Von Marc Ellerich

München - Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz wird sich bestätigt fühlen.

Die Formel 1 sei zu einem Lottospiel geworden, hatte der Getränke-Milliardär vor dem Spanien-Grand-Prix in einem Interview der "Salzburger Nachrichten" behauptet: "Die Formel 1 wird zu einem 6 aus 45, ist nicht mehr berechenbar."

Seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte das Rätselraten der Rennställe beim Qualifying zum Spanien-GP auf dem Circuit de Catalunya: Dass McLaren-Star Lewis Hamilton auf dem 4,6 Kilometer langen Kurs in Montmelo überlegen seine dritte Pole-Position 2012 einfuhr, die 150. für sein Team, war zunächst keine Überraschung. (Bericht: Pole für Hamilton, Vettel verzockt sich)

Hamilton verliert Pole

Das dicke Ende aus Sicht Hamiltons kam später am Samstag.

Fünf Stunden nach dem Ende der Qualifikation lief die Nachricht über den Ticker, dass der McLaren-Pilot gegen die Regeln verstoßen hatte und dafür mit der Rückversetzung auf den letzten Startplatz bestraft wurde. Hamilton hatte den MP4-27 auf Anweisung seines Teams nämlich sofort nach Überquerung der Ziellinie gestoppt.

Die Rennkommissare waren der Meinung, der Brite habe Benzin sparen wollen. Dies ist laut Reglement verboten. Hamilton hätte nicht mehr die für die technische Überprüfung geforderten 1 Liter Sprit zur Verfügung gehabt. Als er anhielt, hatte der McLaren noch 1,3 Liter im Tank, hatte aber die Auslaufrunde nicht hinter sich.

Das McLaren-Team beharrte darauf, Hamiltons Auto habe einen technischen Defekt gehabt, ohne diesen jedoch näher zu beschreiben.

Die Pole ging an seinen Verfolger Maldonado über. (News: Hamilton verliert Pole)

Maldonados Sensation

Vor dieser späten Hiobsbotschaft für den Engländer hatte der Motorsport-Elitezirkel ein Bild geboten, das mit der Formel 1, die Publikum und Teams bis dato kannten, nicht mehr allzu viel gemeinsam hatte. (DATENCENTER: Das Qualifying-Ergebnis)

Schon der zweite Startplatz des einstigen Williams-Hinterbänklers Pastor Maldonado darf als mittlere Sensation gewertet werden. Der spanische Ferrari-Star Fernando Alonso wurde Dritter, ein erstes Resultat der fieberhaften Aufholversuche des italienischen Teams.

"Verrücktes Qualifying"

Aber was hat man davon zu halten, dass Red Bulls Weltmeister Sebastian Vettel ebenso wie Mercedes-Superstar Michael Schumacher nicht einmal einen einzigen Angriff auf die Pole wagten, Q3 ohne Zeit beendeten und dann Achter bzw. Neunter wurden?

Auch dass Vettels Red-Bull-Kollege Mark Webber und Hamiltons McLaren-Nebenmann Jenson Button, zwei Stars des Feldes, den finalen Qualifying-Durchgang verpassten, kam ziemlich unerwartet.

Der Grund ist meist ein und derselbe: Die Formel 1 hat im Vorjahr in Pirelli einen neuen Reifenlieferanten bekommen und zugleich offensichtlich neue Regeln: Wer zuviel riskiert, verliert. Und in diesem Jahr hat die italienische Firma ihre Pneus noch radikaler gestaltet, sie verschleißen noch schneller.

In Barcelona müssen die Teams erstmals in diesem Jahr die supersoften P Zero benutzen. Mit dem Ergebnis, dass der Kampf um den ersten Startplatz zu einem "verrückten Qualifying" wurde, wie Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug anschließend feststellte.

Fehler werden schnell bestraft

Wie schnell die neue Formel 1 Fehler oder Schwächen bestraft, führte auf dem Circuit de Catalunya ausgerechnet das Weltmeister-Team Red Bull vor.

Webber scheiterte vorzeitig, und auch sein deutscher Kollege hatte seine liebe Not.

Bereits im zweiten Quali-Durchgang musste Vettel seinen letzten Satz weicher Pirellis aufziehen lassen, um überhaupt ins Finale zu kommen. Ohne die supersoften Pneus war "der Kampf um die Pole schon verloren", ehe er überhaupt begonnen hat, wie der Bahrain-Sieger später feststellte. (DATENCENTER: WM-Stand Fahrer)

"Hätten wir den Speed gehabt, um mit um die Pole zu kämpfen, dann hätte es keinen Grund für ein Taktieren gegeben. Dann versucht man alles, um das Auto auf die Pole zu stellen. Aber das war heute nicht drin, also spielt man ein bisschen herum."

Red Bull pokert

Also zeigte Red Bull ein kurioses Pokerspiel. Zunächst wartete Vettel fast eine Minute am Ende der Boxengasse auf die Freigabe des dritten Durchgangs, fuhr dann aber keine Zeit.

"Wir dachten, dass andere das Gleiche vorhaben", erläuterte er und lieferte den Grund gleich mit: "Es ist eine komische Regel. Derjenige, der in Q3 als Erster über die Ziellinie fährt, aber keine Zeit hat, hat die Pole-Position, wenn das alle so machen."

Vettel hat freie Reifenwahl

Als sein Team bemerkte, dass ausschließlich Konkurrent Mercedes denselben Plan hatte, kehrte Vettel wieder auf die Strecke zurück, beendete aber auch seinen zweiten Anlauf ohne Zeit.

"Wir haben versucht, die Autos zu schlagen, die in unserer Reichweite sind. Und das waren wirklich nur noch die Mercedes. Alle anderen hatten einen neuen Satz", verriet Vettel.

Resultat dieser verkorksten Strategie war der achte Startplatz. Der Hesse tröstete sich damit, dass er sich drei Sätze harter Pneus für den Grand Prix aufsparen konnte und für den Start die freie Reifenwahl hat.

"Für das Rennen ist noch alles drin", glaubt der Weltmeister: "Natürlich wäre ich lieber ganz vorne. Aber wir haben in diesem Jahr schon sehr turbulente Rennen gesehen."

Rosberg staunt über Maldonado

Vettel und sein Red-Bull-Team waren nicht die Einzigen, die nach der Qualifikation einigermaßen ernüchtert waren.

Nico Rosberg wusste nicht, worüber er mehr staunen sollte: Dass er als Siebter bester deutscher Pilot war oder wie sehr ihm Williams-Mann Maldonado um die Ohren gefahren war.

"Sehr überrascht" sei er von der Performance des Venezolaners, bekannte Rosberg, hatte aber schnell den Grund parat: die Pneus, die zu schnell zu heiß geworden seien, wenn das Setup nicht stimmte oder sie zu aggressiv gefahren wurden.

"Das war die große Herausforderung", stellte der China-Sieger bei "Sky" fest: "So kommt es, dass auf einmal ein Williams bei absolut gleichen Bedingungen sieben Zehntel schneller fährt als ich, obwohl ich in Q2 mit neuen Reifen eine super Runde gefahren bin. Echt komisch."

Schumacher skeptisch

Rosbergs Teamkollege Michael Schumacher hatte sich ähnlich wie Weltmeister-Nachfahre Vettel zu einem Sparkurs entschlossen.

"Wir wollten uns Reifen aufsparen", sagte er: "so sind wir in Q3 gegangen". Dass Mercedes für seine Taktik belohnt werden wird, damit rechnet Schumacher aber nicht unbedingt.

"Es wird morgen ein umkämpftes Rennen", vermutete er: "Der Wetterbericht sagt, dass es kühler werden wird. Es wird interessant sein zu sehen, ob sich unsere Strategie im Rennen auszahlen wird."

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