Sebastian Vettel debütierte 2007 in der Formel 1 © getty

Sebastian Vettel steckt in seiner bisher schwersten Situation. In Barcelona muss er liefern, hadert aber mit sich und der Welt.

Von Carsten Arndt

München - Man kann durchaus schon von der letzten Chance sprechen.

Denn auf Red Bull und Sebastian Vettel wartet beim Großen Preis von Spanien in Barcelona (Training, Fr., ab 10 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVE-TICKER) das wohl wichtigste Rennen der Saison.

Traditionell gilt: Wer in Spanien die Nase vorn hat, sollte auch in den kommenden Rennen einen Vorteil haben. Fährt Vettel der Konkurrenz erneut hinterher, rückt die Titelverteidigung dagegen in ganz weite Ferne.

Der Weltmeister weiß, was die Stunde geschlagen hat. "Wir müssen rasch dafür sorgen, dass der Stern untergeht", setzt er sich und sein Team unter Erfolgsdruck.

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Vettel wie ein Anfänger

Doch danach sieht es auch vor dem Barcelona-Grand-Prix nicht aus. Noch immer hat der Heppenheimer enorme Probleme mit seinem Boliden ? Vettel und "Suzie", das passt einfach nicht zusammen.

"Das Auto macht noch nichts, was ich will. Beim Bremsen und Rausfahren aus der Kurve fehlt mir zudem das absolute Vertrauen", sagte er dem "Focus": "Viele Zuschauer wundern sich, wie oft meine Kollegen und ich aktuell die Bremspunkte verpassen. Wir sehen oft wie Anfänger aus. Um Reserven zu haben, bremse ich nun etwas früher. Dann aber stimmt wiederum der erste Teil der Kurve nicht."

Doch sollte der jüngste viermalige Weltmeister der Formel-1-Geschichte, der mittlerweile 39 Siege auf seinem Konto hat, nicht in der Lage sein, diese Probleme über kurz oder lang in den Griff zu kriegen?

Vettel-Erfolge ohne Wert?

Kritiker, die Vettel schon lange vorwerfen einen Großteil seiner Siege nur wegen seines überlegenen Autos eingefahren zu haben, fühlen sich immer mehr bestätigt. (DATENCENTER: WM-Stand Fahrer)

Im Fahrerfeld gilt Ferrari-Star Fernando Alonso ohnehin als der bessere Pilot, eine Umfrage nach der vergangenen Saison - die Vettel nach Belieben dominierte - bestätigte dies.

Auch Mercedes-Boss Niki Lauda zweifelt die Wertigkeit der Dominanz des 26-Jährigen im vergangenen Jahr an.

"Wenn du die beschissenen Motoren aus dem vergangenen Jahr fährst und damit neun Rennen in Folge ins Ziel kommst, dann ist das einfach", sagte der Österreicher im Gespräch mit "Autosport".

Die Überlegenheit der Silberpfeile in der laufenden Saison sei deutlich höher zu bewerten: "Eine solche Leistung aber in diesem Jahr bei vier aufeinanderfolgenden Rennen zu schaffen, ist für mich eine herausragende Performance", so Lauda.

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Vettel resigniert

Eine passende Antwort könnte Vettel wohl nur auf der Strecke geben, doch es scheint, als fehle ihm selbst der Glaube daran. Immer wieder reibt er sich stattdessen an den Regeländerungen auf und wird nicht müde zu wiederholen, was er von Hybrid-Motoren, Benzin-Limit und Co. hält. (DATENCENTER: Ergebnisse Rennen)

Für den neutralen Beobachter wirkt es mittlerweile manchmal so, als habe Vettel aufgegeben sich mit Lösungen zu beschäftigen und sich stattdessen entschlossen im Selbstmitleid zu versinken.

"Die vorne beschweren sich nicht, die hinten schon", sagt FIA-Präsident Jean Todt mit einem Schmunzeln: "Das war doch schon immer so."

Und in der Tat, man darf durchaus bezweifeln, dass sich Vettel ähnlich (oft) äußern würde, wie er es im Moment tut.

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Ricciardo kommt besser zurecht

Dazu kommt, dass der Titelverteidiger nicht nur mit den Regeln und dem Auto hadert, sondern auch mit Teamkollege Ricciardo deutlich mehr Probleme hat, als erwartet.

Der Australier hat dem Deutschen zuletzt den Rang abgelaufen. Vettels "Demontage" gipfelte in Schanghai im Funkspruch des Teams, er möge seinen jüngeren Teamkollegen vorbei ziehen lassen.

Ihn, den großen Dominator, den viermaligen Weltmeister ? da kann einem schon mal die Lust vergehen.

"Daniel fühlt sich im Auto wohler. Ich muss noch herausfinden, warum. Der Abstand zwischen uns ist sehr groß", gab Vettel zu.

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Nummer-1-Status gefährdet?

Ricciardo fühlt sich dagegen rundum wohl und wird von Mal zu Mal selbstbewusster.

"Ricciardo hat gezeigt, dass er alles andere ist als ein Mauerblümchen. Für ihn ist Vettel ein Gegner wie jeder andere. Und er sagt auch innerhalb des Teams klipp und klar, was er will. Das beweist Rückgrat und mindestens Sieger-Potenzial", schwärmt Vettels ehemaliger Teamkollege David Coulthard.

Spekuliert der Australier gar schon auf die Nummer eins im Team? Vorsorglich betonte er zumindest schon mal, dass eine mögliche Teamorder auch in Zukunft eingehalten werden müsse.

Er würde eine solche Anweisung nur ignorieren, wenn sie "total daneben" wäre, sagte Ricciardo der australischen Tageszeitung "The West Australian": "Es ist unsere Verantwortung, uns zu fügen. Wir müssen respektieren, was das Team sagt."

Hoffnungsschimmer Spanien

In Barcelona kann Vettel zumindest auf einige Weiterentwicklungen hoffen. Nahezu alle Teams bringen zum Europaauftakt ihr erstes großes Update-Paket mit.

Für Vettel beinhaltet dieses unter anderem ein neues Chassis und einen möglicherweise effizienteren Renault-Motor, wobei es dieses Mal weniger auf Motorenpower ankommt als zuletzt in China oder Bahrain.

Der Heppenheimer setzt daher seine Hoffnungen auch auf das Streckenprofil: "Die langen, schnellen Kurven passen zu unserer hocheffizienten Aerodynamik".

Fokus auf das Sportliche

Was man allerdings genau braucht, um auf dem Circuit de Catalunya schnell zu sein, das gilt es für die Fahrer hinsichtlich der neuen Regeln erst noch herauszufinden. Darauf sollte auch Sebastian Vettel seinen Fokus richten.

Zumindest der WM-Zweite Lewis Hamilton hat ihn aber noch auf der Rechnung: "Wenn ich ehrlich bin, dann traue ich der Situation bei Red Bull nicht ganz. Ich bin mir sicher, dass die noch aufholen."

Da bleibt aus Sicht von Sebastian Vettel nur zu hoffen, dass er Recht behält.

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