Vettel könnte schon Mitte Oktober seinen vierten WM-Titel perfekt machen © getty

Ein Ex-Teamchef äußert angesichts der Überlegenheit des WM-Führenden offen einen Betrugsverdacht. Er bewegt sich auf dünnem Eis.

München - Wenn Erklärungen für die Dominanz von Sebastian Vettel nicht mehr ausreichen, muss halt ein fragwürdiger Betrugsverdacht her. (EINWURF: Eine Formel gegen die Langeweile)

Giancarlo Minardi, Gründer des nach ihm benannten einstigen Formel-1-Rennstalls und Entdecker Fernando Alonsos, lässt vor dem Großen Preis von Südkorea am Sonntag in Yeongam (2. Training, Fr. ab 7 Uhr im LIVE-TICKER) seinen Vermutungen freien Lauf.

Sein Verdacht: Vettel und Red Bull nutzen ein nicht mehr erlaubtes elektronisches Hilfmittel. Denn in Singapur habe er die Beobachtung gemacht, dass Vettel in bestimmten Kurven deutlich früher habe beschleunigen können als alle Rivalen.

Minardi will Antworten

"Was mich dabei am meisten überrascht hat", schreibt der 66-Jährige auf der offiziellen Minardi-Internetseite, "war das Motorengeräusch. Es klang anders als die übrigen Renault-Triebwerke - und ähnlich wie frühere Motoren, als die Traktionskontrolle noch verwendet wurde."

Er wolle niemanden beschuldigen, schreibt der Italiener, "aber ich hätte gerne Antworten."

Die Beschleunigungshilfe ist seit 2008 verboten, ihre Verwendung wäre Betrug. Doch Minardi bewegt sich mit seinem Verdacht auf extrem dünnem Eis. Abgesehen davon, dass die gesammelte Konkurrenz derartiges offenbar nicht beobachtet hat, wäre eine illegale Traktionskontrolle nur schwierig umsetzbar. Denn sie läuft über die Motorsteuerung, die Electronic Control Unit (ECU) - und die ist ein spezifiziertes Einheitsteil, für jedes Team produziert von McLaren Electronics.

Wolff: Pro Runde zwei Sekunden

Vettels Team Red Bull lässt sich den Spaß von derlei Anschuldigungen nicht verderben.

Für den jüngsten Auftritt des dreimaligen Champions und souveränen Spitzenreiters aus Heppenheim in Singapur findet Teamchef Christian Horner viele schöne Worte: "Außergewöhnlich", "umwerfend", "phänomenal." Bei der Konkurrenz sorgt der "Dominator" jedoch für Frust.

"Er fuhr pro Runde zwei Sekunden schneller", sagt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff und blickt voraus: "Sollten sie keine Ausfälle mehr haben, können sie eine weiße Weste behalten." Die Frage wäre damit nicht mehr bloß, wann Vettel seinen Titel perfekt macht - sondern, ob es in diesem Jahr überhaupt noch einmal einen anderen Sieger gibt.

Denn dass Vettel in Asien erfolgreich sein würde, hatte die Fachwelt erwartet. Doch seine Überlegenheit auf dem glitzernden Stadtkurs in Singapur, auch gegenüber dem eigenen Teamkollegen Mark Webber, hat Konkurrenz und Experten gleichermaßen überrascht.

Red Bull liefert Gründe

Doch es gibt Möglichkeiten, Vettels Überlegenheit zu erklären.

Ganz offensichtlich haben der Heppenheimer und Red Bull Racing schon in der Sommerpause den wohl meisterschaftsentscheidenden Schritt nach vorn gemacht. Bei seinen Siegen in Spa, Monza und Singapur war Vettel fast unantastbar. Wie nach der Sommerpause gewohnt, war der Weltmeister-Rennstall jeweils mit einigen Updates an die Strecken gekommen.

Teamchef Horner sieht die Gründe für den Leistungssprung in den Neuerungen an der Aerodynamik, auch Chef-Designer Adrian Newey spricht von wichtigen "Entwicklungen" am Diffusor.

Erklärtes Ziel war dabei auch, den RB9 in den relativ langsamen Kurven zu verbessern - und genau davon gab es einige auf dem Stadtkurs in Singapur.

Auto wie ein Handschuh

Der frühere Formel-1-Designer und heutige "BBC"-Experte Gary Anderson findet zudem ganz einfache Worte und stellt dabei nicht das Auto in den Blickpunkt. Vettels Talent zur Entwicklung eines Boliden sei bemerkenswert, entsprechend hoch sei auch der Anteil am aktuellen Modell.

Auch deshalb komme er deutlich besser mit dem Auto klar, als Teamkollege Webber, sagt der Engländer: "Der Red Bull passt Vettel einfach wie ein Handschuh."

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