Sebastian Vettel kehrt erstmals seit seinem Debüt 2007 zu einem GP in die USA zurück © getty

Im "deutschen Gürtel" der USA darf der Heppenheimer auf viele Fans hoffen. Der eigene Teamkollege setzt ihn indes unter Druck.

Austin - Das legendäre Wurstfest hat der Formel-1-Tross knapp verpasst.

Dennoch wird sich Weltmeister Sebastian Vettel bei dem im Titelkampf vielleicht schon entscheidenden Rennen in Austin (Training, Fr., ab 16 Uhr im LIVE-TICKER) wie in einem Heimspiel fühlen.

Denn Texas ist so deutsch wie keine andere Region in den USA. Dort gibt es Restaurants mit Namen "Oma's Haus", einen Ort namens Weimar, Straßen namens "Ewald Road" oder Shops mit dem halbherzig eingebürgerten Namen "Sac'n'Pac".

Wurstfest als Highlight

Highlight des Jahres ist das Wurstfest im rund 40 Meilen von Austin entfernten New Braunsfeld. Dort wurde bis vergangenen Sonntag neun Tage lang in Lederhosen und Dirndl zu Blasmusik gefeiert. Wer etwas von diesem Feeling braucht, wird aber auch in Austin fündig, im Restaurant "Best Wurst". ( 530272 DIASHOW: Die neue Strecke in Austin )

Rhythmus finden wichtig

Nerven für solche Randaspekte wird Vettel am Wochenende, wenn er vorzeitig zum dritten Mal in Folge Weltmeister werden kann, nicht haben.

"Es ist das erste Rennen 2012 auf einem völlig neuen Kurs. Deshalb ist es wichtig, dass wir voll konzentriert sind und gleich im ersten Training unseren Rhythmus finden", sagte er. Dennoch könnte ihm deutsche Unterstützung aus dem "German Belt", dem "deutschen Gürtel" vielleicht einen Schub geben.

Den Spaß vor seinem 100. Rennen hat sich der 25-Jährige nach eigenen Angaben jedenfalls nicht verderben lassen. "Da ist es wie mit der Rutsche", sagte er der "Sport Bild": "Man kann schon hundert Mal runtergerutscht sein. Es macht immer noch so viel Spaß wie beim ersten Mal!"

Villeneuve stänkert

Durch eine solche Aussage mag sich der Spötter Jacques Villeneuve indirekt bestätigt fühlen. Denn der kanadische Weltmeister von 1997 hat harsche Kritik an Vettel geäußert.

"Er verhält sich wie ein Kind", sagte er dem Fachmagazin "Autosprint" und ergänzte zum Vergleich der Titelrivalen Vettel und Fernando Alonso: "Wenn die Umstände gegen ihn sprechen, bleibt Fernando ruhig und cool, während Vettel meistens aufgebracht reagiert, herumschreit und den Mittelfinger streckt."

Alonso habe den Titel 2012 somit "eher verdient. Denn kein Zweifel: Er ist der Beste. Deshalb drücke ich ihm die Daumen."

Kindersendungen für Sensible

Eine Aussage von Vettel ("fuck up") auf dem Podium im letzten Rennen von Abu Dhabi hatte unter anderem dafür gesorgt, dass alle Teams ihre Fahrer zu einer vorsichtigeren Ausdrucksweise anhalten sollten.

"Ich wollte niemanden vor den Kopf stoßen, und deshalb sollte man auch keine zu große Sache draus machen", meinte Vettel: "Außerdem: Jeder kann schauen, was er will. Jeder hat die Fernbedienung in der Hand, und wer sensibel ist, kann Kindersendungen schauen."

Besser mit Druck

In den Augen von Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko ist aber vor allem Vettels Psyche ausschlaggebend für die Aufholjagd.

"Je mehr Druck er hat, umso besser wird Sebastian. Es zeigt jedes Mal die Formkurve bei ihm nach der Sommerpause nach oben", sagte Marko der Nachrichtenagentur "APA": "Nachdem das schon drei Jahre so läuft, ist es eine mentale Stärke, die zu all den anderen Faktoren, die Sebastian auszeichnen, noch hinzukommt."

"ORF"-Experte Alex Wurz behauptet, dass Vettel in der zweiten Saisonhälfte im internen Vergleich deshalb davongezogen ist, weil das Team aus Verbundenheit zu ihm das Auto eigens für den Deutschen umgebaut habe. Bei der Fehlersuche habe man sich "eher auf Vettel konzentriert, weil er nicht klarkam", sagte Wurz: "Das ist eine zwischenmenschliche Geschichte."

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Vorzeitiger Titel möglich

15 Punkte mehr als der aktuell zehn Zähler zurückliegende Alonso müsste Vettel am Sonntag holen, um schon vor dem Saisonfinale in Sao Paulo erneut als Weltmeister festzustehen. (DATENCENTER: WM-Stand Fahrer)

Doch Alonso bleibt gelassen. `Es wird wohl das vierte Mal, dass ich im letzten Rennen noch um den Titel fahre", sagte der Spanier: "Deshalb gehe ich das konzentriert, aber auch ganz gelassen an."

Austin fiebert

Für Austin ist das Sportereignis auf dem für 400 Millionen Dollar erbauten Kurs von großer Bedeutung, schließlich ist die 800.000-Einwohner-Metropole die bevölkerungsreichte Stadt der USA, die in keiner der vier großen US-Ligen NBA, NHL, NFL und MLB ein Team stellt.

Deshalb will sich Austin auch als besonders grün und lebensfroh darstellen und den extrem konservativen Ruf Texas' bekämpfen. "Komm nach Austin. Es ist so schön hier, man merkt gar nicht, dass man in Texas ist", heißt es in einem Werbeslogan.

Bis vor einigen Jahrzehnten wurde hier sogar noch Texasdeutsch gesprochen. Die deutsche Hymne für einen Sieg von Vettel würde von daher sicher bei vielen Fans in Austin leise Heimatgefühle wecken.

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