Slowaken-Keeper Jan Laco (l.) kassierte bisher umgerechnet 1,86 Treffer pro Partie © getty

In den WM-Halbfinals treffen Russlands Superstars auf Titelverteidiger Finnland. Die kleinen Slowaken fordern Tschechien heraus.

Aus Helsinki berichtet Rainer Nachtwey

Helsinki - Es hätte das große Duell werden sollen: Kanada gegen Schweden - Mutterland des Eishockeys gegen den Medaillensammler der letzten Jahre.

Doch für beide ist bereits im Viertelfinale der 76. Eishockey-WM Schluss (Bericht).

Die Runde der letzten Vier in Helsinki findet ohne die beiden großen Nationen statt. (DATENCENTER: Der WM-Spielplan)

Nun lautet das zweite Halbfinale Slowakei gegen Tschechien - ein Bruderduell, der große (Tschechien) gegen den kleinen (Slowakei).

"Sehr emotionales Spiel"

"Das wird ein sehr emotionales Spiel", sagte der Tscheche Jakub Petruzalek im Gespräch mit SPORT1.

Den Finalgegner des Siegers aus dem Bruderduell ermitteln zuvor Topfavorit Russland und Titelverteidiger und Gastgeber Finnland.

SPORT1 blickt auf die beiden Halbfinals.

Finnland - Russland

(ab 13.15 Uhr LIVE im TV auf SPORT1, im LIVESTREAM und LIVE-TICKER auf SPORT1.de)

Im bisherigen Turnierverlauf konnten die Finnen nicht überzeugen. Nach der deutlichen 0:5-Klatsche in der Vorrunde ging der Titelverteidiger sogar nur als Außenseiter ins Viertelfinale gegen die USA.

"Unter Druck spielen wir besser"

Doch der Weckruf gegen die Amerikaner kam zur rechten Zeit. "Wir haben immer Druck", sagt Siegtorschütze Jesse Joensuu, "aber nach der Niederlage gegen die USA war er noch größer. Vielleicht war die Niederlage gar nicht schlecht. Unter Druck spielen wir besser."

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Zwar hatten die Finnen gegen die USA viel Glück - ein Schlittschuhtor Mikko Koivus zum 2:2-Ausgleich, das durchaus auch nicht hätte zählen können - aber der Sieg war aufgrund des Engagements nicht unverdient (Bericht).

Fehlende Unterstützung für Top-Trio

Gegen die USA schickte Coach Jukka Jalonen so oft es ging seine erste Sturmreihe um Kapitän Koivu, Valtteri Filppula und Jussi Jokkinen aufs Eis. 27 Punkte (9 Koivu, 10 Filppula, 8 Jokinen) gelangen dem Trio bereits im Laufe der WM. (SERVICE: Die WM-Statistik)

Dahinter fehlt aber die Unterstützung. Doppeltorschütze Joensuu ist mit zwei Toren und zwei Assists viertbester Scorer unter den finnischen Stürmern.

Russlands Sorgen liegen weniger in der Offensive, dort sind sie mit den drei Superstars Jewgeni Malkin, Alexander Owetschkin und Pawel Dazjuk außerordentlich gut und tief besetzt.

Sbornaja-Defensive macht Sorgen

Vielmehr machte die Defensive Coach Sinetula Biljaletdinow Sorgen. "Wir haben viel mit den Verteidigern geredet. Sie müssen mehr ins Spiel investieren", meint der Nachfolger von Wjatscheslaw Bykow. "Gegen Norwegen haben sie das umgesetzt."

Montreals Alexander Jemelin erzielte mit einem Schlenzer von der blauen Linie das vorentscheidende 3:2 gegen Norwegen, Kapitän Ilja Nikulin machte mit seinem Knaller zum 5:2 den Deckel drauf (Bericht).

Zudem predigen die Spieler das Zusammengehörigkeitsgefühl. "Die Mannschaft spielt zusammen, wir sind keine 25 Individualisten", sagt Dazjuk.

Russland will Revanche

Und die Russen brennen auf Revanche. Vor einem Jahr in Bratislava waren es jene Finnen, die der Sbornaja den Traum vom Titel platzen ließen.

Mikael Granlund sorgte mit seinem Geniestreich, einem "Lacrosse-Tor", für das Highlight der WM in Bratislava. Nun wollen Russlands Topstars ihre Genialität unter Beweis stellen.

[kaltura id="0_djojwc8m" class="full_size" title="Tschechien schmeißt Schweden raus"]

Slowakei - Tschechien

(ab 17.15 Uhr LIVE im TV auf SPORT1, im LIVESTREAM und LIVE-TICKER auf SPORT1.de)

Es ist die bisher größte Sensation des Turniers. Die kleine Slowakei schlägt die großen Kanadier.

"Haben das Herz am rechten Fleck"

"Wir sind ein sehr kleine Nation, das macht das ganze sehr speziell", sagt Branko Radivojevic, mit 8 Punkten Topscorer der Slowaken. "Wir zeigen das gesamte Turnier schon, dass wir das Herz am rechten Fleck haben."

Für die zuletzt arg gebeutelten Slowaken ist der erste Halbfinaleinzug bei einer WM seit 2004 eine große Genugtuung.

Nach der enttäuschenden Heim-WM mit dem Scheitern in der Zwischenrunde zeigt der Weltmeister von 2002 sein wahres Potenzial.

Goalie Laco überragt

Aus der geschlossenen Mannschaft um Abwehr-Turm und Kapitän Zdeno Chara sticht Goalie Jan Laco heraus. Der Keeper von Lev Poprad gilt als Kandidat auf die Auszeichnung zum besten Torhüter des Turniers. Die kanadischen Weltklassestürmer ließ er reihenweise verzweifeln.

"Wir wussten schon vor dem Turnier, dass ihr Keeper herausragend ist", sagt Tschechiens Stürmer Petruzalek.

Der Weltmeister von 2010 geht gegen die "kleine" Slowakei als Favorit in die Begegnung. Michael Frolik meint jedoch bei SPORT1: "Das wird ein Spiel auf Messers Schneide mit zwei sehr guten Mannschaften."

Tschechen finden zunehmend zusammen

Die Tschechen durchleben in Stockholm und nun Helsinki einen für sie typischen Turnierverlauf. Nach zu Beginn schwachen Auftritten findet die Mannschaft immer besser zusammen. Mit der Ergänzung von NHL-Profi Martin Erat ist die Offensive noch stärker besetzt.

Gegen Schweden fiel vor allem Ales Hemsky auf. Zwar blieb der Profi der Edmonton Oilers ohne Scorerpunkt, wirbelte die Verteidigung der Gastgeber gehörig durcheinander und eröffnete so seinen Mitspielern viel Freiraum in der schwedischen Zone.

Besonderes Duell für Tschechien-Coach

Durch das Bruderduell ist es eine besondere Situation, insbesondere für den slowakischen Coach Vladimir Vujtek. Er ist Tscheche. "Das macht das Ganze noch aufregender", sagt Petruzalek.

Für Radivojevic ist das Aufeinandertreffen "ein zusätzliches Plus" zu der bereits erfolgreichen WM. "Wir haben jetzt nichts zu verlieren."

Höchstens sein strahlendes Lächeln, das er nach dem Sieg gegen Kanada aufgesetzt hatte. "Aber da muss schon eine richtig harte Trainingseinheit kommen, bevor ich das aufgebe", meint der einstige NHL-Profi.

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