SPORT1-Experte Rick Goldmann fordert die Auflösung der verkrusteten Strukturen und ein Power House fürs Nationalteam.

Hallo Eishockey-Freunde,

die Ereignisse von Bietigheim musste ich erst ein bisschen sacken lassen. Dennoch liegt es mir am Herzen, aus der verpassten Olympia-Quali für Sotschi 2014 die richtigen Schlüsse zu ziehen:

1. Das Sportliche:

Der Anspruch der Eishockey-Nationalmannschaft muss es sein, Teams aus der Weltrangliste mit den Plätzen 24, 16 und 15 zu schlagen. Betrachtet man aber die Bandbreite der Platzierungen bei den Weltmeisterschaften der letzten fünf Jahre, kann man erkennen, dass von Platz 4 bis 15 alles drin war.

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Der Durchschnitt der Platzierungen der letzten zehn Jahre ergibt 10,5. Das spiegelt auch den derzeitigen Stand als Weltranglistenzehnter wieder.

Dennoch ist in meinen Augen die Olympiaqualifikation schon im letzten Jahr bei der WM unnötig aufs Spiel gesetzt worden, als die DEB-Auswahl durch das schlechte Abschneiden in der Weltrangliste aus den Top Neun rutschte und dadurch die direkte Quali verpasste.

2. Das Übergeordnete

Die Strukturen im deutschen Eishockey - mit Dach- und Landesverbänden - sind verkrustet. Diese treffen auf Profi-Klubs in GmbH-Form, die in erster Linie auf sich selbst bedacht sind und dazwischen gibt es eine Profiliga.

Die Parteien haben Probleme untereinander, arbeiten nicht zusammen, es gibt keinen Auf- und Abstieg, kein Abkommen bei der Förderlizenzregelung und und und.

Die neugeschaffene Kooperation des DEB mit der DEL bringt für mich keine Besserung.

Wenn man einen Automotor von 1946 in einen Porsche von 2010 einbaut passiert was? Nichts. Und genau das ist im deutschen Eishockey der Fall: Stillstand.

3. Die Person Uwe Harnos

Aufgrund der zu komplizierten Strukturen im Hintergrund, der hausgemachten Probleme und katastrophalen Außendarstellung einzelner Leute im Eishockey wächst das Unverständnis.

Irgendwann entlädt sich der Aggressionsstau verständlicherweise und zielt auf eine Person ab - in diesem Fall Präsident Uwe Harnos.

In meinen Augen einerseits zu Recht, da er Fehler begangen hat, die er auch eingeräumt hat. Andererseits ist es auch übertrieben, weil viele Probleme bereits seit Jahren bestehen.

4. Lösungen

Das Eishockey braucht neue Leute. Leute, die den Dialog suchen, aufeinander zugehen und so alle Akteure, ob Funktionäre, Proficlubs, Amateur-Eishockey, Nachwuchs oder Fans, langsam wieder einen.

Das wird aber seine Zeit brauchen.

Hier gibt es in meinen Augen nur ein Problem: Diese Leute sehe ich derzeit nicht im deutschen Profi-Eishockey. Deshalb muss ein sogenanntes Power House geschaffen werden, losgelöst von DEB und DEL und über den Strukturen angesetzt.

Die Personen müssen volle Handlungsfreiheit über die Nationalmannschaft besitzen. Sie ist unser höchstes Gut. Wir brauchen Leute mit Visionen, Querdenker, Leute aus Deutschland, die Struktur, Liga und Personen kennen, die die Bereiche Sport, Nachwuchs und Marketing der Eishockey-Nationalmannschaft eigenständig vorantreiben.

Der deutsche Fußball hat uns dieses Umdenken nach der EM 2004 in den Umstrukturierungen vorgelebt.

Wir brauchen Leute, deren bester Freund das Eishockey ist und nicht Personen, die sich am Eishockey bereichern oder profilieren wollen.

Erich Goldmann, 36, stand 126 Mal für die deutsche Nationalmannschaft auf dem Eis. Der Verteidiger, der beim NHL-Draft 1996 an 212. Position von den Ottawa Senators gezogen wurde, bestritt ein Spiel in der NHL. Nach einer schweren Sprunggelenksverletzung beendete er 2008 beim EHC München seine Laufbahn. In seiner Karriere bestritt er für den EV Landshut, Adler Mannheim, Kaufbeurer Adler, Moskitos Essen, ERC Ingolstadt und Iserlohn Roosters 500 DEL-Spiele. Für SPORT1 kommentiert Goldmann seit 2008 die Spiele der Nationalmannschaft.

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