Pat Cortina trainierte von 2003 bis 2009 die ungarische Nationalmannschaft © getty

Der Bundestrainer übernimmt im April den Sportdirektor-Posten. Er setzt auf neue Strukturen. Der DEB benötigt neue Fördergelder.

Von Rainer Nachtwey

München - Erstmals seit 1952 ist die Nationalmannschaft nicht mehr beim olympischen Eishockey-Turnier vertreten.

Nach 16 Teilnahmen in Folge endete die Serie der DEB-Auswahl ausgerechnet gegen den "kleinen" Nachbarn aus Österreich (Bericht).

"Jede Serie geht zwangsläufig mal zu Ende. Das soll jetzt aber keine Entschuldigung sein", meinte Verbandspräsident Uwe Harnos nach dem 3:2-Sieg in der Verlängerung bei SPORT1. Durch den Punktgewinn der Österreicher war das Aus besiegelt.

Bei all der Niedergeschlagenheit bei Spielern und Funktionären kann das Scheitern aber auch Positives bewirken. Das hofft zumindest SPORT1-Experte Rick Goldmann (Kolumne).

Denn die verpasste Olympia-Qualifikation muss und wird Veränderungen nach sich ziehen.

Wenn es nach Harnos und Generalsekretär Franz Reindl geht, gemeinsam mit Bundestrainer Pat Cortina. "DEL und DEB haben entschieden, dass man langfristig mit ihm zusammenarbeiten will", gab der DEB-Präsident ein Treuebekenntnis zum Italo-Kanadier ab.

Cortina kritisiert Stellung des DEB-Teams

Cortina kündigte bereits keine Stunde nach dem Qualifikations-Aus an, dass ein Umdenken im deutschen Eishockey her muss.

"Die Nationalmannschaft muss das wichtigste Eishockey-Team in Deutschland sein. Aber so wie die Strukturen derzeit sind, ist sie es nicht", kritisierte der Bundestrainer.

Aber wie geht es im deutschen Eishockey weiter? SPORT1 beleuchtet die Situation.

Trainer/Sportdirektor

Im September legte sich Trainerfindungskommission aus Vertretern von DEL und DEB auf Cortina als Nachfolger von Jakob Kölliker fest. Der Noch-Trainer des EHC München, der diesen Posten nach Ende der DEL-Saison aufgibt, unterschrieb im September einen Vertrag bis 2015. Ab April - so der Plan - soll er zudem die Aufgabe des Sportdirektors übernehmen.

Ob er diese auch wirklich antritt, bleibt abzuwarten. Denn eine Trennung ist keinesfalls auszuschließen. Trotz Harnos' Treuebekenntnis ist Cortinas Position nach dem Scheitern geschwächt. Schließlich hatte der DEB-Präsident vor dem Vier-Nationen-Turnier bereits angedeutet, das "Erfolg immer ein Gradmesser ist".

[kaltura id="0_acw0milt" class="full_size" title="Harnos: "An Pat hat es nicht gelegen""]

Mit Konzept überzeugt

Allerdings hatte Cortina die Kommission mit seinem Konzept überzeugt und sich dadurch gegen Kandidaten wie Schwedens Weltmeister- und Olympiasieger Bengt-Ake Gustaffson durchgesetzt. Seinen Drang, strukturelle Veränderungen vorzunehmen, deutete er bereits an.

Die Nachwuchsförderung, die nach SPORT1-Experte Goldmann, nur "gut, aber nicht optimal" ist, wird ein großer Bestandteil in Cortinas Vorstellungen sein.

Unverständnis für Liga-Termin

Wie akribisch Cortina arbeitet, zeigt sich auch in den Kleinigkeiten.

So zeigte er noch in Bietigheim überhaupt kein Verständnis dafür, dass die Spieler direkt nach Turnierende abreisen mussten, da bereits am Dienstag wieder Liga-Spiele auf dem Programm stehen.

"Wenn die Spieler hier sind, sollen sich allein darauf fokussieren können. Und nicht darauf, dass sie nach einem Spiel noch weg müssen."

Mannschaft

Der Großteil des gescheiterten Teams gewann im November noch den Deutschland Cup mit Siegen über die weit höher eingeschätzten Gegner Slowakei, Schweiz und Kanada.

Einzig die verletzten Frank Hördler, Christoph Ullmann und Thomas Greilinger sowie der gesperrte Martin Buchwieser standen Cortina nicht zur Verfügung. Dafür kehrten Constantin Braun und Patrick Reimer nach ihren überstandenen Blessuren in den Kader zurück.

Ein gravierendes Defizit bemerkte 1976-Bronzemedaillen-Gewinner Alois Schloder bei SPORT1: "Wenn ich mir die Mannschaft anschaue, sehe ich keine Führungsfigur. In der Liga spielen sie stark, aber nicht im Nationalteam."

Deutsche Spieler gefragt

Kurios ist, dass deutsche Eishockeyspieler trotz der enttäuschenden WM 2012 in Stockholm und dem Aus in der Olympia-Quali durchaus gefragt sind. In Christian Ehrhoff, Alexander Sulzer, Jochen Hecht, Marcel Goc, Dennis Seidenberg, Thomas Greiss und Korbinian Holzer stehen sieben Deutsche in den Kadern der NHL-Klubs.

Dazu finden sich mit Justin Krüger und Philipp Grubauer zwei weitere DEB-Akteure in der AHL wieder. Und in den nordamerikanischen Juniorenligen gehören der zurzeit verletzte Tom Kühnhackl, Tobias Rieder und Konrad Abeltshauser zu den Leistungsträgern ihrer Teams.

Die U-20-Junioren legten bei der WM in Russland das Fahrstuhl-Image ab, als sie nach Jahren des Pendelns zwischen Top- und A-Division erstmals den Verbleib in der Weltspitze feiern konnten.

Junge Spieler langsam einbauen

Cortina will die jungen Spieler in die Mannschaft integrieren, einen kompletten Umbruch wird es in der A-Mannschaft jedoch nicht geben. "Wir haben bereits eine sehr junge Mannschaft", sagte der Bundestrainer auf SPORT1-Nachfrage.

Dennoch ist es Cortinas Ziel, "die jungen Spieler für die nächsten Olympischen Spiele aufzubauen". Bei der WM gehe es schließlich darum, die Weltranglisten-Position zu halten bzw. zu verbessern.

Das Top-Team Sotschi dürfte wohl bestehen bleiben, nur eine Namensänderung erfahren.

Verband

Bis zum Ende des olympischen Zyklus' 2014 erhält der DEB noch die Fördergelder, dann erfolgt die Kürzung. Für den bekanntlich nicht auf Rosen gebetteten Verband ein enormer Verlust.

Die Grundförderung aus Mitteln des Bundesinnenministeriums hängt wesentlich von der Anzahl der Athleten bei den letzten beiden Olympischen Spielen ab.

2011 betrug die Grundförderung 383.000 Euro, die Projektförderung 98.000 Euro. Statt wie bislang drei Olympia-Teilnahmen (2006 beide, 2010 Männer) fließen nun nur zwei in die Berechnung ein.

Fehlende Tv-Präsenz nach Olympia-Aus

SPORT1-Experte Goldmann sieht den DEB nun gefordert, "neue Wege zu finden", um den Nachwuchs weiterhin gut zu fördern.

Es wird keine leichte Aufgabe. Für die Sponsoren verliert die Nationalmannschaft durch fehlende TV-Präsenz bei Olympia auch an Attraktivität.

Für die Führungsspitze wohl auch eine Existenzfrage, 2014 stehen Neuwahlen beim DEB an.

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