Pat Cortina führte Ungarns Nationalteam zum Aufstieg in die A-Gruppe 2009 © imago

Im SPORT1-Interview spricht der neue Bundestrainer Pat Cortina über die Ansprüche an seine Spieler und die deutsche Mentalität.

Von Rainer Nachtwey

München - Es hat eine gefühlte Ewigkeit gedauert, doch einen Tag vor dem ersten Länderspiel der Saison hat die Eishockey-Nationalmannschaft einen neuen Bundestrainer bekommen.

Seit Montag ist Pat Cortina der neue starke Mann beim DEB im sportlichen Bereich. Für die nächsten drei Jahre übernimmt der in Montreal geborene Cortina die Verantwortung hinter der Bande.

In seiner ersten Saison trainiert der 48 Jahre alte Italo-Kanadier weiterhin den EHC München, bei dem er erst am Saisonende seine Tätigkeit aufgibt.

Dann übernimmt Cortina beim DEB auch die Funktion des Sportdirektors.

"Das werde ich erst nach dieser Saison. Ich muss mir erst einen Überblick verschaffen, ein Gefühl bekommen, was die Strukturen angeht", sagt er bei SPORT1.

Im SPORT1-Interview der Woche spricht Pat Cortina über seine Erwartungen an die Spieler, die deutsche Mentalität und die Unterschiede zu seinem Vorgänger Jakob Kölliker.

SPORT1: Herr Cortina, die Nationalmannschaft hat durch den schwachen Auftritt bei der WM viel Kredit bei den Fans verspielt. Wie wollen Sie den wieder zurückgewinnen?

Pat Cortina: Natürlich sind die Fans für uns sehr wichtig und wir brauchen ihre Hilfe. Wir repräsentieren Deutschland. Aber man darf nicht vergessen, dass ein Großteil der Spieler im Jahr zuvor eine starke WM in Bratislava gespielt haben. Man sollte nicht wegen einer schwachen Leistung über einen urteilen. Außerdem bin ich überzeugt, dass wir nicht das wahre Leistungsvermögen unserer Mannschaft gesehen haben. Mit ehrlicher Arbeit und der richtigen Einstellung von Herz und Kopf werden wir die Fans zurückgewinnen.

SPORT1: In welchen Bereichen werden Sie Veränderungen vornehmen?

Cortina: Ich muss mir erst einen Überblick verschaffen und nach der ersten Trainingswoche und dem ersten Turnier mit der Mannschaft kann ich diese Frage besser beantworten. Über das System und den Kader habe ich mir noch keine großen Gedanken gemacht.

SPORT1: Worauf werden Sie bei Ihren Spielern wert legen?

Cortina: Ganz wichtig ist mir die Einstellung. Ich möchte disziplinierte, engagierte Spieler, die bereit sind hart zu arbeiten und sich aufopfern, bei denen das Team an erster Stelle steht. Spieler, die auch andere Rollen akzeptieren, die sie in ihren Klubs vielleicht nicht spielen.

SPORT1: Jakob Kölliker stand insbesondere wegen seiner Mann-Mann-Deckung in der eigenen Zone in der Kritik. Werden Sie zur Zonenverteidigung zurückkehren? (KOLUMNE: Cortina wie Zach mit Krupp-System)

Cortina: Mit meinen Klubmannschaften habe ich immer versucht, Situationen zu vermeiden, wo es 1-auf-1 geht. Wenn der Gegner zu deinem Tor kommen will, muss er nicht an einem, nicht an zwei, sondern manchmal an drei Spielern vorbeikommen. Wenn wir auf internationalem Niveau mithalten wollen, dann müssen wir gut verteidigen. Wir müssen eine stabile Team-Defense spielen. Wir müssen sicherstellen, dass unser Haus geschützt ist. Das ist die Basis jedes erfolgreichen Teams.

SPORT1: Sie waren bei der Partie gegen Österreich nicht in Wien vor Ort. Wie bewerten Sie den Auftritt aus der Ferne? (BERICHT: Cortina bleibt schwache Vorstellung erspart)

Cortina: Es besteht eine große Rivalität zwischen Deutschland und Österreich. Man kann deshalb nicht von einem Freundschaftsspiel sprechen. Beide Teams wollen in einer solchen Begegnung unbedingt gewinnen. Beide Mannschaften hatten nicht viel Zeit, sich auf das Spiel vorzubereiten. Die meisten Spieler sind erst vor kurzem in die Saison gestartet, deshalb spiegelt die Partie nicht die wahre Leistungsstärke wider. Aber was ich mitbekommen habe, war es eine engagierte Leistung.

SPORT1: Sie sprachen von einer großen Ehre, Bundestrainer zu sein. Was macht die Aufgabe sportlich so reizvoll?

Cortina: Deutschland ist eine Top-Ten-Nation, die auf höchstem Niveau spielt. Es ist eine große Herausforderung, das Team hat großes Potenzial und ist schon jetzt auf einem sehr hohen Level. Das ist bei weitem die beste Mannschaft, die ich bisher trainiert habe.

SPORT1: Und für Sie persönlich?

Cortina: Ich bin seit sechs Jahren in Deutschland. Hier fühle ich mich Zuhause, auch wenn ich noch nicht gut deutsch spreche. Ich liebe München, ich liebe die Mentalität der Deutschen, wie sie denken. Ich möchte, dass meine Töchter hier aufwachsen. Nationaltrainer des Landes zu sein, in dem man lebt, ist etwas ganz Besonderes. Allein dass ich als Kandidat gehandelt wurde, war eine riesige Freude für mich. Ich wollte unbedingt Bundestrainer werden und jetzt bin ich es. Jetzt heißt es für mich alles zu tun, um unsere Ziele zu erreichen. Und das ist die Olympia-Qualifikation.

SPORT1: Hat Sie das Chaos um die Suche nach einem Bundestrainer und Sportdirektor nicht abgeschreckt?

Cortina: Sicherlich, man muss ja auch an die Familie denken. Niemand manövriert sich gerne in eine undurchsichtige Situation. Aber beim DEB hat man mir die vollste Unterstützung wieder und wieder zugesichert. Und das reicht mir völlig. Die Nationalmannschaft wird hier mit der Ernsthaftigkeit behandelt, wie sie behandelt werden muss.

SPORT1: Bis April sind Sie noch Trainer des EHC München. Wie viel Zeit bleibt Ihnen überhaupt für die Nationalmannschaft?

Cortina: Wieviel Zeit ich für den Job aufwende, kann man nicht in Stunden und Minuten bemessen. In erster Linie wird es für mich darum gehen, mich zu organisieren. Beim EHC haben wir immer einen freien Tag die Woche, und wenn etwas gemacht werden muss, werde ich mir auf jeden Fall die Zeit dafür nehmen. Und dadurch, dass ich ja in der Liga trainiere, bekomme ich ja fast alle Spieler zu sehen. Wenn ich jetzt Spiele des EHC analysiere, schaue ich nicht mehr allein auf meine Spieler.

SPORT1: Haben Sie schon mit Trainerkollegen aus der Liga wegen Ihres Trainerstabs gesprochen? Harry Kreis zum Beispiel?

Cortina: Die Trainer haben mich nur angerufen, um mir zu gratulieren, dabei ging es nicht um den Trainerstab.

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