Dieter Hegen spielte von 1979 bis 2002 als Profi und beendete die Karriere in Kaufbeuren © getty

Legende Dieter Hegen blickt bei SPORT1 auf das enttäuschende Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM zurück.

Aus Stockholm berichtet Rainer Nachtwey

Stockholm - Bei der 76. Eishockey-WM (Täglich LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVESTREAM) ist er immer noch vertreten, wenn auch nur als Bild.

Obwohl er vor 14 Jahren seine letzte WM spielte, glänzt Dieter Hegen im Media-Guide der WM im Zweikampf mit Italiens Maurizio Mansi.

An 13 Weltmeisterschaften nahm Hegen teil, 20 Tore in zwei aufeinanderfolgenden Spielen wie die aktuelle Mannschaft gegen Norwegen und Tschechien kassierte er mit seinem Team dabei nie. (DATENCENTER: Der WM-Spielplan).

"Gegen Russland wäre es Okay"

"Wenn du mal gegen die Russen zehn oder elf bekommst, dann sagt jeder: Okay, das kann passieren", meint der mit 290 Länderspielen und 111 Toren zweiterfolgreichste deutsche Puckjäger beim Interview mit SPORT1.

Hegen blickt auf das enttäuschende Abschneiden der deutschen Mannschaft bei der WM in Stockholm und Helsinki zurück, spricht über die eigentliche Stärke und äußert seine Meinung zur möglichen Variante eines Sportdirektors mit Teilzeit-Bundestrainer.

SPORT1: Herr Hegen, wie bewerten Sie die Leistung der deutschen Nationalmannschaft bei der WM?

Dieter Hegen: Nach den zwei Klatschen draufhauen, das kann jeder. Man muss sagen, dass mindestens zehn oder zwölf super Spieler gefehlt haben. Die letzten beiden Spiele waren sicher nicht okay, aber deswegen muss man jetzt nicht vom Allerschlimmsten ausgehen.

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SPORT1: Der Trainer hat keine Erklärung, die Spieler haben keine Erklärung, aber jeder Eishockey-Fan will wissen: Wie konnte ein solches Auseinanderbrechen gegen Norwegen passieren?

Hegen: Bei den Jungs war tiefer Frust dabei. Wenn du mal gegen die Russen zehn oder elf bekommst, dann sagt jeder: okay, das kann passieren. Aber gegen Norwegen sind wir nach dem sechsten oder siebten Tor am Verzweifeln gewesen, dann waren die Jungs starr und steif. Und dann kann so etwas passieren.

SPORT1: Jaromir Jagr hat letztes Jahr gesagt: "Die Deutschen haben sich entwickelt, die sind wieder wer". Ist das Ansehen des deutschen Eishockeys durch die beiden Demütigungen gegen Norwegen und Tschechien beschädigt?

Hegen: Wir sind mit Sicherheit weiterhin ein Team um Platz acht. Wir haben, wenn alle dabei sind, eine tolle Mannschaft. Dann sind wir auch spielerisch in der Lage, ins Viertelfinale einzuziehen. Aber wenn du natürlich zehn oder zwölf Ehrhoffs, Seidenbergs, Sulzers und wie sie alle heißen, Braun, Baxmann, nicht dabei sind, ist es für eine deutsche Mannschaft schwierig, das zu kompensieren.

SPORT1: Das heißt mit anderen Worten: Durch die vielen Absagen war das Viertelfinale nicht drin?

Hegen: Du kannst einfach Leute wie Ehrhoff oder Seidenberg nicht ersetzen. Andere Nationen tun sich da vielleicht leichter. Aber das können wir nicht. Deshalb darf man das deutsche Eishockey jetzt nicht tot reden. Aber ich bin davon überzeugt, wenn die dabei wären, würden wir auch in das Viertelfinale einziehen.

SPORT1: Kommt es so auch zu diesem deutlichen spielerischen Rückschritt? ( 560275 Diashow: DEB-Team in der Einzelkritik ).

Hegen: Ja, ohne Spieler wie zum Beispiel Wolf tut man sich schwer. Das Viertelfinale war nach der Lettland-Pleite immer schwerer zu erreichen, und dann kommt das Debakel gegen Norwegen. Du bist in einem Strudel drin und kommst von heute auf morgen so schnell nicht raus. Wir sind gut genug, das haben die letzten beiden Weltmeisterschaften gezeigt. Aber du musst dann halt auch komplett sein. Du kannst dann mal zwei, drei, vier ersetzen, aber zehn, zwölf gute oder super Spieler? Da ist das deutsche Eishockey in der Breite einfach nicht so gut aufgestellt.

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SPORT1: Wo hat der Bundestrainer in Ihren Augen falsch gelegen?

Hegen: Man redet ja immer über Zonen-Spiel oder Mann-gegen-Mann. Die Spieler müssen beides können. Man spielt in der Liga in gewissen Situationen Mann gegen Mann, man verteidigt Zone, das haben die Spieler eigentlich im Blut. Das sind eben die zwei Varianten. Jetzt dem Bundestrainer die Schuld zu geben, halte ich für zu weit hergeholt.

SPORT1: Ist Kölliker nach dem Debakel in irgendeiner Funktion beim DEB noch tragbar?

Hegen: Ich weiß nicht, wie er die Mannschaft vorbereitet, was er für Ansprachen hält. Das kann ich aus der Ferne nicht beurteilen. Aber man kann seine ganze Arbeit nicht an diesen zwei Spielen festmachen. Ob der DEB ihn jetzt weiterbehält, darf nicht von zwei Spielen abhängen. Entweder man ist von seinem Konzept überzeugt oder nicht.

SPORT1: Was halten Sie von der Lösung eines Sportdirektors mit einem Teilzeit Bundestrainers bei den Turnieren, wie es die Kanadier und Amerikaner praktizieren?

Hegen: Wir hatten die letzten 30 Jahre einen Bundestrainer, daher denke ich schon, dass es sinnvoller wäre, wenn du einen festen Bundestrainer hättest. Aber der Bundestrainer kann ja auch beide Funktionen übernehmen. Ich weiß auch nicht, wie sie auf solch eine Idee kommen.

SPORT1: War es ein Fehler des DEB, den Vertrag mit Köbi Kölliker nicht schon vor der Weltmeisterschaft abzuschließen, damit solche Fragen erst gar nicht aufkommen?

Hegen: Das eine hat mit dem anderen gar nichts zu tun. Ob du jetzt vor der WM den Vertrag verlängerst oder nach der WM. Du spielst eine WM und da ist es nicht von Personen abhängig, ob du gut oder schlecht spielst oder ob der Vertrag hat oder nicht. ( 553850 DIASHOW: Die Spiele Deutschlands ).

SPORT1: Aber in der Öffentlichkeit entsteht nun eine Diskussion, ob er Bundestrainer bleiben oder Sportdirektor werden kann. Wenn der Vertrag vor dem Turnier abgeschlossen worden wäre, wäre man dieser Diskussion entgangen.

Hegen: Ja, aber man muss das ganze Paket bei ihm sehen. Das müssen die Leute in den Gremien entscheiden, wie sie mit ihm weiterfahren.

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