Jakob Kölliker war von 1998 bis 2012 Trainer der Schweizer U-20-Nationalmannschaft © getty

Nach dem WM-Aus ist eine Weiterbeschäftigung des Schweizers nicht mehr so sicher. DEB-Boss Harnos muss alles erst sacken lassen.

Aus Stockholm berichtet Rainer Nachtwey

Stockholm - Es ist gar nicht lange her. Es war der 26. April.

"Köbi ist unser Mann. Er hat unser Vertrauen. Wir würden gerne eine Lösung treffen, bevor die WM losgeht", hatte DEB-Präsident Uwe Harnos bei einem Sponsorentermin gesagt.

Seither sind 20 Tage vergangen, 20 Tage in denen viel passiert ist, in denen die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft alles Positive, was sie in den vergangenen zwei Jahren mühsam errichtet, wieder zum Einstürzen gebracht hat.

Das Minimalziel direkte Olympia-Qualifikation wurde verspielt, das WM-Viertelfinale nicht erreicht und dem Ansehen des deutschen Eishockeys in der internationalen Wahrnehmung durch zwei aufeinanderfolgende 4:12- und 1:8-Klatschen gegen Norwegen und Tschechien gewaltig geschadet.

Richtungsweisende Gespräche

"Folglich kann man sicher nicht zufrieden sein", bewertet Verbandspräsident Harnos das Abschneiden des ersten WM-Turniers unter dem neuen Bundestrainer Jakob Kölliker.

Nun wolle er das Ganze erst einmal sacken lassen. Dann stehen richtungsweisende Gespräche an.

Cheftrainer oder Teilzeit-Coach?

Wie geht es im deutschen Eishockey weiter? Der Vertrag des Bundestrainers läuft aus, der Posten des Sportdirektors ist vakant.

Der Schweizer hat signalisiert, gerne beim DEB weiterzuarbeiten. "Selbstverständlich habe ich Lust, als Bundestrainer weiterzumachen", sagt Kölliker zur Trainerfrage und schließt auch eine Tätigkeit als mächtiger Mann im sportlichen Bereich nicht aus. "Man wird sehen, was rauskommt. Jetzt werden Gespräche geführt und ich bin offen für alles."

Beim DEB gibt es Gedankenspiele, die Position des Bundestrainers abzuschaffen und stattdessen einen Sportdirektor mit Entscheidungshoheit im sportlichen Bereich einzusetzen. Bei den Turnieren wie Deutschland Cup, Olympia-Qualifikation und WM käme ein Teilzeit-Coach zum Einsatz.

Die USA und Kanada praktizieren seit Jahren dieses Modell.

Kompetenzzentrum Sport auf Lösungsfindung

Kölliker galt vor dem WM-Turnier als der Kandidat, diese Position nach dem Turnier einzunehmen. Das war aus Harnos Worten deutlich zu erkennen. Nun hört sich das alles anders an.

Der DEB-Präsident scheint nach den leblosen Auftritten gegen Norwegen und Tschechien von seinem grenzenlosen Vertrauen in Kölliker abgerückt zu sein.

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"Wenn man das gesehen hat, dann muss man darüber erst nachdenken", sagt Harnos zum weiteren Vorgehen. Dies soll das Kompetenzzentrum Sport lösen, ein Quartett bestehend aus Wolfsburgs Manager Charlie Fliegauf, Berlins Manager Peter Lee, Ex-Nationalspieler Michael Bresagk und DEB-Vizepräsident Erich Kühnhackl.

"Das Kompetenzzentrum Sport, wo die Fachleute sitzen, wird das analysieren, man wird gemeinsam ein Fazit ziehen und dann muss man die Entscheidungen treffen, wie es weiter geht", sagt Harnos.

Harnos rudert zurück

Die letzte Entscheidung fällt dann aber durch das Direktorat, bestehend aus Harnos selbst, Vizepräsident Manuel Hüttl und den beiden DEL-Vertretern Aufsichtsratsvorsitzender Jürgen Arnold und Daniel Hopp (DATENCENTER: Der WM-Spielplan).

"Das Kompetenzzentrum Sport berät, macht Vorschläge, und legt dann dem Direktorat zur Entscheidung vor. Deswegen ist das hier der falsche Ort, zu sagen, was wir für Vorstellungen haben oder nicht", sagt Harnos.

Und er sagt einen Satz, demnach sein Vorpreschen Ende April auf nicht so großes Wohlgefallen bei den in die Entscheidung eingebundenen Personen getroffen ist: "Man muss jetzt erst Rücksprache halten."

[kaltura id="0_tdn4dnm7" class="full_size" title="Rick Goldmann im Interview "]

"Die WM ist verbockt"

Rückendeckung erhält Kölliker aus der Mannschaft. "Köbi ist ein guter Trainer und ein netter Mensch. Das sollte man auch bedenken und ihn halten", sagt Torhüter Dennis Endras. Und Christoph Schubert ergänzt: "Ich glaube schon, dass er bleibt und würde mir das auch wünschen."

Sollte die Entscheidung pro Kölliker ausfallen, muss sich auch der Coach hinterfragen. Die Spiele gegen Norwegen und Tschechien haben deutliche Fehler offenbart.

"Diese zwei Spiele waren schon mehr als Niederlagen, die WM ist verbockt", gesteht Kölliker ein.

Gogulla kritisiert das System

Vor allem das System mit der Mann-gegen-Mann-Verteidigung in der eigenen Zone wirft bei den eigenen Spielern und den Experten Fragen auf ( 553850 DIASHOW: Die Spiele Deutschlands ).

"Vielleicht ist es besser, wenn man nicht mehr das 1:1 spielt", sagt Philip Gogulla. "Wenn man in zwei Spielen 20 Tore kassiert, ist es eigentlich klar, dass es nicht funktioniert."

Kölliker hält dagegen

Und SPORT1-Experte Rick Goldmann ist ob der Systemänderung völlig perplex. "Warum er dieses System geändert hat, mit dem die Mannschaft zuletzt zwei Jahre erfolgreich gespielt hat, mit dem 90 Prozent der Vereine spielen, ist für mich unverständlich", sagt der ehemalige Nationalspieler.

Der Bundestrainer hält dagegen: "1:1 spielen fast alle Mannschaften hier. Schlussendlich ist es eine Ausführungssache, wie man sich auf dem Eis benimmt."

Mit dieser Meinung steht Kölliker laut Goldmann allerdings alleine da: "Es gibt keine Mannschaft aus der Weltspitze in diesem Turnier, die eine 1:1-Verteidigung im eigenen Drittel spielt."

Köllikers DEB-Verbleib fraglich

In Sachen Kölliker wird es beim DEB noch viel Gesprächsstoff geben. Eine Entscheidung kann sich daher noch hinziehen.

"Das muss man jetzt im Direktorat besprechen. Wir haben natürlich gesprochen, aber wir müssen es trotzdem noch einmal besprechen. So wie das bei mir sacken muss, muss das auch bei den anderen Herren sacken. Wenn man da einig ist, muss man das Notwendige auf den Weg bringen", sagt Harnos.

Kölliker wird die WM in den kommenden Tagen analysieren, dann ist Abschalten angesagt. "Über Pfingsten fahre ich in Urlaub", sagt der Schweizer.

Dass die Partie gegen Tschechien sein letztes Spiel als Bundestrainer war, ist offensichtlich. Ob er als Sportdirektor wieder kommt, ist nicht mehr so klar wie vor der WM.

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