Verteidiger Kevin Lavallee spielt seit 2011 bei den Kölner Haien in der DEL © getty

Die Norwegen-Pleite hat Spuren hinterlassen, der Bundestrainer muss sich einiges ankreiden lassen. SPORT1 analysiert die Lage.

Aus Stockholm berichtet Rainer Nachtwey

Stockholm - Langsam schlichen die Spieler den Gang aus der Kabine entlang, den Kopf gesenkt, die Schläger umklammert, als wollten sie sich daran festhalten.

Auf dem Weg zur Eisfläche wurde kaum ein Wort gesprochen.

"Wir stehen alle noch ein bisschen unter Schock", sagte Bundestrainer Jakob Kölliker am Tag nach dem 4:12-Desaster gegen Norwegen (BERICHT: WM-Aus nach Demütigung), das das WM-Aus bedeutete (DATENCENTER: Der WM-Spielplan).

Dennis Endras, der sich direkt nach dem peinlichen Auftritt nicht äußern wollte, beschrieb nach dem Training die tags zuvor erlittene Demütigung mit "Schockstarre".

"Da will man im Erdboden versinken", sagte der Keeper, der in gerade einmal 18 Minuten Eiszeit sechs Gegentore kassiert hatte. "Auf der Fahrt ins Hotel habe ich nicht einen Satz verloren, bis ich ins Bett bin."

Bitteres Fazit

Das 4:12 gegen Norwegen, das Christoph Schubert bei SPORT1 als "eines der schlechtesten Spiele in der Geschichte des deutschen Eishockey" bezeichnet hatte, hat bei der Mannschaft Spuren hinterlassen ( 553850 DIASHOW: Die Spiele Deutschlands ).

Sie wirkte nachdenklich, konzentriert, angespannt.

Aber wie konnte es so weit kommen? Was sind die Folgen? Und wie geht es weiter?

SPORT1 analysiert die Situation

Wie konnte es zu diesem Auftritt kommen?

Der Bundestrainer hatte es bei der Kaderzusammenstellung nicht leicht. Verletzungsbedingte und privat begründete Absagen sorgten dafür, dass dem Schweizer nicht die besten Spieler zur Verfügung standen bzw. stehen.

Aber dies war bei seinem Vorgänger Uwe Krupp nicht anders.

Allerdings lässt auch die Einstellung einiger Spieler, die für die WM absagten, Fragen offen. Russlands Superstar Alexander Owetschkin gab keine 12 Stunden nach dem Playoff-Aus seine Zugabe, sein Land bei der WM zu vertreten.

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Die Ausfälle der derzeit wohl sechs besten deutschen Verteidiger Christian Ehrhoff, Constantin Braun, Frank Hördler (alle verletzt), Dennis Seidenberg, Alexander Sulzer (beide private Gründe) und Korbinian Holzer (mit Toronto noch in den AHL-Playoffs) hat in der Defensive seine Spuren hinterlassen.

Umso mehr, da Kölliker mit Antritt seines Posten als Bundestrainer ein neues System eingeführt hatte. Und hier kommen wir zur nächsten Frage.

Wer trägt die Schuld an dem Debakel?

Dem Bundestrainer die Schuld alleine in die Schuhe zu schieben, wäre leicht und billig. Aber er muss sich Einiges ankreiden lassen.

Kölliker hat seine Ideen, sein System, das er umsetzen wollte und auch umgesetzt hat. Allerdings ist verwunderlich, dass er die Zonenverteidigung durch eine Mann-Mann-Verteidigung ersetzte.

"Warum wird das System umgestellt, das 90 Prozent der Teams in der DEL spielen und mit dem zuletzt zwei Jahre Erfolge in der Nationalmannschaft gefeiert wurden?", fragt sich auch SPORT1-Experte Rick Goldmann.

Allerdings kündigte Kölliker an, an seinem System vorerst festzuhalten. "Wir können jetzt nicht unser Spiel von A bis Z ändern", meint der Schweizer.

Auch das Training wirft Fragen auf. Einige Übungen wurden nach Meinung der Experten zum falschen Zeitpunkt durchgeführt oder sorgten für Kopfschütteln.

[kaltura id="0_cdhd09rg" class="full_size" title="H ttl Der Stachel sitzt noch extrem tief"]

Was sind die Folgen?

Durch die beiden Weltmeisterschaften 2010 und 2011 hatte sich das deutsche Eishockey wieder Respekt erarbeitet. Das Ansehen hat unter dem 4:12-Desaster enormen Schaden genommen.

"Dieser Komplett-Aussetzer verdrängt die Erfolge der beiden vergangenen Jahre", sagt auch SPORT1-Experte Goldmann. Und auch beim Trainer, seinem Team und der Mannschaft hinterlässt es Spuren.

Die sportlichen Folgen sind deutlich: Mit dem Verpassen des Viertelfinals steht die direkte Qualifikation für Olympia 2014 in Sotschi auf der Kippe.

Die deutsche Mannschaft droht in der Weltrangliste aus der Gruppe der Top-Neun-Nationen herauszufallen.

Nun muss die DEB-Auswahl gegen Tschechien (Di., ab 16 Uhr LIVE im TV auf SPORT1, im LIVE-TICKER und im LIVESTREAM auf SPORT1.de) mehr Punkte holen als Konkurrent Schweiz gegen die USA, damit Deutschland sich im WM-Endklassement vor den Eidgenossen platziert und in der Weltrangliste überholt.

Wie geht es weiter?

Alles deutet daraufhin, dass Kölliker, dessen Vertrag nach der WM ausläuft, weiter an den Verband gebunden werden soll. DEB-Vizepräsident Manuel Hüttl mahnte bei SPORT1 vor überhasteten Schritten: "Man muss alles sachlich bewerten. Wenn man einen langfristigen Weg verfolgt, muss man auch durch Tiefen gehen. Man sollte sich nicht von einem Spiel aus der Bahn werfen lassen - gleichwohl müssen wir die WM kritisch aufarbeiten."

In welcher Funktion Kölliker weitermachen soll, ist noch nicht klar, allerdings scheint das Konzept eines verantwortlichen Sportdirektors und eines Teilzeit-Bundestrainers nur zu den Turnieren beim DEB hoch im Kurs zu stehen.

Eigentlich hatte der Verband aus den Fehlern von Bratislava um die Nachfolge von Uwe Krupp gelernt, wollte noch vor der WM mit Kölliker den Vertrag verlängern.

Nun fällt es dem DEB um einiges schwerer, den Schweizer - voraussichtlich als Sportdirektor - zu vermitteln. Sein Ansehen hat in der Öffentlichkeit einen schweren Dämpfer erlitten. Helfen würde es, wenn Kölliker sein Konzept offen vorlegt.

DEB-Präsident Harnos lässt sich durch das "groteske Spiel" gegen Norwegen nicht abbringen. Er hält am Schweizer fest. "Man sollte nicht aufgrund eines völlig misslungenen Spiels die Qualitäten eines Jakob Kölliker infrage stellen", sagte Harnos.

Rückendeckung erhält der Bundestrainer auch aus dem Team. So sagt Christoph Schubert: "Ich glaube schon, dass er bleibt und würde mir das auch wünschen."

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