Dennis Endras hütet seit 2011 das Tor bei Helsingfors IFK in Finnland © getty

Dennis Endras ist bei der WM wieder der große Rückhalt im Team. Dabei hat der DEB-Goalie ein turbulentes Jahr hinter sich.

Aus Stockholm berichtet Rainer Nachtwey

Stockholm - Johan Franzen schüttelte einfach nur den Kopf.

Immer wieder blickte er zum Videowürfel an die Decke, doch eine Zeitlupe, die Aufschluss geben sollte, wie der schwedische NHL-Stürmer um sein Tor gebracht wurde, erschien nicht.

"Irgendwie habe ich den Arm noch dazwischen gebracht", erklärt Dennis Endras im Gespräch mit SPORT1 seine spektakuläre Parade gegen Schweden, als er Franzens Schuss ins leere Tor mit einem Sprung noch irgendwie abfing.

"Ich habe nur noch versucht, dass er mich irgendwie anschießt." ( 553850 DIASHOW: Die Spiele Deutschlands )

Topform nach turbulenter Spielzeit

Es war nur einer von zahlreichen spektakulären Saves, die Dennis Endras gegen die Tre Kronor ablieferte. (DATENCENTER: Der WM-Spielplan)

Der Keeper aus dem Allgäu ist zum Saisonhöhepunkt der deutschen Nationalmannschaft wieder in Topform - und das nach einer äußerst turbulenten Spielzeit bei drei Teams.

Im Sommer wagte er den Sprung über den großen Teich zu den Minnesota Wild. "Ich bin rüber gegangen, weil ich es schaffen wollte und mir große Ziele gesetzt habe", berichtet Endras.

Doch nach dem Trainingscamp folgte die Enttäuschung. "Ich wurde ins Farmteam in die American Hockey League nach Houston geschickt", erzählt der 26-Jährige über seine Zeit in Nordamerika.

Aber auch bei der zweiten Garde der Wild fand Endras wenig Beachtung. "Dort habe ich nicht die gewünschte Eiszeit bekommen und den Wunsch nach einem Wechsel geäußert."

Option Helsinki genutzt

An einen Ligakonkurrenten wollte ihn Minnesota nicht abgeben, daher blieb nur die Option zurück nach Europa. Bereits einen Tag später lag ihm ein Angebot aus Helsinki vor.

"Ich habe sofort ja gesagt. 20 Stunden später saß ich im Flieger", berichtet der WM-MVP von 2010 über den dritten Teamwechsel binnen drei Monaten.

Zuvor galt es jedoch noch innerhalb der kurzen Zeit, die alltäglichen Dinge zu regeln. "Ich musste noch mein Auto verkaufen und die Wohnung auflösen. Vom Verein gab es leider keine Unterstützung."

[image id="2791359b-6453-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

In der finnischen Hauptstadt fand er bei Meister IFK dann sein Glück. "Sportlich wie menschlich war es eine super Erfahrung für mich, eine schöne Zeit."

"Menschen haben mir sehr geholfen"

Das Umfeld im kalten Norden war weit wärmer als im heißen Texas, unterstütze ihn bei sprachlichen Problemen. "Die Menschen dort haben mir immer sehr geholfen: Mitspieler, Nachbarn waren immer für mich da und sehr hilfsbereit."

Und nicht nur menschlich auch sportlich entwickelte sich der 26-Jährige weiter. Er erhielt das Vertrauen des Trainers und jede Menge Eiszeit. "Sportlich war es ein super Jahr für mich. Die Liga ist unglaublich stark - technisch, läuferisch extrem gut. Finnland ist nicht umsonst Weltmeister. Sie wollen dieses Jahr den Titel unbedingt verteidigen - gerade bei einer WM im eigenen Land."

"Eis-Titan" 2010

Endras weiß, wie es ist, eine WM im eigenen Land zu spielen. Die Heim-WM und vor allem die Auszeichnung zum wertvollsten Spieler hatten ihn ins Rampenlicht katapultiert, der Begriff des "Eis-Titan" entstand.

"Das war eine Riesensache. Dass mal ein deutscher Spieler bei einer WM diese Auszeichnung bekommt, ist unglaublich. Es spielen einfach so viele Superstars bei einer WM mit", sagt Endras. "Ohne diesen Titel wäre ich wahrscheinlich nie in Nordamerika gelandet oder in Finnland. Das war schon wegweisend für mein Leben!"

[kaltura id="0_30wnsqpv" class="full_size" title="Maske mit Bedeutung"]

Großer Zusammenhalt im DEB-Team

Die Nationalmannschaft hat für Endras weiterhin eine enorme Bedeutung. "Ich habe nirgends so viel Spaß beim Eishockey wie bei der Nationalmannschaft", sagt er. Die Truppe ist eng zusammen, auch wenn man sich lange nicht zu sehen bekommt.

Mit Marcel Müller und Korbinian Holzer, die in Toronto spielen und aufgrund der AHL-Playoffs die WM verpassen liefert er sich einen "Video-Battle" über Facebook. "Das ganze Jahr beschießen wir uns schon."

Das Verhältnis zu seinen Mitspielern geht über Teamkollegen hinaus. "Wir sind alle Freunde", sagt Endras. So ist es nicht verwunderlich, dass er nach der WM mit den Nationalspielern Florian Kettemer und Benedikt Kohl, die bei der WM nicht teilnehmen, gemeinsam in Urlaub fährt.

Traurige Erinnerungen an Dietrich

Aber mit der Nationalmannschaft verbindet Endras auch traurige Erinnerungen. Den Verlust seines Freundes Robert Dietrich, der bei dem tragischen Flugzeugabsturz von Jaroslawl im September sein Leben verlor.

Extra fürs DEB-Team hat Endras sich eine Torwartmaske mit einem speziellen Design anfertigen lassen. Am Hinterkopf trägt er ein Konterfei Dietrichs inklusive des Spruchs "Wir werden dich nie vergessen".

"Ich habe sein Bild auf meiner neuen Torhütermaske hinten drauf, weil ich möchte, dass er weiter bei uns ist", sagt Endras und blickt dabei gedankenverloren zu Boden.

"Muss noch heute mit den Tränen kämpfen"

"Didi hat vor einem Jahr noch an unserer Seite gekämpft, war immer fröhlich - und jetzt ist er nicht mehr da. Wenn ich daran denke, muss ich auch heute noch mit den Tränen kämpfen."

Mit Dietrich auf dem Hinterkopf läuft Endras in Stockholm wieder zu Hochform auf und könnte für die Späher aus Nordamerika erneut interessant werden.

"Der Traum von der NHL besteht nach wie vor. Vielleicht bekomme ich noch mal die Chance und kann sie dann nutzen", sagt Endras, dessen Vertrag bei den Wild am 30. Juni ausläuft.

Eines schließt er jedoch aus. Ein Engagement in der AHL komme für ihn nicht mehr in Frage.

Angebote aus ganz Europa

"Ich unterschreibe nur einen Ein-Wege-Vertrag", gibt sich der DEL-Finalist von 2010 mit den Augsburger Panther selbstbewusst.

Angebote aus ganz Europa liegen ihm bereits vor, verrät Endras.

Hält er weiter so stark und spektakulär wie beim Save gegen Franzen, werden noch einige dazukommen.

Weiterlesen