Andree Welge gewann 1991 mit den German Masters sein erstes großes Turnier © getty

Im SPORT1-Interview erklärt Andree Welge seinen Fluch bei der WM in London, die Favoriten, Taylors Rolle und seine Chancen.

München - Es gibt Orte, an denen man sich einfach nicht wohlfühlt. Manchmal weiß man nicht mal warum.

Auch Andree Welge kennt das, doch zu seinem Leidwesen handelt es sich bei ihm um den Alexandra Palace in London.

Der "Ally Pally" ist der alljährliche Austragungsort der Darts-WM (Fr., ab 20 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVESTREAM) und damit für einen Darts-Profi der denkbar ungünstigste Ort für das persönliche Waterloo. (SPORT1-SHOP: Alles zum Darts)

Noch nie in London gewonnen

Andree Welge zählt zu den besten deutschen Darts-Spielern und hat auch auf internationaler Ebene schon einige Erfolge vorzuweisen, doch wenn es nach London geht, scheint sein Talent wie weggeblasen.

"Leider fühle ich mich in England meistens eher unwohl. Ich hoffe für dieses Jahr, dass ich im richtigen Moment in Fahrt komme und ein gutes Feeling kriege", sagte Welge im Gespräch mit SPORT1.

Denn wenn er dieses Feeling bekommen sollte, denn "jeden kann man schlagen, wenn man richtig gut drauf ist".

Im SPORT1-Interview spricht er über seinen Auftakt-Gegner, seine Trainingseinheit mit Max Hopp und seine Favoriten.

SPORT1: Herr Welge, zum WM-Start geht?s gegen Julio Barbero. Wie gut kennen Sie ihn und beurteilen Sie Ihre Chancen?

Andree Welge: Ich kenne Barbero eigentlich gar nicht. Ich habe ihn noch nie gegen ihn gespielt und ihn auch nie spielen sehen. Von daher kann ich ihn überhaupt nicht einschätzen. Es ist aber auch nicht so entscheidend, was der Gegner macht. Viel entscheidender ist, was man selbst macht. Auf der sehr kurzen Distanz wird sich zeigen, wer besser ins Spiel kommt und wer von uns beiden das Spiel auf der Bühne besser genießen kann.

SPORT1: Sollten Sie weiterkommen, würden Sie auf Andy Hamilton treffen. Ist das noch ein zusätzlicher Anreiz?

Welge: Welcher Gegner danach kommt, ist im Prinzip egal. Wenn man richtig gut drauf ist, ist es egal, was der Gegner macht, dann hat er keine Chance. Falls ich weiterkomme würde, wäre Andy Hamilton aber ein sehr gutes Los für mich. Ich habe schon viermal gegen ihn gespielt und mit zwei Siegen und zwei Niederlagen eine ausgeglichener Bilanz gegen ihn.

SPORT1: Sie haben schon mehrmals bei der WM mitgespielt, konnten aber ihre Topform häufig nicht abrufen. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass es in diesem Jahr besser klappt?

Welge: Wenn ich das mal wüsste (lacht). Für mich ist das immer wieder eine Überraschung. Leider fühle ich mich in England meistens eher unwohl. Dann fällt es mir schwer, ins Turnier reinzukommen. Für uns Deutsche ist es doch relativ ungewohnt auf solch einer Bühne. Ich weiß aber, dass das nach einer gewissen Anlaufzeit geht. Ich habe mal gegen Collin Lloyd gespielt und die ersten zwei Sets, wie so oft, halb verpennt. Dann fing es an, mir Spaß zu machen. Ich hoffe für dieses Jahr, dass ich im richtigen Moment in Fahrt komme und ein gutes Feeling kriege.

SPORT1: Die WM ist also nach wie vor etwas besonderes?

Welge: Total! Im Vorfeld geht ja mittlerweile auch schon was in Deutschland ab. Dank SPORT1 ist es ja auch so, dass Darts hier relativ populär geworden ist. Man wird ja auch von vielen Leuten, Nachbarn, Kollegen, teilweise auch von wildfremden Menschen, angesprochen. Da merkt man schon, dass die WM das Turnier der Turniere ist. Allein die Tatsache, im Mutterland des Darts zu spielen ist schon was Besonderes.

SPORT1: Bereitet man sich auf eine WM noch intensiver vor als sonst?

Welge: Durch Beruf und Familie bin ich leider zeitlich eingeengt. Aber seitdem ich weiß, dass ich qualifiziert bin, habe ich jeden Tag gespielt. Leider nicht besonders lange, aber immer so lange wie möglich. Auch wenn es nur zehn Minuten waren, war es wichtig, jeden Tag zu spielen, um einen Automatismus in meinen Wurf zu bekommen. Leider bin ich einer, der im Sommer einen Monat lang keinen Pfeil in die Hand nimmt. Das merkt man dann schon, wenn man wieder anfängt, dass es ungewohnt ist und man sich wieder reinkämpfen muss.

SPORT1: Sie bereiten sich ja auch mit anderen Deutschen wie Max Hopp vor. Ist es üblich sich vor Turnieren gemeinsam vorzubereiten?

Welge: Max (Hopp, Anm. d. Red.) ist zwischen Terminen in Essen und Münster nach Bremen gekommen. Wir haben in Bremen das Glück unheimlich viele gute Dartsspieler zu haben. Tomas Seiler und Jyhan Artut kommen beide aus Bremen, da hat man schon gute Trainingsmöglichkeiten. Es ist aber nicht so, dass wir uns jeden Tag treffen und spielen. Dieses Mal haben wir uns alle Vier abends getroffen und vier, fünf Stunden gespielt. Das ist auf alle Fälle eine bessere Vorbereitung auf die WM, als allein zu Hause zu trainieren und die Pfeile stumpf gegen das Board zu werfen.

SPORT1: Der große Favorit Phil Taylor hat eine überragende Saison gespielt. Glauben Sie, dass ihm irgendjemand gefährlich werden könnte?

Welge: Gefährlich können ihm viele werden. Aber ich bin der Meinung, dass er das Turnier auf jeden Fall gewinnen wird. Er spielt über 20 Jahre Darts auf Top-Niveau. Immer wenn jemand an ihn rankommt, schafft er es, eine Schippe draufzulegen. Van Gerwen gehört für mich aber auch zum Favoritenkreis, auch Adrian Lewis, der dieses Jahr sehr gut spielt. Aber bei der WM geht es über eine lange Distanz, und die beherrscht Taylor einfach am besten. Daher ist er für mich, wie für viele andere auch, der Favorit. Ich glaube schon, dass er das Turnier gewinnt.

SPORT1: Was haben Sie sich selbst als Ziel gesetzt?

Welge: Ziele setze ich mir vorher nicht. Ich weiß, dass, wenn ich einen guten Tag erwische, jeden schlagen kann. Auf die lange Distanz wird es natürlich für einen Außenseiter schwieriger, das Top-Niveau und die Konzentration zu halten. Aber machbar ist alles. Mein Ziel ist fürs Erste, die Vorrunde zu überstehen. Das wäre für mich ein Erfolg, weil ich noch nie auf der Bühne gewonnen habe. Alles ist möglich. Jeden kann man schlagen, wenn man richtig gut drauf ist. Man kann es schaffen unter die letzten Acht zu kommen. Aber irgendwann wird Schluss sein. Spätestens gegen Taylor. In dem Fall wohl Vizeweltmeister, das wäre doch ein schönes Ziel (lacht).

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