Einer der großten Kämpfe von Felix Sturm war im Juni 2004 gegen Oscar de la Hoya © getty

Nach seinem Sieg gegen Barker kontert Sturm die Kritiker und spricht von Genugtuung. Der Rückkampf ist fraglich.

Aus Stuttgart berichtet Christoph Lother

Stuttgart - Es war spät in der Nacht, die Pressekonferenz schon in vollem Gange, als Felix Sturm noch einmal sein Handy zückte.

Mit einem breiten Grinsen saß der Boxprofi auf dem Podium im Bauch der Stuttgarter Arena und fotografierte seinen eigenen WM-Gürtel.

Er habe auch eine Glückwunsch-SMS von Fußball-Star Edin Dzeko (Manchester City) erhalten, berichtete der Mann mit den bosnischen Wurzeln stolz. Und sein Grinsen wurde noch breiter.

Keine Frage: Der Sieg durch technischen K.o. in der zweiten Runde gegen den Briten Darren Barker (Bericht) war nicht nur einer der beeindruckendsten, sondern auch der wichtigste in Sturms bisheriger Karriere.

Als erster deutscher Boxer überhaupt krönte sich der gebürtige Leverkusener zum vierten Mal zum Weltmeister - und strafte all seine Kritiker Lügen.

Kritisierter Sturm verspürt Genugtuung

"Ich habe mich nie von der Außenwelt beeinflussen lassen, keine Zeitungen gelesen und den Fernseher nicht angemacht", betonte der sichtlich erleichterte Sturm nach seinem 39. Sieg im 45. Profikampf. ( 818247 DIASHOW: Die Bilder des Kampfes )

Dass dem Duell mit IBF-Champion Barker im Vorfeld richtungsweisender, ja geradezu finaler Charakter beigemessen wurde, war dem 34-Jährigen offenbar aber nicht entgangen.

"Ich denke, ich habe es allen Leuten gezeigt, die meinen, Ahnung vom Boxen zu haben", sagte Sturm, dem im Falle einer Niederlage viele zum Rücktritt geraten hätten.

Auch oder gerade deshalb sei dieser überdeutliche Sieg gegen Barker eine "Genugtuung für mich, mein Team und meine Familie" gewesen: "Die Umstellung, ob im Training oder von der Einstellung her, hat sich ausgezahlt."

Tiefpunkt gegen Soliman

Zwar habe er nie an eine Niederlage, geschweige denn ein vorzeitiges Karriereende gedacht, versicherte Sturm.

Spurlos an ihm vorbeigegangen waren die zurückliegenden Monate mit all ihren Tiefschlägen aber nicht.

"Der Kampf gegen Sam Soliman war der schlechteste meiner Karriere", gestand Sturm und berichtete: "Danach kam eine SMS nach der anderen, das ganze Team hat an mich geglaubt."

Außerdem müsse "jeder mal durch solche Zeiten durch", betonte Sturm: "Auch ein Tyson, Ali oder Schmeling. Das gehört in diesem Sport einfach dazu."

"Es gehen noch ein paar gute Jahre"

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Es war kein Anflug von Überheblichkeit, dass Sturm sich ausgerechnet mit den Größten der Boxgeschichte verglich.

Vielmehr ein Beleg seines zurückgekehrten Selbstvertrauens, des Glaubens an die eigene Stärke.

Immerhin ist Sturm der erste Mittelgewichtler der Historie, der viermal Weltmeister wurde. Und: Der 34-Jährige ist noch lange nicht satt.

"So wie ich mich momentan fühle, gehen noch ein paar gute Jahre. Zehn bis zwölf gute Kämpfe bestimmt", kündigte er an.

Sturm fegt über Barker hinweg

Seine Fans, die ihn im Ring zuvor schon minutenlang gefeiert hatten, dürften das gerne hören.

Mit einem wahren Feuerwerk an Volltreffern hatte Sturm gegen den sichtlich überraschten Barker den WM-Titel und auch die Gunst des zuletzt immer skeptischeren Publikums zurückerobert.

"Er hat anders geboxt als in den Kämpfen, die ich von ihm gesehen habe", erklärte Sturm zwar: "Ich musste noch etwas näher an den Körper gehen, damit die Rechte auch richtig kommt."

Doch das schien kein größeres Problem zu sein, die Rechte kam.

Barker renkt sich Hüfte aus

Seinem geschlagenen Gegenüber, der mit Hüftproblemen ins Krankenhaus gebracht werden musste, wünschte Sturm, "dass er schnell wieder auf die Beine kommt".

Wie sich herausstellte, hatte sich Baker die Hüfte ausgerenkt.

Sein Trainer Tony Sims befürchtet jedoch, dass seinem Schützling nach Operationen an beiden Hüften im Jahr 2010 nun das Karriereende droht. "Es ist ein Desaster. Ich glaube nicht, dass man ihn nochmal im Ring sehen wird."

Rückkampf wird unwahrscheinlich

Der Rückkampf in London, den sich Baker im Falle einer Niederlage hatte vertraglich zusichern lassen hatte, wird damit äußerst unwahrscheinlich - auch wenn ihn der Deutsche gerne bestreiten würde.

Falls Bakers Gesundheit nicht mitspiele, gebe es genug andere Optionen, sagte Sturm: "Vereinigungskämpfe oder Rematches gegen den einen oder anderen Boxer, mit dem ich noch eine Rechnung offen habe. Vielleicht gehe ich auch eine Gewichtsklasse hoch."

Nur eines wird er sicherlich nicht tun: Aufhören.

Im Gegenteil: Anscheinend ist Sturm im Herbst seiner Karriere noch einmal so richtig auf den Geschmack gekommen.

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