Fritz Sdunek (l. u.) trainiert seit 1996 Vitali Klitschko © SPORT1

Wie muss ein Klitschko-Gegner geschaffen sein? Sdunek und Wegner zeichnen bei SPORT1 das Profil des perfekten Herausforderers.

Von Martin Jahns und Rainer Nachtwey

München - Einmal mehr geht die Boxwelt mit Bauchschmerzen aus einem Schwergewichtssamstag der Klitschkos.

Mit Alexander Powetkin stellte sich ein vielversprechender Herausforderer - mit einem klaren Punkt-Sieg beseitigte Wladimir Klitschko alle Zweifel an der Dominanz der ukrainischen Brüder (Bericht) .

Ulli Wegner bringt es bei SPORT1 auf den Punkt: "Vor dem Kampf war das Interesse des Boxpublikums groß. Man hat hohe Erwartungen gehabt. Aber für mich war der ganze Kampf enttäuschend."

Vitalis Coach Fritz Sdunek geht bei SPORT1.fm sogar noch weiter: "Klitschko war übermächtig, hat Powetkin aussehen lassen wie einen kleinen Jungen. Man hat nicht gesehen, dass sich da zwei Olympiasieger gegenüberstanden."

Schlagabtausch unerwünscht

Dabei trauten Powetkin nicht wenige zu, nach den zuletzt chancenlosen Francesco Pianeta, Mariusz Wach, Tony Thompson und Jean Marc Mormeck eine ernsthafte Gefahr zu sein - gerade vor eigenem Publikum in Moskau mit der Unterstützung des allmächtigen Wladimir Putin.

Doch Klitschko zeigte einmal mehr die große Stärke der weltmeisterlichen Brüder.

"Die Klitschkos wissen, wie man einen Kampf unterbindet", erklärte Sdunek: "Es ist das kluge Boxen aus der langen Distanz. Dass sie nicht den wilden Schlagabtausch suchen und die Leute ins Leere laufen lassen."

Seit mehr als neun Jahren, als Lamon Brewster Wladimir auf die Bretter schickte, sind die Klitschkos mit diesem disziplinierten, oftmals unspektakulären Boxstil unbesiegt.

Alle wichtigen Schwergewichtsgürtel teilen sie unter sich auf.

Wladimir nicht ohne Schwächen

Dabei sieht Wegner durchaus Ansatzpunkte, um vor allem Wladimir gefährlich werden zu können.

"Auf der langen Distanz boxt er hervorragend, aber in der Halbdistanz ist er völlig unsicher", stellt die Trainerlegende fest. Diese Unsicherheit resultiere aus den drei drei Knock-Outs gegen Ross Puritty, Corrie Sanders und Brewster. "Er ist kein harter Nehmer", weiß Wegner.

Dynamisch und explosiv

Eine Schwäche wäre also ausgemacht - aber wer könnte sich diese zunutze machen? Welche Voraussetzungen muss ein Gegner der Klitschkos mitbringen, um sie zu besiegen?

Die Beinarbeit eines Muhammad Alis? Die Explositvität eines Mike Tysons? Die Schlaghärte eines George Foreman? Das taktische Geschick eines Evander Holyfield?

"Er müsste boxerisch sehr gut sein, sehr dynamisch, sehr explosiv. Und er müsste annähernd die anatomischen Parameter der Klitschkos haben", glaubt Sdunek, um dann jedoch zu einem ernüchternden Schluss zu kommen: "Da gibt es keinen."

Selbst der große Lennox Lewis habe lieber aufgehört, als sich Vitali im versprochenen Rückkampf zu stellen.

Das Interview mit Fritz Sdunek auf SPORT1.fm

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Kandidaten "ohne Chance"

Als Weltranglistenerste ihrer Verbände sind nun Denis Boizow, Kubrat Pulev und David Haye die aussichtsreichsten Kandidaten für die nächste Titelverteidigung (Bericht).

Doch sowohl Wegner als auch Sdunek glauben nicht an eine Wachablösung.

"Im Moment sehe ich keinen, der ihnen das Wasser reichen kann. Ob Pulev oder Boizew oder Deontay Wilder. Sie würden keine Chance haben", ist sich Sdunek sicher.

Box-Krise in den USA

Erschwert wird die Suche nach einem Kampf, der die Boxwelt endlich wieder elektrisiert, durch die Krise des Schwergewichtsboxens in der einstigen Star-Schmiede USA.

"Frazier, Ali, Foreman, Holyfield - das waren Ausnahmen", sagt Wegner, der heute vor allem Weltklasse-Trainer vermisst: "Um jemanden an die Spitze zu bringen, gehört viel dazu. Man braucht unwahrscheinliche fachliche und psychologische Fähigkeiten, dazu unglaublich viel Fingerspitzengefühl."

Zudem bietet das Boxen in den USA heute schlicht zu wenig Anreiz für junge Athleten.

"Solche super Schwergewichtler, die es mal in den USA gab, gibt es heute nicht mehr. Die gehen lieber zum American Football oder zum Baseball", glaubt Sdunek. Dort winke das große Geld, und es ist "sicherlich nicht so hart wie zu boxen".

Vor allem, wenn als Gegner die Klitschkos warten.

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