Der Halbschwergewichtler Jürgen Brähmer ist seit 1999 Profi-Boxer © imago

Brähmer nutzt beim Sieg gegen Gutknecht seine wohl letzte Chance. Im Sommer wartet ein WM-Fight. Wegner fällt durch Sprüche auf.

Berlin - Aus dem Cut über dem rechten Auge sickerte das Blut, Stirn und Wangen waren mit Blessuren übersät, doch Jürgen Brähmer lachte die Schmerzen einfach weg.

Das "Jahrhunderttalent" war nach seinem furiosen Comeback-Kampf um die Europameisterschaft gegen Eduard Gutknecht einfach nur happy. (NEWS: Brähmer neuer Europameister)

Gutknecht-Trainer Ulli Wegner indes erhob im Anschluss schwere Vorwürfe, das stallinterne Duell sei abgesprochen gewesen. Trotz des Eklats gab es keine Konsequenzen für den Star-Trainer.

"Ich denke, Ulli Wegner wird einsehen, dass er mit seinen Äußerungen über die Stränge geschlagen hat", meinte Stall-Chef Wilfried Sauerland.

Wegner entschudligte sich am Sonntagabend: "Ich muss zugeben, dass die Emotionen mit mir durchgegangen sind."

Brähmer "überglücklich"

Brähmer indes genoss seinen Erfolg. "Ich bin überglücklich. Eddy hat mir alles abverlangt. So einen Kampf hat es lange nicht mehr in Deutschland gegeben", sagte er nach der turbulenten Ring-Schlacht über zwölf Runden.

Der Schweriner zeigte endlich wieder seine gefürchteten Schlagkombinationen und siegte einstimmig nach Punkten (114:113, 116:114, 117:110). (ÜBERSICHT: Alles zum Boxen)

Zur Belohnung darf er im Sommer gegen Titelträger Nathan Cleverly (England) oder Robin Krasniqi um den WM-Titel der WBO kämpfen.

"Es fehlte Spritzigkeit"

"Bis dahin muss ich aber noch einiges tun. Es fehlte manchmal die Spritzigkeit", sagte Brähmer selbstkritisch.

In der Tat musste der Rechtsausleger gegen Gutknecht in den ersten Runden einige Kracher einstecken, in der vierten Runde riss der Cut über der Augenbraue auf.

Ab der siebten Runde zeigte der Herausforderer jedoch größeres Stehvermögen und setzte die Schläge präziser.

"In den wichtigen Situationen war es Jürgen, der den Kopf oben hielt", sagte TV-Experte und Ex-Champion Henry Maske.

Brähmer wirkt gereift

Im reifen Alter von 34 Jahren nutzte Brähmer seine wohl letzte Chance, um noch einmal ganz nach oben zu kommen.

Im Herbst seiner Karriere wirkt der junge Familienvater gereift. Vergessen scheint die Zeit, als er wegen Körperverletzung, Raub und Unfallflucht im Knast saß.

Vergessen scheinen auch die Querelen um seinen früheren Arbeitgeber Universum, als er nach drei Kampfabsagen in Serie 2011 seinen WM-Titel verlor.

Lob für Coach Röwer

Als positiv erwies sich für Brähmer die Rückkehr zum Berliner Stall von Wilfried Sauerland, bei dem er einen Dreijahresvertrag unterschrieben hat.

Dort wird er wieder von Karsten Röwer trainiert, der ihn 1996 schon zum Juniorenweltmeister formte.

"Die Zusammenarbeit mit Karsten war so, wie ich es mir vorgestellt hatte", sagte der Ex-Weltmeister.

Gutknecht nicht gut genug

Rivale Gutknecht musste einsehen, dass er dem boxerischen Vermögen Brähmers im internen Stallduell nicht gewachsen war. In der entscheidenden Phase kam zu wenig vom Titelverteidiger.

"Ich wollte ihn K.o. schagen, doch dazu hat mir die nötige Konzentration gefehlt", sagte der 30-Jährige.

Der gebürtige Kasache fiel zudem mehrmals durch unsauberes Boxen auf und musste einen Punktabzug hinnehmen.

"... dass hier beschissen wird"

Für Aufsehen sorgte Wegner, der vor laufender TV-Kamera durch deplatzierte Kommentare in der Ringecke verblüffte.

Mit Aussagen wie "Es geht um deine Existenz" und "Zeig, dass du ein Mann bist" versuchte er einen Schützling zu motivieren. Als die Lage hoffnungslos schien, holte der Meistertrainer zum verbalen Tiefschlag aus.

"Kämpfe endlich, dass die auch alle wissen, dass hier beschissen wird", sagte der 70-Jährige und brachte damit den Verdacht der Stallregie zum Ausdruck.

"Dann gehe ich eben in Rente"

Wegner verteidigte zunächst seinen Standpunkt.

"Natürlich bin ich denen von Sauerland damit auf die Füße getreten. Aber bislang hat sich deshalb bei mir noch keiner gemeldet. Und wenn es kracht, das ist mir auch egal. Dann gehe ich eben in Rente", sagte Wegner am Sonntag und holte weiter aus:

"Ich habe nie etwas gegen das Urteil gesagt. Nur wie in den ersten Runden gepunktet wurde, war nicht okay. Das geht nicht. Ich habe im Anschluss noch nie so viele Anrufe bekommen. Die Fans sind auf meiner Seite."

Auch Gutknecht fühlte sich falsch beurteilt: "Der Sieg ging an den größeren Namen."

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