2007 erkämpfte Firat Arslan per Punktsieg gegen Virgil Hill in Dresden den WBA-Titel © getty

Der Huck-Herausforderer gilt mit 42 als einer der fittesten Boxer - eine Folge herber Rückschläge. Er setzt auf Willenskraft.

Halle/Westfalen - Wie ein Löwe seine Beute fixiert Firat Arslan den Boxsack. Er schaut, geht in Deckung - und fällt dann blitzschnell über das baumelnde Ungetüm her. Baff, baff, baff.

Immer und immer wieder drischt er mit brachialer Gewalt darauf ein. Der Box-Bulldozer ist in seinem Element, quält sich, erreicht und überschreitet die Schmerzgrenze.

Doch kein Jammern ist zu vernehmen, einzig die dumpfen Geräusche des Schlaghagels erfüllen den kalten Raum mit einem monotonen Rhythmus.

Zarte Schweißperlen bahnen sich nach einer weiteren kräftezehrenden Einheit ihren Weg über das markante Gesicht.

Auch mit 42 einer der Durchtrainiertesten

"Ich bin 42 Jahre alt geworden, aber ich bin willensstark und glaube daran, dass ich Weltmeister werde", gab der Cruisergewichtler Arslan selbstbewusst, aber mit ruhiger Stimme vor dem WBO-Titelkampf gegen Weltmeister Marco Huck am Samstag in Halle/Westfalen (23.35 Uhr) unmissverständlich zu verstehen. (Huck ätzt gegen "meine Freundin Wladimir")

Angesichts der Tatsache, dass der muskelbepackte Oldie auch im Herbst seiner Karriere noch zu den durchtrainiertesten Boxern zählt, ist diese Kampfansage nachvollziehbar.

Arslan weiß, dass er gerade wegen seines fortschreitenden Alters nur topfit eine Chance gegen den 27 Jahre alten Titelverteidiger hat.

Knapp 160 Sparringrunden

"Ich habe mehr Sparringseinheiten absolviert als jemals zuvor", sagte der in Bayern geborene Faustkämpfer mit türkischen Wurzeln.

Vor der vielleicht letzten Chance auf einen Titel ist er mit seinem angestammten "Trainerteam mit viel Herzblut" auch deshalb noch einmal neue Wege gegangen. Ein spezieller Sandsack musste her, knapp 160 Sparringrunden wurden absolviert.

Die Trainingsmaschine Arslan lief mal wieder auf Hochtouren - nicht, weil er diese Schindereien unbedingt wollte, sondern weil er musste.

Spätstarter mit ungeschliffenem Boxstil

Denn nach zahlreichen verletzungsbedingten Rückschlägen - unter anderem entging Arslan vor drei Jahren nur knapp dem Rollstuhl - hatte er auch konditionell mächtig Aufholbedarf. Aber der Reihe nach.

Erst mit 19 Jahren führt den gelernten Konstruktionsmechaniker und gläubigen Moslem der Weg ins Seilgeviert. Für viele Fachleute deutlich zu spät, weshalb er von zahlreichen Profis zunächst nur als Edel-Sparringspartner für ein vergleichsweise geringes Taschengeld gebucht wird.

Der wegen seines ungeschliffenen Boxstils vielerorts belächelte Arslan kämpft sich trotzdem von den kleinen Sporthallen in die hochmodernen Arenen der Republik hoch.

Beim Radfahren von Traktor erfasst

2007 winkt dann die erste Möglichkeit, den Boxthron zu besteigen. Mit riesigen Bergen Pasta und ohne seine heißgeliebten Crepes mit Schokocreme bereitet er sich auf den Kampf vor, wird zunächst Interims-Champion und kurze Zeit später zum ersten Mal WBA-Weltmeister.

In einer blutigen Schlacht verliert er den Gürtel wieder - es ist der Anfang einer langen Pechsträhne.

Bereits 2009 hätten sich Arslans und Hucks Fäuste kreuzen sollen, doch ein Ermüdungsbruch im Fuß verhinderte den EM-Kampf in letzter Minute. Nur wenige Monate später folgte dann der nächste Schock, als Arslan beim Radfahren in den Alpen von einem Traktor erfasst wurde und sich überschlug.

"Ich boxe auf Sieg"

"Da habe ich zuerst gedacht, dass ich im Rollstuhl ende. Aber zum Glück bin ich glimpflich avongekommen", sagte Arslan, dessen Nachname "Löwe" bedeutet.

Rein zufällig ist "Braveheart" der Lieblingsfilm des Stehaufmännchens, Arslan wird nicht zuletzt wegen dieser Nehmerqualitäten sehr respektiert.

"Er ist stark, robust und konditionell ganz oben mit dabei", beschrieb Titelträger Huck seinen Herausforderer im Vorfeld, das eher von Kuscheln statt von Keilen geprägt war. Trotzdem will der Löwe am Samstag wieder zubeißen: "Ich boxe auf Sieg, ich will gewinnen."

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