Markus Rehm gewann bei den Paralympics in London Gold im Weitsprung © getty

Paralympics-Sieger Markus Rehm spricht im Interview über seine Leistungssteigerung und die Neid-Debatte im deutschen Team.

Von Michael Spandern

München - Markus Rehm ist zurück im Alltag.

Nach einem kleinen Empfang trat der Paralympics-Sieger am Dienstag wieder seinen Job als Orthopädie-Mechaniker bei der Firma Rahm in Troisdorf an.

Dabei lagen die Spiele von London, bei denen er die Weitsprung-Konkurrenz mit neuem Weltrekord von 7,35 Meter deklassiert und zudem Bronze mit der 4x100-m-Staffel geholt hatte, erst zwei Tage hinter dem 24-Jährigen.

Kolumne bei SPORT1

Seit langer Zeit hatte der Leverkusener, dessen rechter Unterschenkel vor zehn Jahren nach einem Wakeboard-Unfall amputiert werden musste, auf die Paralympics hin trainiert und in seiner SPORT1-Kolumne "Road to London" darüber berichtet.

Nun spricht Rehm im SPORT1-Interview über seine enorme Leistungssteigerung, seine Prothesen und den Techno-Zoff im deutschen Team. Und er verrät, dass er gerne auch bei den Nicht-Behinderten starten würde.

SPORT1: Herr Rehm, Sie haben mit über einem Meter Vorsprung auf den Zweiten Wojtek Czyz Weitsprung-Gold gewonnen. Warum fehlt Ihnen ernstzunehmende Konkurrenz?

Markus Rehm: Da müssten Sie vielleicht mal die anderen Athleten fragen. Ich versuche den Sport sehr professionell anzugehen. Bei Wojtek Czyz ist das sicherlich auch so, aber er hat auch ein höheres Handicap als und kann daher auch nicht so weit springen. Die Konkurrenten in meiner Klasse haben keine besonders guten Weiten gesprungen. Ich weiß nicht, warum ihre Leistungen stagnieren.

SPORT1: Sie haben Ihren eigenen Weltrekord um 26 Zentimeter verbessert. Da stellt sich natürlich die Frage nach dem Warum.

Rehm: Ich habe einfach richtig gut trainiert, gerade im Winter sehr viel gemacht und meinen Job im letzten halben Jahr auf eine halbe Stelle reduziert. So konnte ich zweimal am Tag trainieren. Ich habe meine komplette Freizeit dafür geopfert.

SPORT1: Czyz kritisierte anschließend die Klassifizierung, durch die unterschiedlich schwer Behinderte in eine Wertung gepresst werden. Er sagte: "Ich hätte den Nicht-Behinderten-Weltrekord springen können und hätte nicht gewonnen!" Klingt nach einer irrsinnigen Regelung, zumal er Oberschenkel-amputiert ist.

Rehm: Ja, absolut. Ich habe schon vorher gesagt: Das ist eine Rechnung, die niemals aufgehen kann. Bei 6,50 m müsste ich einen Meter vor den Oberschenkel-Amputierten liegen, um zu gewinnen. Bei 7,12 m wendet sich aber das Blatt, da müssen die Oberschenkel-Amputierten sogar weiter springen. Das errechnet sich aus veralteten Weltrekorden. Wojtek hatte keine Chance zu gewinnen, aber trotz allem denke ich, dass er mehr hätte zeigen können. Wenn er sieben Meter gesprungen wäre, hätte ich die Medaille nicht haben wollen. Wenn ein Oberschenkel-Amputierter bis auf 30 Zentimeter an mich heranspringt, dann hat er die Goldmedaille verdient. Ich bin auf jeden Fall dafür, dass das IPC (Internationales Paralympisches Komitee, Anm. d. Red.) die Regelung noch einmal überdenkt oder einfach die Klassen trennt.

SPORT1: Vor dem 100-m-Rennen sagte Czyz dem späteren Sieger Heinrich Popow ins Gesicht, er sei ein "Techno-Doper", da er nicht jedem zugängliche Prothesen verwenden würde. Was hat Czyz zu Ihren selbst hergestellten Prothesen gesagt?

Rehm: Zu denen hat er gar nichts gesagt. Ich habe aber noch ein eigenes Kniegelenk und kein künstliches. Ich werde oft gefragt, was an meiner Prothese so besonders ist, weil ich so weit springe. Dabei ist meine Prothese eigentlich sehr einfach. Alle Teile, die ich eingebaut habe, sind Serienteile.

SPORT1: Wie sehr ärgert es Sie, dass solche Neid-Debatten vielfach die außerordentlichen Leistungen der deutschen Athleten überstrahlten?

Rehm: Ich denke, dass das IPC bei den Regeln noch viel zu tun hat. Man kann es natürlich keinem recht machen, aber der Zeitpunkt des Vorwurfs war sicher der falsche.

SPORT1: Warum ist die Akzeptanz, dass die Weiterentwicklung des Materials Teil des Sports ist, im Behindertensport anders als im Motorsport kaum verbreitet?

Rehm: Im Motorsport ging es schon immer um High Tech, im Behindertensport erst seit wenigen Jahren. Und Leichtathletik ist eigentlich ein sehr purer Sport, ohne viel Tuning. Das ist bei uns natürlich schwierig, weil wir auf die Prothesen angewiesen sind. Ich bin aber für Chancengleichheit, also dafür, dass nur Teile eingesetzt werden, die jeder kaufen kann. Sonst geht die Materialschlacht los und derjenige, der das meiste Geld hat, gewinnt.

SPORT1: Südafrikas Stelzen-Sprinter Oskar Pistorius war in London der erste behinderte Athlet, der bei Olympia starten durfte. Mit ihrem Weltrekord wären Sie im Juni bei den Deutschen Meisterschaften Achter geworden. Wie groß ist der Anreiz, bei den Nicht-Behinderten mitzumachen - eventuell sogar in Rio?

Rehm: Die Norm für Olympia lag bei 8,20 m, und davon bin ich noch ein ganze Stück entfernt. Ich denke, dass ich noch nicht am Ende angekommen bin und der Weltrekord nicht so lange Bestand hat. Ich würde gerne bei Wettkämpfen der Nicht-Behinderten mitspringen. Das wäre für unseren Sport sicher eine tolle Sache. Ich würde mich zwar nicht bei den Deutschen Meisterschaften einklagen wollen, aber man könnte mit dem Verband darüber sicherlich mal sprechen, ob ich außer Konkurrenz mitspringen darf oder kombinierte Wettkämpfe ausgetragen werden.

SPORT1: Die Paralympischen Spiele von London übertrafen bei den Besucherzahlen, aber auch bei der Berichterstattung alles bislang Dagewesene. Wie groß schätzen Sie die Nachhaltigkeit dieses Erfolgs ein?

Rehm: Ich hoffe einfach, dass wir das ein wenig transportieren können, gerade durch kombinierte Wettkämpfe. So könnten wir unseren Sport dem Zuschauer näher bringen. Und das würde auch der Nachwuchsförderung gut tun.

Weiterlesen