Vanessa Low berichtet in ihrer SPORT1-Kolumne von den harten Olympia-Vorbereitungen, ihrer Modenschau und einer starken Laufzeit.

Liebe Leichtathletik-Freunde,

mein letzter Bericht ist schon einige Zeit her und seitdem hat sich bei mir so einiges getan.

Abschließend zum Wintertraining war ich mit meiner Trainingsgruppe eine Woche im Trainingslager in Kienbaum und drei Wochen später für zwei Wochen in Portugal zur Vorbereitung auf die Wettkampf-Saison.

Mit Abstand zum Alltag und ohne Arbeit konnten wir hier perfekte Trainingsbedingungen genießen und unser Programm noch vertiefen.

Neben vielen harten Kraft- und Ausdauereinheiten stehen nun aber zunehmend mehr Technikeinheiten auf dem Trainingsplan. Aber es lief auf Anhieb alles überraschend gut. Es ist wohl doch noch einiges aus dem letzten Jahr hängen geblieben - zusammen mit dem Wintertraining kann ich darauf gut aufbauen.

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Zwischen den beiden Reisen stand allerdings noch ein ganz besonderer Termin auf meinem Plan: die Präsentation der deutschen Olympia bzw. Paralympics-Einkleidung.

Zusammen mit drei anderen paralympischen Athleten und zahlreichen Nichtbehinderten-Sportlern stellten wir also der Presse bei einer schönen und gut organisierten Show die Mode vor, die das deutsche Team in London tragen wird.

Dabei waren neben den landestypischen Farben Rot, Schwarz, Gold auch viele pinke und für die Männer blaue Kleidungsstücke dabei - das wird definitiv frischen Wind ins deutsche Haus bringen.

Die frischen jungen Farben werden aber sehr gut zu unserem vorraussichtlich jungen deutschen Team passen. Der kleine Ausflug in die Modewelt halt mir jedenfalls sehr Spaß gemacht und die Vorfreude auf die Paralympics in London definitv gesteigert.

Doch das Ticket dahin musste ich mir natürlich erstmal verdienen:

Im portugiesischen Monte Gordo konnte ich neben dem intensiven Training auch ein bisschen Urlaubsfeeling genießen. Anfänglich war das Wetter noch eher schlecht, aber nach ein paar Tagen hatten wir so tolles Wetter, dass ich den einen oder anderen Sonnenbrand hatte und schön gebräunt und erholt nach Hause reiste.

Gerade ein paar Tage zurück in Deutschland stand schon mein erster Wettkampf der Saison auf dem Plan.

Ich hatte mir hierzu die Kreismeisterschaften, die wie jedes Jahr in Leverkusen stattfinden, ausgesucht. Unter gewohnten Platzbedingungen und mit vielen bekannten Gesichtern fühlte ich mich sehr wohl und das konnte man auch an meiner Leistung sehen.

Ich nahm an dem Weitsprungwettkampf der Nichtbehinderten-Frauen teil - und da diese auf Grund meiner Behinderung doch um einiges weiter springen als ich, hatte ich leider nur drei Versuche. Diese jedoch konnte ich nutzen! Mit zwei Sprüngen knapp unter vier Meter und einem Sprung über 4,21 Meter war dies wirklich ein gelungener Saisonauftakt.

Die 4,21m waren sogar ein inoffizieller Weltrekord in meiner Schadenklasse.

Nur knapp Woche absolvierte ich beim Himmelfahrtssportfest in Köln meinen ersten 100 Meter Wettkampf in diesem Jahr an. Letztes Jahr konnte ich mich mit 17,3 Sekunden deutlich steigern, seitdem hatten meine Trainerin und ich keine Zeit mehr genommen.

Nach einigen Verzögerungen ging ich bei Gegenwind an den Start. Doch ich hatte mir vorgenommen, ohne jede Erwartung einer bestimmten Zeit ein gutes Rennen zu machen - die Zeit wäre zunächst zweitrangig.

Der Lauf war jedoch überraschend rund - bereits am Ziel war mir klar, dass ich mit meiner Leistung zufrieden sein konnte.

Als wir aber die Zeit erfuhren, übertraf das alle unsere Erwartungen: 16,46 Sekunden! Damit war ich aktuell auf Platz 3 in der Weltrangliste.

Ich hatte nie erwartet, gegen die einseitig amputierten Frauen über 100 Meter eine Chance haben zu können. Doch diese Zeit gab mir mehr Selbstvertrauen, und die Hoffnung auch über 100 Meter vorne mitlaufen zu können.

Alles in allem war dies jedenfalls ein durchaus gelungener Saisonauftakt und ich hoffe natürlich mich bis London noch um einiges steigern zu können.

Nur die Spritzigkeit fehlt aktuell natürlich noch komplett nach dem ganzen harten Wintertraining.

Ich freue mich aber bereits auf die kommenden Wettkämpfe.

Dieses Wochenende steht das Leichtathletik-Meeting in Hengelo auf meinem Plan, wo ich über 100 Meter und im Weitsprung starten werden.

Das war die letzten Jahre ein superschöner Wettkampf mit tollen Bedingungen und einem großen Publikum, das mich hoffentlich wieder zu Höchstleistungen pusht.

In diesem Sinne,

Eure Vanessa

Vanessa Low (21) aus Schwerin verlor im Alter von 15 Jahren bei einem Zugunfall beide Beine. Noch im Krankenbett fällte sie den Entschluss, im Behindertensport nach ganz oben zu wollen. Bei der IWAS-WM in Bangalore gewann sie 2009 die Goldmedaille im Weitsprung und Silber über die 100 Meter. Zudem hält sie den Weltrekord im Weitsprung (3,98 Meter). Beim TSV Bayer 04 Leverkusen wird Low von Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius trainiert. Ihr großes Ziel ist die Teilnahme an den Paralympics 2012 in London. In ihrer SPORT1-Kolumne berichtet sie regelmäßig über ihre Stationen auf dem Weg dorthin.

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