Jonas Reckermann (l.) erhielt 2012 gemeinsam mit Julius Brink auch das Silberne Lorbeerblatt © getty

Ein Jahr danach beschreibt Jonas Reckermann bei SPORT1 die Folgen seines Olympiasiegs und das Verhältnis zum Ex-Mitspieler.

Von Christian Stüwe

München - Es ist auf den Tag genau ein Jahr her, dass Jonas Reckermann mit seinem Partner Julius Brink den größten Erfolg seiner Karriere feierte.

Im Finale der Olympischen Spiele in London besiegte die deutschen Beachvolleyballer das brasilianische Überteam Alison Cerutti und Emanuel Rego.

In einem dramatischen Finale brachte der vierte Matchball im dritten Satz die Goldmedaille - die SPORT1-User wählten das Spiel zu ihrem größten olympischen Moment.

Mit 33 Jahren beendete Reckermann dann im Januar seine Karriere wegen anhaltender Rückenprobleme (World Tour in Berlin, Sa. ab 12 Uhr LIVE im TV auf SPORT1+ und ab 17.25 Uhr auf LIVE im TV auf SPORT1).

SPORT1 traf den Zwei-Meter-Mann beim "smart beach day" in Aschheim bei München und sprach mit Reckermann über die Goldmedaille in London, sein neues Leben nach dem Leistungssport und seinen Ex-Mitspieler.

SPORT1: Herr Reckermann, wie hat sich Ihr Leben seit Ihrem Rücktritt verändert?

Reckermann: Das Leben eines Profisportlers oder eines Beachvolleyballers ist doch etwas Anderes als das eines normalen Arbeitnehmers. Wir haben keine festen Arbeitszeiten oder eine Base zu Hause, sondern haben überall auf der Welt gearbeitet und gelebt. Das ist der größte Unterschied, dass ich deutlich mehr zu Hause bin. Wir waren über 200 Tage im Jahr im Ausland. Auch der klar getaktete Tagesablauf hat sich geändert: Aufstehen, Essen, Training, Essen, Training, Essen, Schlafen ? das ist vorbei.

SPORT1: Vermissen Sie den Profi-Sport bereits?

Reckermann: Bisher noch nicht. Ich liebe den Sport, ich habe das Leben als Profi sehr genossen, aber jetzt beginnt ein neuer interessanter Abschnitt. Ich verdanke dem Sport und der Reisen sehr viel. Ich denke, dass der Sport - und Beachvolleyball insbesonders - charakterbildend ist. Man lernt ganz viele Leute, Kulturen und Sprachen kennen. Das ist ein Geschenk, dass man das in jungen Jahren in komprimierter Form erleben darf. Als Beachvolleyballer hat man aber wenig Zeit, sich vor Ort Sachen anzusehen. Deshalb sehe ich das so, dass ich mir viel Interesse und Geschmack geholt habe und jetzt nach und nach meine Urlaube an den Orten verbringen werde, wo ich früher hauptsächlich beruflich war.

SPORT1: Und die Spiele?

Reckermann: Klar. An Tagen, an denen die Sonne scheint und perfekte Beachvolleyball-Bedingungen herrschen, juckt es schon ein bisschen. Aber bisher spiele ich dann eher Fußball oder Footvolley ? Sportarten, die ich in den letzten zwölf Jahren eher selten spielen konnte, mir aber großen Spaß machen.

SPORT1: Also geht es Ihrem Rücken gut?

Reckermann: Gut ist übertrieben, aber es ist schon okay. Das ist eine langfristige Geschichte mit meinem Rücken. Es war nicht so, dass da von heute auf morgen etwas entstanden ist, was vorher nicht da war. Deshalb ist es jetzt nicht viel schlechter, als es vor einem Jahr gewesen ist. Ich trainiere jetzt nicht mehr im Bereich zwischen 99 und 100 Prozent der maximalen Leistungsfähigkeit. Gerade im Krafttraining verzichte ich darauf, mit extrem hohen Gewichten zu arbeiten. Etwa bei Kniebeugen, was schon extrem auf dem Rücken geht, aber eben notwendig ist für unsere sehr kraftraubende Sportart. Da braucht man eine Basis für Schnellkraft und Sprungkraft. Die brauche ich im Freizeitbereich nicht mehr.

SPORT1: Der Olympiasieg liegt nun fast ein Jahr zurück. Denken Sie noch jeden Tag daran und werden Sie oft darauf angesprochen?

Reckermann: Es ist eher so, dass ich darauf angesprochen werde. Vielleicht nicht jeden Tag, aber ich habe schon gemerkt, dass das sehr, sehr viele Leute gesehen haben. Es hat viele Leute berührt und emotionalisiert. Es war ein spannendes Spiel, das neun Millionen Menschen gesehen haben. Viele Menschen erzählen mir, wo sie während des Spiels waren, wie toll das war und das sie ja eigentlich nie Beachvolleyball schauen.

SPORT1: Wie lange hat es gedauert, bis Sie realisiert haben, dass Ihnen etwas ganz Außergewöhnliches gelungen ist?

Reckermann: Mir war schon bewusst, dass wir etwas Besonderes erreicht haben. Denn Olympia ist das Highlight. Und wenn man das gewonnen hat, weiß man, dass man etwas Sensationelles erreicht hat. Das sagt aber noch nichts darüber aus, was es in der Öffentlichkeit bewirkt hat. Dass das wirklich so groß war, haben wir erst nach und nach gemerkt. Für viele Leute war das Finale das Top-Erlebnis bei Olympia. Bei SPORT1 wurde es ja dazu gewählt. Dass das Spiel noch so lange nachwirkt und dass wir die Leute berührt haben - das braucht seine Zeit, um das zu realisieren.

SPORT1: Hat der Gewinn der Goldmedaille Ihrem Sport einen Schub in Deutschland gegeben?

Reckermann: Auf jeden Fall. Für jede Sportart ist das Ziel, im Fernsehen und der Öffentlichkeit vertreten zu sein. Jetzt sind die TV-Sender eingestiegen. SPORT1 hat von der Weltmeisterschaft berichtet, "Sky" zeigt die Tour. Es ist toll für unsere Sportart, dass es diese Plattform jetzt gibt. Bei Olympia hat man gesehen, dass die Sportart die Leute begeistern kann, jetzt können sie etwas davon sehen. Aber es spielt sich nicht nur im Fernsehen ab. Wir merken, wie gut die Beachvolleyball-Anlagen besucht sind. Auch Lehrer erzählen mir, dass ihre Schüler ganz heiß auf Beachvolleyball sind. Das ist toll, dass es nicht nur auf die Protagonisten von London, also Julius und mich, einwirkt, sondern einer ganzen Sportart mehr Wahrnehmung in der Öffentlichkeit bringt. Das macht uns stolz.

SPORT1: Ihr Partner Julius Brink hat über Sie gesagt: Jetzt hat er aufgehört, jetzt können wir richtig gute Freunde sein. Wie ist das Verhältnis jetzt?

Reckermann: (lacht) Das Verhältnis ist sehr gut. Wir hatten auch vorher ein sehr gutes Verhältnis, ohne das jetzt als tiefe Freundschaft zu titulieren. Julius ist sehr viel unterwegs, wir sehen uns jetzt nicht täglich. Wir tauschen uns aber aus, haben gemeinsame Projekte und machen Dinge gemeinsam. Das Verhältnis ist sehr entspannt und gut. Das Verhältnis war auch nie so kritisch oder wenig freundschaftlich, wie es von den Medien manchmal gemacht wurde. Aber das ist natürlich auch eine schöne Story. Wir haben immer gesagt, dass wir nicht die besten Freunde sind, was auch stimmte. Wir machen auch jetzt nicht alles zusammen. Aber wir freuen uns immer, wenn wir uns sehen und haben dann auch Spaß.

SPORT1: Denken Sie, Julius Brink kann mit seinem neuen Partner Sebastian Fuchs ähnliche Erfolge feiern wie mit Ihnen?

Reckermann: Ich möchte nicht noch mehr Druck aufbauen. Ich denke, für den Sebastian und das ganze Team ist es ohnehin schwierig, nach so einer Erfolgsstory die nächste schreiben zu wollen. Die Vergleiche werden gezogen, das ist auch normal und in Ordnung. Sie haben ein Riesen-Potenzial und passen sehr gut zusammen. Aber sie brauchen auch Zeit. Sebastian ist, was Beachvolleyball angeht, noch am Anfang. Er kommt aus der Halle, was eine verwandte, aber letztlich andere Sportart ist. Man muss ihm die Zeit geben, sich zu entwickeln. Julius war und ist dieses Jahr sehr viel verletzt. Deswegen wird man das wahre Team Brink/Fuchs vermutlich erst im nächsten Jahr sehen, wenn sie mal längerfristig zusammen trainiert und die erforderliche Spielpraxis haben. Aber dann kann man richtig viel von ihnen erwarten. Dass Julius das Potenzial hat, weiß jeder. Und Sebastian ist gerade im athletischen Bereich ein unfassbares Ausnahmetalent.

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