Marco Baldi wurde 2009 zum Vereinsfunktionär des Jahres ausgezeichnet
Der studierte Betriebswirt Marco Baldi ist seit 1990 als Manager in Berlin aktiv © getty

Vor dem Spiel mit ALBA Berlin bei den Bayern spricht Marco Baldi bei SPORT1 über die Rivalität beider Klubs.

Von Martina Farmbauer

München - Wenn Bayerns Basketballer (So, ab 17.15 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 u. im LIVESTREAM) ALBA Berlin in der Beko BBL empfangen, ist der sportliche Wert der Begegnung überschaubar. Im letzten Spiel der regulären Saison stehen die Bayern vor den Playoffs als Erster ebenso fest wie ALBA als Dritter. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Doch das Duell der deutschen Basketball-Schwergewichte hat natürlich trotzdem eine Menge Brisanz.

Nicht zuletzt deshalb, weil Bayern den Berlinern im Sommer vier "Albatrosse" wegschnappte. SHOP: Jetzt Basketball-Artikel kaufen

Eine ähnliche "Hauptstadt-Flucht" befürchtet ALBA-Geschäftsführer Marco Baldi im Interview mit SPORT1 für die kommende Saison nicht. Die Berliner wollen sich vielmehr auf ihre eigenen Stärken besinnen.

"Wollen ein Team entwickeln"

SPORT1: ALBA Berlin hat im vergangenen Jahr den Pokalsieg gefeiert, in den Playoffs setzte es dann aber das Aus gegen Bayern und es kam zu einem kompletten Umbruch. Können Sie einen dermaßen großen Umbau im Kader in diesem Jahr ausschließen?

Marco Baldi: Ja, weil wir uns völlig neu aufgestellt haben. Aber es ist ein Neuaufbau, bei dem wir ein Team entwickeln wollen. Das geht natürlich nur mit jüngeren Spielern, jüngeren deutschen Spielern, die man langfristig verpflichtet, mit denen arbeitet und sich darüber gemeinsam entwickelt. Acht von zwölf Spielern haben mindestens für das nächste Jahr noch einen Vertrag.

SPORT1: Das heißt, Sie befürchten nicht, dass erneut der ein oder andere ALBA-Spieler nach München geht? Der FC Bayern hat im vergangenen Sommer vier "Albatrosse" an die Isar gelockt.

Baldi: Wir sind seit vielen Jahren gewohnt, dass wir im Wettbewerb stehen, auch auf dem Spielermarkt. Neu ist, dass mit Bamberg und Bayern zwei "Spieler" auf dem Markt sind, die von der Finanzkraft her stärker sind als wir. Darauf müssen wir uns auf zwei Ebenen einstellen: Zum einen eben, ein Team zu entwickeln; zum anderen, auch beim Budget den Anschluss zu halten.

"Wichtig ist die Nachhaltigkeit"

SPORT1: Glauben Sie, dass Bayerns Etat ohne Finanzspritze aus dem Fußball zustande kommt?

Baldi: Ich gehöre nicht zu denjenigen, die auf andere zeigen, wenn diese gut arbeiten und das Beste aus ihren Möglichkeiten machen. Im Gegenteil: Mittel muss man sich erarbeiten; und wenn die Bayern ihre Strahlkraft, die sie sich im Fußball erworben haben, für Basketball nutzen, dann ist das in Ordnung. Wichtig ist, mit welcher Nachhaltigkeit das geschieht. Wir gehen jetzt in unsere 24. Saison, und wir gehen zum 24. Mal in die Playoffs. Das haben wir uns als höchstes Ziel gesetzt: eine beständige Größe im Spitzenbereich im deutschen Basketball zu sein.

SPORT1: Was wollen Sie machen, um die finanzielle Lücke nicht allzu so groß werden zu lassen?

Baldi: Wir müssen über eine starke Identität kommen. ALBA Berlin kann nicht dafür stehen, dass wir mehr zahlen, wenn wir einen Spieler haben wollen. ALBA Berlin muss stehen für: beste Trainingsbedingungen, beste Wettbewerbsmöglichkeiten, höchste Intensität, große Geschlossenheit. Wir haben auch das Merkmal als Hauptstadtklub. Aber am Ende wird es darum gehen, wie wir unser Profil nach außen tragen.

SPORT1: Uli Hoeneß, größter Förderer der Bayern-Basketballer, muss bald seine Haftstrafe antreten. Wie denken Sie, geht das Projekt ohne ihn weiter?

Baldi: Wir sind froh, dass die Bayern da sind, weil sie das Geschäft beleben. Man muss natürlich hoffen, dass das Projekt auf stabilen Füßen steht. Die Mannschaft hat ja ihren Beitrag geleistet, weil sie eine ausgezeichnete Saison spielt. Und das gehört sicher auch dazu: dass man aus seinen Mitteln, die sehr üppig sind, das umsetzt, was man sich vorgenommen hat, nämlich an der Spitze zu stehen in Deutschland und Europa.

SPORT1: Befürchten Sie, dass Bayern im Sommer noch einmal aufstockt, gerade um in der Euroleague noch konkurrenzfähiger zu werden als bisher?

Baldi: Dann ist für uns die Aufgabe, zu sehen, wie wir da dranbleiben. Ich befürchte gar nichts. Wir haben im vergangenen Jahr in der Euroleague einen Sieg weniger als die Bayern in diesem Jahr in den Top 16. Wir haben den Pokal gewonnen. Diesmal hatten wir drei Kreuzbandrisse und sind in der ersten Runde ausgeschieden.

"Bayern werden zurecht gefeiert"

SPORT1: ? und alles war furchtbar.

Baldi: Die Bayern werden jetzt für ein ähnliches Ergebnis, ohne dass sie den Pokal gewonnen haben, gefeiert. Zurecht gefeiert. Wir alle wollen, dass der deutsche Basketball sich weiter entwickelt und das geht auch über eine gute internationale Performance. Die haben die Bayern in diesem Jahr geleistet. Wenn sie noch eine Schippe drauflegen können, wird das Ganze belebt und davon werden wir auch profitieren. Wir sollten nur darauf achten, dass nicht alle deutschen Spieler, sei es Jugend- oder Spitzenspieler, bei Bayern unter Vertrag stehen.

SPORT1: Apropos Stärken und Potentiale: Bayerns Malcolm Delaney ist wertvollster Spieler geworden - hätte er auch Ihre Stimme bekommen?

Baldi: Delaney spielt eine exzellente Saison. Da gibt es sicher noch einige andere, die man auch nennen kann. Reggie Redding hat eine herausragende Saison gespielt, Leon Radosevic hat einen starken Eindruck hinterlassen, um unsere Spieler zu nennen. Aber so wie die Aufteilung war, ist das eine absolut korrekte und nachvollziehbare Entscheidung.

SPORT1: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Mannschaft von ratiopharm Ulm, gegen die es in den Playoffs geht, und Trainer Thorsten Leibenath?

Baldi: Ulm gehört zu den Protagonisten, die in den vergangenen Jahren das Beste aus ihren Möglichkeiten gemacht haben. Sie haben eine ausverkaufte Halle, sie haben eine große Begeisterung in einer ganzen Region ausgelöst, sie haben ihr Budget erhöht, die Infrastruktur entwickelt - und sie haben vor allem eine Mannschaft, die in der Liga jeden schlagen kann. Von daher ist sie auch für uns ein sehr gefährlicher Gegner. Die Ulmer haben einen Spielstil, der dem Gegner nicht entgegenkommt, weil sie extrem gute Dreierschützen und viele sehr schnelle Spieler haben. Das macht sie unberechenbar.

SPORT1: Hätten Sie sich einen anderen Gegner gewünscht?

Baldi: Ich glaube, dass alle von eins bis acht die Chance haben, die nächste Runde zu erreichen. Ich sehe keine Playoff-Paarung, bei der ich von vornherein sagen würde: Das ist ein Selbstgänger. Das gilt für alle und das gilt besonders für uns. Wir sind in den vergangenen beiden Jahren jeweils in der ersten Playoff-Runde ausgeschieden und müssen sehen, dass wir es diesmal besser machen.

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