Per Günther hat bisher 47 Länderspiele für Deutschland bestritten © imago

Per Günther spricht vor dem Spiel gegen Bonn über die Ulmer Euphoriewelle, seine Rolle und die Taktik gegen Jordan.

Von Raphael Weber

München - Es läuft für Ulm.

Mit sieben Siegen aus acht Spielen führt der Vorjahresfinalist die Tabelle der Beko BBL an und will die Spitze im Heimspiel gegen die Telekom Baskets Bonn (ab 20 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) verteidigen. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Auch im Eurocup gelang bei Cholet Basket ein souveräner 93:71 (51:36)-Sieg (Bericht). Mit Thorsten Leibenath verlängert außerdem der Trainer des Jahres seinen Vertrag bei ratiopharm Ulm bis 2015 (News).

Gesteuert wird die gut geölte Ulmer Maschine von Point Guard Per Günther. Offensiv kommt auf den 24-jährige Nationalspieler durch die Verletzung von Allan Ray noch mehr Verantwortung zu, defensiv wird ihm Bonns Jared Jordan alles abverlangen.

Im SPORT1-Interview spricht der Günther über den Ritt auf der Erfolgswelle, seine neue Rolle, die Taktik gegen Bonns Lenker Jordan und verrät, warum Ulm "leider geil" ist.

SPORT1: Nach der verpassten Euroleague-Quali gelang im Eurocup gegen Cholet ein Traumstart. Was haben Sie sich international vorgenommen?

Per Günther: Wir haben eine sehr schwere Gruppe erwischt, aber der Sieg in Cholet war ein erster Schritt. Für uns alle wäre es ein Riesen-Erfolg, wenn wir die Gruppenphase überstehen.

SPORT1: Topscorer Allan Ray hat sich in Cholet verletzt und wird gegen Bonn ausfallen(News): Wie schwer wiegt sein Fehlen?

Günther: Er ist natürlich ein zentrales Puzzlestück unserer Mannschaft und gibt uns Kreativität auf dem Flügel. Es ist immer schwierig, wenn wir ohne ihn spielen müssen, denn er kann für sich und andere Würfe kreieren und hat gerade beim Zug zum Korb den anderen Flügeln etwas voraus.

SPORT1: Ihr Gegenspieler Jared Jordan ist Bonns Denker und Lenker und mit 7,2 Assists der beste Vorlagengeber der Beko BBL. Wie wollen Sie ihn aus dem Konzept bringen?

Günther: Das ist keine leichte Aufgabe. Immer, wenn Bonn in die Halle kommt, wissen wir, dass Jordan zu kontrollieren ein sehr großer Schritt Richtung Sieg ist. Da werde ich zusammen mit Lance Jeter besondere Defensiv-Aufgaben haben. Statt selber zu scoren werden wir die Kreise von Jordan möglichst einschränken, damit er sich nicht entfalten kann. Bonns ganze Mannschaft lebt, steht und fällt mir Jared.

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SPORT1: Bayern hat einen Rumpel-Start hingelegt, ALBA hatte einen Durchhänger, sogar Bamberg hat schon gepatzt, aber Ulm marschiert - wieso?

Günther: Wir hatten uns schon einen guten Saisonstart ausgerechnet, weil wir das Gerüst der Mannschaft zusammengehalten haben. Diese Eingespieltheit zeigt sich, wenn überhaupt, früh in der Saison. Andere Mannschaften müssen sich noch finden, wir hatten keine große Übergangsphase und nicht viele neue Spieler.

SPORT1: Eine frühe Pleite gab es dann aber doch?

Günther: Ja, wir haben gegen Ludwigsburg (84:91 n.V.) auch früher gepatzt als man dachte, und dann auch noch im Heimspiel, was sehr untypisch für uns ist. Das hat uns aber sogar geholfen. Danach war uns klar, dass wir mit 80, 90 Prozent kein einziges Spiel in der BBL gewinnen.

SPORT1: Führt die Meisterschaft dieses Jahr nur über Ulm?

Günther: So weit würde ich nicht gehen. Auch wenn ALBA schon zwei Spiele verloren hat, sieht man, dass sie deutlich besser sind als letzte Saison. Auch Bayern wird stärker sein. Mit Oldenburg ist noch eine ganz neue Mannschaft dazugekommen. In der Spitze ist es schon breiter geworden. Wir sind aber so selbstbewusst zu sagen, dass wir zum Favoritenkreis gehören.

SPORT1: Wie konnte das Team den Abgang des letztjärigen Topscorers Isaiah Swann so gut auffangen?

Günther: Er war ein wahnsinnig wichtiger Teil unseres Erfolges in der letzten Saison und hat die gegnerischen Defensive sehr gefordert. Auf dem Flügel haben wir jetzt nicht mehr diesen einen Haupt-Akteur, das Scoring ist auf mehrere Schultern verteilt. Mit Philipp Schwethelm haben wir eine Option, natürlich Ray, dazu noch Steven Esterkamp ? wir haben da einige Leute.

SPORT1: Sie sind mit 13,8 Punkten zweitbester Scorer ihres Teams. Suchen sie dieses Jahr bewusst öfter den Abschluss?

Günther: Ja. Durch den Ausfall von Tommy Mason-Griffin und die Abgänge von Rocky Trice und Isaiah Swann fehlt uns der Zug zum Korb, der Lücken für sich selbst oder die Werfer reißt. Das ist eine Rolle, die ich jetzt mit ausfüllen muss. Das wird sich aber einpendeln, denn wir haben genug Qualität. Ich muss nicht jedes Spiel in diesem Bereich punkten, phasenweise ist es aber nötig.

SPORT1: Trainer Thorsten Leibenath hat bis 2015 verlängert: Wie wichtig ist das?

Günther: Das ist ein weiteres positives Signal an die Mannschaft, aber auch den Standort Ulm. Mit seinen Leistungen letzte Saison und auch jetzt weckt Leibenath Begehrlichkeiten bei anderen Klubs. Der Markt an deutschen Trainer ist ja nicht so riesengroß. Darum ist es schön, dass er sich entschlossen hat, zu bleiben. Auch für Spieler, die sich für nächstes Jahr empfehlen wollen, ist es wichtig zu wissen, dass er auch dann wieder an der Seitenlinie steht.

SPORT1: Was zeichnet ihn denn dort aus?

Günther: Er macht nicht das Rumpelstilzchen, aber entgegen seinem Naturell explodiert er dann schon mal. Außerdem ist er ein großer Analytiker und überlässt nichts dem Zufall. Er schaut viel Video und präsentiert sehr gute Analysen des Gegners, aber auch der eigenen Fehler und Stärken.

SPORT1: Ulm hat gerade eine kleine Kooperation mit Deichkind - was macht ihr Team denn "leider geil"?

Günther: Die Euphoriewelle, die immer noch nicht abgebrochen ist. Die Stadt ist wahnsinnig euphorisiert, und das über einen so großen Zeitraum. Es gab sicher viele, die damit gerechnet haben, dass es nach dem tollen Start letztes Jahr irgendwann einbricht. Im Sommer hieß es auch 'Jetzt ist mit den Ulmern mal Schluss. Jetzt kommen Bayern oder Oldenburg'. Aber es hört nicht auf und das ist schon etwas Besonderes. Wir wollen diese Welle des Erfolges so lange wie möglich reiten.

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