München - Im WM-Finale drängt Primus Michael van Gerwen mit aller Macht auf den Titel. Der Triumph wäre eine Trendwende nach den zuletzt oft enttäuschend verlaufenen Titelkämpfen.

von Michael Prieler

Wie ein Roboter malträtierte der Weltranglistenerste Michael van Gerwen im WM-Halbfinale gegen Raymond van Barneveld die acht Millimeter breiten Doppel- und Triplefelder auf dem Dartsboard.

Das historische Ergebnis: Mit 114,05 Punkten pulverisierte der Niederländer Phil Taylors 15 Jahre alten Turnier-Average-Rekord von 111,21 Punkten und zog mit einem sensationellen 6:2-Erfolg im Oranje-Duell in sein drittes WM-Finale ein.

"Nur" drei Finalteilnahmen

Bei der Dominanz, mit der "Mighty Mike" seine Gegner regelmäßig überrollt und ihnen wie am Sonntag selbst bei eigenen Weltklasse-Leistungen nicht den Hauch einer Chance lässt, erscheinen drei Finalteilnahmen eher spärlich. Gefühlt spielt van Gerwen die Konkurrenz ja schon seit Jahren in Grund und Boden.

Doch die WM (LIVE im TV auf SPORT1, im LIVESTREAM und im LIVETICKER) ist eben nicht vergleichbar mit allen anderen Turnieren - zu van Gerwens Leidwesen vor allem auch, weil es dort nicht primär auf die Anzahl der gewonnen Legs ankommt, sondern die Anzahl der gewonnenen Sätze entscheidet.

Das bedeutet, der Gegner kann sich auch einmal drei verlorene Legs in Folge leisten, ohne den Anschluss gleich komplett zu verlieren. Das spielt van Gerwen, dessen große Stärke seine unmenschliche Konstanz ist, nicht unbedingt in die Karten.

Keine Liebesgeschichte

Die WM im Londoner Alexandra Palace, der unumstrittene Höhepunkt eines jeden Dartsjahres, und Dominator van Gerwen - diese Konstellation ist bis jetzt noch keine echte Liebesgeschichte.

Bei seinen ersten Auftritten im Ally Pally bezahlte MvG ordentlich Lehrgeld, kam nie über die zweite Runde hinaus. 2013 erreichte der Shootingstar dann endlich das Finale, brach aber ein: Gegen Rekordweltmeister Phil Taylor entschied van Gerwen nach einer 4:2-Führung keinen einzigen Satz mehr für sich und musste sich mit 4:7 geschlagen geben.

2014 dann die Wiedergutmachung: Wieder spielte sich MvG in furioser Manier ins WM-Endspiel. Dieses Mal ließ er sich auf dem Weg zum Titel nicht mehr aufhalten, behielt gegen Peter "Snakebite" Wright mit 7:4 die Oberhand und wurde mit 24 Jahren zum jüngsten Darts-Weltmeister der Geschichte.

Mit diesem Triumph löste "Mighty Mike" obendrein den über Jahrzehnte dominierenden Phil Taylor in der Geld-Weltrangliste ab. Das Fundament für eine neue WM-Ära schien bereitet.

Rückschläge statt Titelverteidigung

Doch seitdem wurde der Ally Pally für van Gerwen, der auf der Bühne so verbissen, mechanisch und bisweilen arrogant wirkt, abseits des Dartboards aber durch und durch harmoniesuchender Familienmensch ist und vor dem Halbfinalkracher gegen Landsmann van Barneveld sogar mit dessen Familie Silvester feierte, zur Stätte der Rückschläge.

In den großen Duellen fanden seine Gegner immer wieder ein Rezept, dem heute 27-Jährigen den Wind aus den Segeln zu nehmen, das ihnen im übrigen Dartsjahr offenbar verschlossen bleibt.

2015 räumte Gary "The Flying Scotsman" Anderson den großen Favoriten auf seinem Weg zum ersten WM-Titel überraschend deutlich mit 6:3 Sätzen im Halbfinale aus dem Weg. Im Vorjahr scheiterte "Mighty Mike" schon im Achtelfinale krachend an einem aufgedrehten Raymond van Barneveld.

Die "Hürde Barney" hat van Gerwen dieses Mal im Halbfinale genommen - und das in einer für die Konkurrenz beängstigenden Manier. Schon in der zweiten Runde hatte der Niederländer die Gala-Vorstellung seines Herausforderers Cristo Reyes bravourös gekontert.

Mit aller Macht zur Trendwende

Es scheint, als freunde sich der unangefochtene Darts-Dominator endlich auch mit dem Spielort an, an dem er seine bislang größten Niederlagen einstecken musste.

Leidtragender könnte im WM-Endspiel der Schotte Gary Anderson sein, der bislang immer zur Stelle war, wenn van Gerwen im Ally Pally schwächelte und am Montag seinen Titel-Hattrick perfekt machen könnte - wäre da nicht dieser außerirdische Dartsspieler aus der 30.000-Einwohnergemeinde Boxtel, für den es momentan offenbar keine Grenzen am Oche gibt.

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