München - Die Crailsheim Merlins wollen die nächste große Außenseitergeschichte des Sports schreiben. Bei SPORT1 erklären sie ihren Plan.

Von Robin Wigger

An Selbstbewusstsein mangelt es dem Neuen nicht.

"Ihr werdet uns lieben" behaupten die Crailsheim Merlins. Es ist der Slogan, mit dem der Aufsteiger in die erste Bundesliga-Saison seiner Geschichte geht.

Große Worte. Aber warum soll man ihn lieben, den großen Unbekannten aus der 32.000-Einwohner-Gemeinde im Nordosten Baden-Württembergs?

"Weil wir sympathisch sind, uns den Allerwertesten aufreißen und Euch begeistern werden", verspricht Ingo Enskat, Sportlicher Leiter des Klubs, im Gespräch mit SPORT1.

Auf Rastas Spuren

Ein Aufsteiger als sympathischer Underdog - das erinnert an die vergangene Saison.

RASTA Vechta eroberte mit seinem Auftreten und seiner Geschichte die Herzen der Liga und Fans. Sportlich nahm die Geschichte aber nicht das erhoffte Ende.

"Ich glaube, Vechta hat da im letzten Jahr vieles richtig gemacht, obwohl sie abgestiegen sind", sagt Enskat. Sein Team würde gerne noch ein bisschen mehr richtig machen.

Vechtas Geschichte, das war die Vermischung aus Rasta, Reggae und Basketball. Auch der Nachfolger aus dem Landkreis Schwäbisch Hall hat Besonderes zu bieten, vor allem seine Halle.

Basketball statt Rinderauktionen

Angesichts gestiegener Anforderungen der Beko BBL (ab 2. Oktober LIVE im TV auf SPORT1) wird die Arena Hohenlohe mit einem Fassungsvermögen von etwa 3200 Zuschauern die neue Heimspielstätte der Crailsheimer sein.

Bisher war sie Austragungsort des jährlichen Weihnachtsspiels und von Rinderauktionen. Passenderweise vergleicht sie Beko-BBL-Geschäftsführer Jan Pommer mit einer Stierkampfarena.

"Sie ist für mich eine der Top-Heimspielstätten in Deutschland", sagt Enskat. Mit ihrem Holz und ihrem Charakter erinnere sie an das Flair amerikanischer College-Arenen.

Schüler-AG als Auslöser

Eine weitere Parallele zu Vechta sind die Anfänge des Vereins. Wie bei den Niedersachsen begann alles mit einer Schüler-AG.

Die treibende Kraft war kein großer Geldgeber, sondern eine Gruppe von jungen Erwachsenen um den jetzigen Manager Martin Romig.

"Wir hatten einfach unglaubliche Lust auf Basketball und haben dann nach ein paar Bierchen beschlossen, dass wir einen Verein aufmachen", schildert Enskat, der vor drei Jahren von der Seitenlinie in die Sportliche Leitung gewechselt ist.

Jimi Hendrix' Bühne

Und eben auch ein bisschen Reggae steckt in der Historie: Hatten die Zauberer anfangs noch Probleme, überhaupt eine passende Halle zu finden, eröffnete sich 1995 eine wirkliche Perspektive.

Eine Kasernen-Halle der abgezogenen US-Streitkräfte, in der 1967 noch Jimi Hendrix vor GIs aufgetreten war, wurde zur neuen Heimspielstätte.

Schritt für Schritt ging es nach oben. 2001 stieg Crailsheim in die damalige zweite Bundesliga auf, acht Jahre später ging es von der Pro B hoch in die Pro A.

Schwierige Zeiten

In dieser mussten die Merlins auch schwierige Zeiten überstehen. Zwischenzeitlich kämpfte das Team im ersten Jahr unter Coach Willie Young gegen den Abstieg. Doch der Amerikaner bekam das Vertrauen ausgesprochen, denn "wir sind ein Verein, in dem die Trainer längerfristig arbeiten", erzählt Enskat.

Das Vertrauen zahlte sich aus. In der folgenden Saison gelang überraschend die Qualifikation für die Bundesliga.

Jetzt soll der ehemalige Crailsheimer Spielmacher Young, der in den Jugendteams des Vereins an seinen Trainerfähigkeiten feilte und sich bis zurück zur ersten Mannschaft hoch arbeitete, das Team zum Klassenverbleib führen.

Selbstbewusster Außenseiter

Kein leichtes Unterfangen. Der Aufsteiger startet als großer Außenseiter in die Saison, naturgemäß.

Andererseits: Die Fußballer vom SC Paderborn bezeichneten sich als krassesten Außenseiter der Bundesliga-Geschichte - und es läuft dort bislang ja auch nicht schlecht.

Und Crailsheim? "Realistisch gesehen sind wir von der Größenordnung und dem Etat her ein klarer Underdog", sagt Enskat, der ein Budget von angeblich 1,5 Millionen Euro zur Verfügung haben soll.

Doch die Baden-Württemberger gehen mit Selbstvertrauen ins Abenteuer. "Ich bin kein Freund davon, diese Außenseiter-Geschichte zu sehr zu reiten. Wir sind jetzt Erstligist und werden unseren Platz in der Liga finden", meint Enskat. "Wir müssen durchaus auch das Selbstbewusstsein haben, zu sagen: Hey, wir wollen jetzt hier auch die Spiele gewinnen."

Spielmacher im Fokus

Das Ziel ist und bleibt aber der Klassenverbleib. "Wir werden alles dafür geben", sagt Young beiSPORT1. Der Trainer beschreibt sich selbst als verständnisvollen Players' Coach mit der nötigen Härte. "Die Gegner müssen uns bekämpfen, wenn sie uns schlagen wollen. Wir werden rausgehen und 40 Minuten Defense spielen."

In der Offensive liegt der Fokus auf Point Guard Garrett Sim, der als letztjähriger Topscorer der Pro A aus Jena zu den Merlins kommt.

Mit A2-Nationalspieler Joshiko Saibou (aus Gießen) steht zudem ein starker Backup bereit. Nötige Erfahrung könnte Center Jannik Freese (über 160 BBL-Spiele) bringen, dessen Verpflichtung kurz vor dem Abschluss stehen soll.

Elementar für die Offensive werden auch die Wurfkünste von Jared Newson sein, der bereits bei den Brose Baskets Bamberg aktiv war und auch schon mal für Dirk Nowitzkis' Dallas Mavericks in der NBA Summer League aktiv war.

Teambuilding in den Bergen

Auch in Crailsheim sollen es aber nicht die einzelnen Spieler sein, die die Underdog-Geschichte schreiben - sondern die Mannschaft als großes Ganzes.

Zu diesem Zweck gab es vor der Saison Teambuildung, in Ausflug in die Berge mit Wandern, Klettern und Campen.

"Wir wollten etwas auf die Beine stellen, bei dem das Team noch näher zusammenrückt", erklärt Young die Idee hinter dem Trip: "Es war ziemlich hart, aber wir haben es geschafft. Das hat schon mal gezeigt, dass die Spieler Probleme und Schwierigkeiten bewältigen können."

Exot mit Flair

Kleinere Hügel und Täler muss der Neuling auch in der Bundesliga überstehen. Die Partie bei medi Bayreuth am Donnerstag ist die erste Etappe.

"Kleine Stadt, kleiner Etat - jeder stempelt uns als Underdog ab", sagt Young: "Hoffentlich können wir einige Leute überraschen."

Enskat schlägt in die gleiche Kerbe: "Wir sind sicherlich ein Exot. Aber wir haben auch ein gewisses Flair, mit der wir die Liga bereichern werden."